„CHRIST
– ERKENNE DEINE WÜRDE!“
Der Mensch als Gottes Ebenbild und seine Berufung
zur Gotteskindschaft
Beitrag
für die Zeitschrift „Gottgeweiht“, 17 (2004) 37-42
Den ersten Teil finden Sie unter diesem Link.
Der 3. Teil des
„Katechismus der Katholischen Kirche“ (= KKK) will Wegweisung für das sittliche
Leben der Gläubigen geben.[1]
Der erste Abschnitt dieses auf die christliche Moral bezogenen Teils des
Katechismus entfaltet in allgemeiner Weise die „Berufung des Menschen“, nämlich
das „Leben im Heiligen Geist“ (KKK 1699-2051). Der zweite Abschnitt wendet sich
ganz konkret den „Zehn Geboten“ Gottes zu (KKK 2052-2557).
Die hier
gegebenen Überlegungen zu den beiden
ersten Artikeln des ersten Abschnittes (KKK 1701-1729) sollen Denkanstöße
sein, um zu entdecken, wie groß Gott den Menschen erschaffen hat und zu welch
erhabenem Ziel er ihn bestimmt hat. Wer seine Würde als Abbild Gottes erkennt
und die Berufung zur Gotteskindschaft bejaht, wird von da aus mit Hilfe der
Gnade Gottes sein Leben zu ordnen versuchen und die Gebote Gottes als Hilfe auf
diesem Weg begreifen.
Der Mensch: Gottes Ebenbild (KKK 1701-1715)
Bereits die
Schöpfungsordnung lässt uns die Größe des Menschen erkennen. Alles, was Gott
geschaffen hat, ist „gut“, ja „sehr gut“ (vgl. Gen 1,1-2,4a). Der Mensch stellt
die Krone der sichtbaren Schöpfung dar, denn er wurde nach Gottes Bild und
Gleichnis erschaffen (vgl. Gen 1,26 f). Es ist ein Geheimnis der göttlichen
Weisheit und Güte, wie es überhaupt möglich ist, dass es geschaffenes Sein
gibt, das von Gott als seinem Schöpfer verschieden ist und doch ganz von ihm
abhängt. Noch größer erscheint dieses Wunder, wenn wir auf den Menschen
blicken, den Gott mit Vernunft und Freiheit ausgestattet hat, sodass er aus
eigenem Antrieb die Wahrheit suche und das Gute liebe und dadurch Gott dem
Schöpfer anhange. „Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich
weiß: Staunenswert sind deine Werke“ (Ps 139,14).
Leider hat der
Mensch gleich zu Beginn seine Sonderstellung missbraucht und sich durch die
Sünde von Gott getrennt (vgl. Gen 3,1-24). In stolzer Auflehnung versagte er
sich der Berufung zur Gottesfreundschaft und gab den Verlockungen des
Versuchers nach. In der Folge dieses Abfalls verlor der Mensch die
heiligmachende Gnade und sein Anrecht auf den Himmel (was die Vertreibung aus
dem Paradies zum Ausdruck brachte). Der Tod als Strafe der Sünde trat ins
Leben, und viele Mühen und Leiden waren die Folge. Auch die geistigen Kräfte
des Menschen sind betroffen: „Der in seiner Natur durch die Erbsünde verwundete
Mensch ist dem Irrtum unterworfen und in der Ausübung seiner Freiheit zum Bösen
geneigt“ (KKK 1714; vgl. 1707).
Wie unfassbar
scheint es, dass auf diesem negativen Hintergrund der Menschheit doch noch ein
Erlöser verheißen wurde. Denn Gott sprach zur Schlange: „Feindschaft setze ich
zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er
trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse“ (Gen 3,15). Mit diesem
Erlöser ist Jesus Christus gemeint, der Sohn der „Frau“ (vgl. Joh 2,4; 19,26),
der durch sein Leiden und Sterben am Kreuz und durch seine glorreiche
Auferstehung Sünde, Tod und Teufel endgültig besiegt hat (vgl. KKK 1708).
Voraussetzung für die Annahme an Kindes statt durch Gott den Vater ist die
gläubige Zustimmung zu Jesus Christus und seiner Botschaft und die Bereitschaft,
seinen Willen zu tun.[2]
So wird ein Heilsweg eröffnet, der die Schuld Adams sowie auch alle persönliche
Schuld der Menschen tilgt und das Tor des Himmels neu aufschließt. Der täglich
bleibende Kampf des glaubenden, hoffenden und liebenden Menschen um das Gute
wird nun von der Gnade Gottes unterstützt und kann siegreich bestanden werden.
Unsere Berufung zur Seligkeit (KKK 1716-1729)
Von daher lässt
sich begreifen, dass die Grundlegung der christlichen Moral nicht bei Gebot und
Gesetz beginnt (so wichtig und unaufgebbar diese Dimension auch ist), sondern
bei der von Gott in Jesus Christus an uns Menschen ausgesprochenen Verheißung
des ewigen Lebens. Insbesondere sind es die Seligpreisungen der Bergpredigt,
die von Gott geschenkt sind, um die Herzen zur Gottes- und Nächstenliebe zu
bewegen.[3]
In diesen Verheißungen leuchtet die göttliche „Vorgabe“ auf, die uns von Jesus
Christus, dem „neuen Mose“, gegeben ist: Gott hat uns von Ewigkeit her geliebt
und im voraus erwählt, da wir berufen sind, an Wesen und Gestalt seines Sohnes
teilzuhaben.[4] Verheißen ist uns nicht
irdisches Wohlergehen, sondern die ewige Erfüllung im Reiche Gottes. Es geht ja
„um das letzte Ziel, zu dem Gott uns beruft: das Himmelreich, die Schau Gottes,
die Teilhabe an der göttlichen Natur, das ewige Leben, die Gotteskindschaft und
die Ruhe in Gott“ (KKK 1726).
Wo aber setzen
die Seligpreisungen beim Menschen an? Hat er überhaupt eine „Antenne“ dafür?
Tatsächlich ist es die unausrottbare Sehnsucht nach Glück, die jedem Menschen
ins Herz gelegt ist und die letztlich nur Gott allein stillen kann. Alles
Irdische erweist sich nicht als dauerhaft und umfassend sättigend für das
Verlangen der Seele. „Gott allein genügt“[5],
formuliert die heilige Teresa de Jesus. Jahrhunderte vorher hatte Augustinus festgestellt:
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“[6]
Das menschliche
Glücksbedürfnis darf freilich nicht im Sinn eines platten Utilitarismus
verstanden werden, der das „größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl“ im
Sinne hat und dabei aufgrund einer entschieden immanenten Ausrichtung nicht
anzugeben vermag, worin dieses Glück letztlich besteht und der bei der
Realisierung menschlicher Erwartungen grundlegende Rechte anderer missachtet,
sofern diese eine Minderheit darstellen, die sich nicht zu wehren vermag (z.B.
die Ungeborenen). Möglicherweise hat der heutige Mensch einen besseren Zugang,
wenn man von der Sinndimension des Daseins spricht, die es aufzuschließen gilt.
Die letzte Antwort auf die Fragen des Menschen, ja auf jene Frage, die der
Mensch selber ist, kann er nur in
Jesus Christus, dem wahren Gott und Menschen, finden. Erst im Geheimnis Jesu
Christi, des fleischgewordenen Wortes, klärt sich das Geheimnis des Menschen
voll auf, wird die Fraglichkeit des Menschseins ihrer tiefsten und endgültigen
Antwort zugeführt.[7]
Wenn uns Gott
selber eine ewige Glückseligkeit verheißt, so ist damit die Antwort auf die
Grundfrage des Menschseins gegeben. Denn „Gott hat uns ins Dasein gerufen,
damit wir ihn erkennen, ihm dienen, ihn lieben und so ins Paradies gelangen“
(KKK 1721). Es ist eine schlechthin übernatürliche Seligkeit, die die eigenen
Kräfte des Menschen übersteigt und ihm durch die Gnade zuteil wird, mit der er
bewusst und in Freiheit mitwirken soll. Jene höchste Glückseligkeit des Menschen
ist nicht bloß ein Gefühl, sondern der Inbegriff der Vollendung des
Menschseins. Nur in der Vollkommenheit der Liebe und daher einzig und allein in
Gott kann dieses Glück gefunden werden. Hier stellt der Katechismus fest: „Das
wahre Glück liegt nicht in Reichtum und Wohlstand, nicht in Ruhm und Macht,
auch nicht in einem menschlichen Werk – mag dieses auch noch so wertvoll sein
wie etwa die Wissenschaften, die Technik und die Kunst – und auch in keinem
Geschöpf, sondern einzig in Gott, dem Quell alles Guten und aller Liebe“ (KKK
1723).
Diese Wahrheit
ist mit dem Begriffsinhalt des „Reiches Gottes“ verbunden, dessen Anbruch Jesus
verkündet hat (vgl. Mk 1,15) und dessen gottgewirkte Vollendung im persönlichen
Menschsein und im Schicksal von Welt und Menschheit noch aussteht. Auf diese
Weise werden die alttestamentlichen Verheißungen von Jesus Christus auf das
Himmelreich hingelenkt, in dem sie ihre definitive Erfüllung finden sollen. Es
gibt ein letztes Ziel, zu dem Gott uns beruft und in dem wir unser Glück finden
sollen. Vom Maßstab jener himmlischen Seligkeit erhält der Christ Orientierung
für den rechten Gebrauch der irdischen Güter. Nur im Leben und Handeln nach den
Geboten Gottes erreichen wir unser Heil. Es geht darum, Gott über alles zu
lieben und den Nächsten wie sich selbst. Wie der Mensch seine Freiheit
verantwortungsvoll einsetzt, um diese Berufung zur Liebe zu verwirklichen, mag
das Thema weiterer Ausführungen sein.
Dr.
theol. Josef Spindelböck ist Dozent für Ethik an der Phil.-Theol. Hochschule St.
Pölten sowie Gastprofessor für Moraltheologie und Ethik am ITI in Gaming. Als
Priester der Diözese St. Pölten ist er Mitglied der „Gemeinschaft vom heiligen
Josef“, Kleinhain 6, A-3107 St. Pölten-Traisenpark.
[1] Inzwischen ist der endgültige deutsche Text des KKK vorgelegt
worden: Katechismus der Katholischen Kirche, Neuübersetzung aufgrund der Editio
typica Latina, München-Wien-Leipzig-Freiburg/Schweiz-Linz 2003. Vgl. zur Orientierung: Josef Spindelböck, Das
Leben in Christus – Geschenk und Anspruch. Eine erste Hinführung zum 3. Teil
des „Katechismus der Katholischen Kirche“, in dieser Zeitschrift Jg. 16, 2003,
Nr. 2, S. 37-42.
[2] „Wer an Christus glaubt, wird Kind Gottes“ (KKK 1709). „Wer an
Christus glaubt, hat das neue Leben im Heiligen Geist“ (KKK 1715).
[3] Vgl. Mt 5,3-12; Lk
6,20-26.
[4] Vgl. 1 Joh 4,10; Röm 8,28 f.
[5] „Nichts soll dich ängstigen, Nichts dich erschrecken. Alles vergeht, Gott bleibt derselbe. Geduld erreicht alles, Wer Gott besitzt, Dem kann nichts fehlen. Gott nur genügt.“ – Santa Teresa de Ávila (1515-1582), Poesías 9, in: Aloysius Alkofer (Hg.), Weg der Vollkommenheit, mit kleineren Schriften der hl. Theresia von Jesu (Sämtliche Schriften, 6. Bd.), München-Kempten 19633, S. 295.
[6] „Tu excitas, ut laudare te delectet; quia fecisti nos ad te, et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.” - Augustinus, Confessiones, liber primus I, 1, in: PL 32,661.
[7] Das 2. Vatikanische Konzil erklärte in „Gaudium et Spes“, Nr. 21: „Jeder Mensch bleibt vorläufig sich selbst eine ungelöste Frage, die er dunkel spürt. Denn niemand kann in gewissen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen Ereignissen des Lebens, diese Frage gänzlich verdrängen. Auf diese Frage kann nur Gott die volle und ganz sichere Antwort geben; Gott, der den Menschen zu tieferem Nachdenken und demütigerem Suchen aufruft.“ Und in Nr. 22 heißt es: „Tatsächlich klärt sich nur im Geheimnis des fleischgewordenen Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf. ... Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung.“