Dr. theol. Josef Spindelböck

 

Ein Bischofswort, um danach zu leben!

Kommentar zum Sozialhirtenbrief der österreichischen Bischöfe vom 15. Mai 1990

 

Dieser Beitrag wurde bereits 1990 erstellt und anläßlich der Internet-Publikation des Sozialhirtenbriefes auf www.stjosef.at am 15. Januar 2004 leicht überarbeitet ins Netz gestellt.

 

Auf den Tag genau 99 Jahre nach dem Erscheinen der ersten Sozialenzyklika der Kirche, nämlich des Schreibens "Rerum novarum" von Papst Leo XIII., stellten die Bischöfe Österreichs am 15.5.1990 ihren Sozialhirtenbrief vor.

Im Titel greifen sie eine Formulierung des jetzigen Papstes auf: "Der Mensch ist der Weg der Kirche." Johannes Paul II. schrieb am 4.3.1979 in seiner Antrittsenzyklika "Redemptor hominis" (Der Erlöser des Menschen): "Dieser Mensch ist der erste Weg, den die Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags beschreiten muß: er ist der erste und grundlegende Weg der Kirche, ein Weg, der von Christus selbst vorgezeichnet ist und unabänderlich durch das Geheimnis der Menschwerdung und Erlösung führt." (Art. 14) "Durch Christus", so sagen die Bischöfe, "ist der Weg der Menschen auch der Weg der Kirche."

Das Bemühen der Bischöfe, dem Heil und Wohl des ganzen Menschen, so wie Gott ihn haben will, zu dienen, ist im ganzen Text des Hirtenbriefs deutlich spürbar. Nicht zuletzt deshalb hat er auch überwiegend positive Reaktionen aus Kirche und Gesellschaft erfahren, ungeachtet mancher kritischer Bemerkungen zu den einzelnen Fragen.

 

In drei Hauptteilen werden (II.) "Der Weg des Menschen in Arbeit und Wirtschaft", (III.) "Gesellschaft in Solidarität und Verantwortung" und (IV.) "Sinnfragen, Werte und Ziele" behandelt.

Vorangestellt ist nach der Einleitung das Kapitel (I.) "Das Gespräch suchen" und abgeschlossen wird das 77 Seiten umfassende Schreiben mit dem Abschnitt (V.) "Der Weg der Kirche".

 

Das Hirtenwort ist gekennzeichnet durch große Ausgewogenheit, ohne sich um die verschiedenen konkreten Probleme der Gesellschaft unseres Landes herumdrücken zu wollen. In der Besinnung auf die bewährte Tradition der katholischen Soziallehre wird versucht, auf die spezielle Not der Gegenwart einzugehen und Orientierung für mögliche Lösungen zu geben. Die Kirche zeigt Ziele auf, doch sie "macht keine Aussagen darüber, mit welchen Mitteln die den Menschen vorgegebenen Ziele am erfolgreichsten zu verwirklichen sind. Die Kirche muß aber Einspruch erheben, wenn Mittel angewendet werden, die dem Sittengesetz und dem Evangelium widersprechen."

Aus ihrer religiösen Sendung leitet die Kirche "das Recht und die Pflicht" ab, "für die Würde und die Rechte des Menschen auch im öffentlichen Leben einzutreten. Sie wird das gelegen oder ungelegen tun, nicht aus politischer Herrschsucht oder aus dem Streben nach Privilegien, sondern aus Treue zu ihrem Auftrag, mit der Haltung des Dialogs und des Dienstes."

 

"Der Weg des Menschen in Arbeit und Wirtschaft"

 

Besonderes Augenmerk wird der Welt der Arbeit geschenkt, die eine Mitwirkung am Plan des Schöpfergottes ist und von Christus geheiligt wurde. Sie dient nicht nur dem Erwerb, sondern der Mensch soll durch sie gleichsam "mehr Mensch werden". Der Mensch ist "Urheber, Mittelpunkt und Ziel der Wirtschaft". Es braucht einerseits Unternehmer mit großer Sachkompetenz und einem "hohen Maß an sozialer Kompetenz und Initiative", andererseits Arbeitnehmer, die ihre Verantwortung in der Welt der Wirtschaft wahrnehmen und sich auch gewerkschaftlich organisieren sollen. Dabei werden die bisherigen Leistungen beider Seiten anerkannt.

Auf Mißstände, z.B. in den Arbeitsbedingungen und im Betriebsklima, wird hingewiesen. Sorge bereitet den Bischöfen die Arbeitslosigkeit, die oft mit sozialer Ausgrenzung verbunden ist. Nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht zur Arbeit wird betont. Ein gerechter Lohn, auch für erwerbstätige Frauen, Flüchtlinge und Gastarbeiter, wird verlangt. Das Recht auf Eigentum ist von seiner sozialen Verpflichtung nicht zu trennen.

Nicht übersehen werden Bedeutung und Probleme der Landwirtschaft. Einer bäuerlich strukturierten wird Vorrang vor einer industriell betriebenen gegeben. Als Hauptaufgaben fallen ihr "die Versorgung der Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln" und "die Erhaltung und Pflege des ländlichen Naturhaushaltes und der natürlichen Lebensgrundlagen" zu. Es bestehe die Gefahr, daß genossenschaftliche Selbsthilfeorganisationen zu Selbstzwecken würden.

Dem Umweltschutzgedanken wird ebenso Rechnung getragen. Die Bewahrung und Gestaltung der Schöpfung ist ein religiöser Auftrag. Insbesondere heißt es: "Es besteht eine innere Beziehung zwischen dem Frieden mit Gott und dem Umgang mit der Schöpfung."

 

"Gesellschaft in Solidarität und Verantwortung"

 

Der Mensch als Ebenbild des dreieinigen Gottes "sucht das 'Du' und braucht das 'Du', um jenes 'Ich' zu werden, das Gott ihm zugedacht hat." Er ist gesellschaftlich angelegt. In der Kirche hat uns Christus zur Gemeinschaft der Glaubenden vereint.

Ehe und Familie sind in der Schöpfungsordnung grundgelegt, und Christus hat die Ehe zum Sakrament erhoben. Besonders bedauern die Bischöfe, "daß in Österreich die Familie als Kernzelle einer gesunden Gesellschaft zurückgedrängt wird" und "Ehe und Familie durch die Begünstigung konkurrierender Lebensformen in Bedrängnis geraten." Sie fordern mehr wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebensraum für die Familie.

Eigens gehen die Bischöfe auf die Rolle der Frauen ein und wiederholen "die Grundposition der Kirche hinsichtlich der fundamentalen Gleichheit der Geschlechter in ihrer Würde". Den "Diskriminierungen, die die Frau deshalb erfährt, 'weil sie Frau ist'," müsse entschieden begegnet werden. Hinsichtlich der Familien- und Erwerbsarbeit wird eine Neubestimmung verlangt: "Grundsätzlich darf die Gesellschaft eine Mutter mit Kindern nicht dazu zwingen, aus wirtschaftlicher Notwendigkeit eine Erwerbsarbeit zu übernehmen." Ebenso gilt: "Wenn Frauen berufstätig sind, gleich ob verheiratet oder alleinstehend, dann sollen sie dies tun können 'ohne Diskriminierung und ohne Ausschluß von Stellungen, für die sie befähigt sind'." Auch in der Kirche selber müsse das Bewußtsein für die Würde und Rechte der Frau gefördert werden.

Die Bischöfe sprechen ihre Sorge um die Jugend aus, die "das Recht auf eine qualifizierte Erstausbildung" hat, und rufen zu Solidarität mit den Schwächeren auf, wobei vor allem jugendliche Behinderte gemeint sind. Die Kirche solle die jungen Menschen hinführen zur Begegnung mit der Person Christi, "der für sie 'der Weg und die Wahrheit und das Leben' (Joh 14,6) sein will."

Eine neue soziale Frage sehen die Hirten Österreichs heute gegeben: Sie trete in einer innerstaatlichen und in einer weltweiten Dimension an uns heran. Innerstaatlich gibt es eine Vielfalt von benachteiligten Menschen am Rand der Gesellschaft: unter anderen werden Niedrigverdiener, Arbeitslose, Behinderte, Obdachlose, alte und kranke Menschen, Gastarbeiter und Flüchtlinge genannt. Hier wird an die Solidarität aller appelliert und an die "Bereitschaft zu einem innerstaatlichen Lastenausgleich". Zu diesem komme es, wenn die persönliche Inititiative, die "ordnende Kraft der gesellschaftlichen Gebilde und Organisationen" und das Handeln des Staates im rechten Verhältnis zueinander stehen. Der Sozialstaat ist herausgefordert, wobei es um keinen wahllosen Ausbau gehe, aber "immer wieder um die kritische Überprüfung bisheriger Ziele und Leistungen und um den Mut zu neuen sozialen Initiativen." Weltweit präsentiert sich die soziale Frage für uns zuerst in der "besonderen Verantwortung für die Länder Ost-Mitteleuropas", denen materiell und ideell geholfen werden müsse. "Diese große Aufgabe darf aber in keiner Weise unsere Verantwortung für die Entwicklungsländer ablenken oder schwächen." Es gibt eine Mitschuld der Industrieländer am Elend der Entwicklungsländer. Nur durch Umkehr können diese "Strukturen der Sünde" überwunden werden.

Gewürdigt wird von den Bischöfen auch das wachsende Bewußtsein für den Frieden, wobei Waffenproduktion und -handel vonseiten sogenannter christlicher Staaten kritisiert werden. Anerkannt wird, "daß die Angehörigen des Bundesheeres ihren Dienst zum Schutz der österreichischen Neutralität und im Dienst der Vereinten Nationen als Beitrag zur Erhaltung des Friedens verstehen."

 

"Sinnfragen, Werte und Ziele"

 

Dieses Kapitel verdient es, besonders ernst genommen zu werden. Gleich zu Beginn dieses Abschnittes verweist der Sozialhirtenbrief auf den Vorrang der geistigen, sittlichen und religiösen Werte gegenüber den materiellen. Denn es gebe "auch in Österreich die Tendenz zu einer Privatisierung und Subjektivierung der geistigen und sittlichen Normen." Neben der Anerkennung des Positiven (z.B. im Wachstum des Gefühls für persönliche Verantwortung) stellen die Bischöfe fest: "(A)ndererseits orientiert sich das Urteil über Gut und Bös oft nicht mehr an der von der Kirche überlieferten sittlichen Ordnung. Das gilt für verschiedene Bereiche des Lebens, auch für die Gestaltung menschlicher Sexualität. Hier werden die von der Kirche für die Gewissensbildung verbindlich vorgelegten Normen oft außer acht gelassen."

Gesellschaftlicher Pluralismus dürfe nicht mit Wertneutralität verwechselt werden. So sei Widerstand geboten, wenn "sittliche Werte untergraben, ausgehöhlt und an den Rand gedrängt werden."

Auch der Staat müsse bei deren Schutz und Verteidigung in Wahrnehmung seiner Sorge um das Gemeinwohl mitwirken.

Die modernen Kommunikationsmittel werden an ihre Verantwortung erinnert. Neben der Bejahung der Pressefreiheit und des Rechts auf Information fordern die Bischöfe: Die Verantwortlichen sollen "den Dienst der Wahrhaftigkeit und Wahrheit, der Verpflichtung und des Schutzes" gegenüber den geistig-sittlichen Werten leisten. Eine "Wertekultur" sei das Ziel, insbesondere in bezug auf "Menschenwürde, Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität".

Herausgegriffen werden dann der "Grundwert Leben" und die "Sonntagskultur".

 

Grundwert Leben:

Die Bischöfe schreiben sehr deutlich: "Mit Bedauern stellen wir fest, daß es uns nicht gelungen ist, die Menschen unseres Landes zu überzeugen, daß sie durch ihre Mehrheit die Voraussetzung für einen eindeutigen Schutz des ungeborenen Lebens geboten hätten." Der umfassende Schutz gelte vom Beginn bis zum Tod. Der Mensch ist ja göttlichen Ursprungs und zur ewigen Teilnahme an der Herrlicheit Gottes berufen, sein Leben damit "der Willkür des menschlichen Zugriffs bedingungslos entzogen."

"Wir verurteilen mit aller Entschiedenheit, daß in Österreich fortgesetzt eine große Zahl ungeborener Menschen durch Abtreibung getötet wird." Der Gesetzgeber müsse das Lebensrecht des ungeborenen Menschen ausreichend schützen. Kinderfeindlichkeit in der Gesellschaft soll abgebaut werden.

Auch alte Menschen dürfen nicht einfach in ein Ghetto gedrängt werden. Euthanasie wird verurteilt, gleichzeitig verlangen die Bischöfe Sorge für ein Sterben in menschlicher und christlicher Würde, besonders auch im Kreis der Angehörigen.

 

Sonntagskultur:

Der Sonntag ist in der Schöpfungsordnung begründet (vgl. Gen 2,3), noch mehr aber erinnert er an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Er soll der Tag vertiefter Gottesbegegnung sein, woraus neue Kraft für den Alltag und zur Begegnung untereinander geschöpft wird. Neben der religiösen hat er auch eine gesamtgesellschaftliche Bedeutung. Diese "liegt in der gemeinsamen Unterbrechung der Arbeit, die im Bewußtsein gründet, daß der Mensch nicht für die Arbeit da ist und Anbetung, Freude, Spiel, Feste und Gemeinschaft wesentlich sind." Gegenüber vielen Bedrohungen des Sonntags aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen und einer regelrechten "Freizeitindustrie" soll dieser Tag wieder aufgewertet werden: "Der Sonntag ist der Tag der gemeinsamen Entspannung und Erholung. Er schenkt den oft zerrissenen Familien die unersetzbare Zeit des Zusammenseins. Er bietet den im Arbeitsprozeß vereinsamten Menschen die Möglichkeit zwischenmenschlicher Erfahrung und er schafft Raum zu geistigem Tun und schöpferischer Pause."

 

Im Schlußkapitel "Der Weg der Kirche" wird unter anderem die Option (= Entscheidung) der Kirche für die Armen betont. "Diese Option ist keine Erfindung sozialer Extremisten, sondern Beispiel und Auftrag Christi. Sie ist keineswegs exklusiv, als ob sie andere Gruppen ausschließen oder benachteiligen wollte." Auch sei Armut nicht bloß materiell. Die Kirche in Österreich solle diese Option ernst nehmen und auch vom Notwendigen geben. Konkrete soziale Initiativen als Frucht dieses Hirtenbriefs werden angeregt.

 

An dieser Stelle sei den Bischöfen Österreichs für dieses mutige und wegweisende Wort im Namen vieler Katholiken und Menschen guten Willens gedankt. Jeder von uns halte die Augen offen, damit er die Not und die Aufgaben vor seiner Tür sehe und so - einzeln und gemeinsam - Christus in seinen Schwestern und Brüdern diene. Die großen sozialen Heiligen, wie z.B. die hl. Elisabeth von Thüringen oder der hl. Vinzenz von Paul, mögen uns durch ihre Fürsprache vom Himmel aus helfen, sodaß die in Jesus Christus unter uns erschienene Güte und Menschenliebe Gottes (vgl. Tit 3,4) in allem verherrlicht werde!

 

 

 

SANKT JOSEF - www.stjosef.at