Dr. theol. Michael Stickelbroeck, Kaplan in Waidhofen an der Ybbs

Der moderne Mensch vor der Gottesfrage

Schriftliche Manuskriptfassung eines Vortrags in Radio Horeb am 3.10.1997

 

 

I. Viele moderne Denker haben die Gottesidee verworfen. Der deutsche Philosoph F. Nietzsche prägte den Satz, daß Gott tot sei. Der Tod Gottes sollte der Beginn eines neuen Zeitabschnitts in der Geschichte werden. Die Wurzeln für diese Behauptung liegen in der Zeit des ausgehenden 19. Jh.: das wachsende Bewußtsein der menschlichen Autonomie, der neue Materialismus und die Evolutionslehre. Dies alles bestimmte ja das geistige Klima mit.

II. Aber da stellt sich sogleich die Frage, wie es denn mit der Gotteserkenntnis des Menschen aussieht. Reicht der Mensch mit seinem Geist, der den verschiedensten geschichtlichen Bedingungen unterworfen ist, überhaupt an die Wirklichkeit Gottes heran? Kann er in seiner Sprache über ihn wahre Aussagen machen, oder ist Gott, der Unendliche, in der Weise über alles hinaus, daß er für den menschlichen Geist schlechterdings unerkennbar bleibt?

    In seinem Brief an die Römer sagt der Apostel Paulus, daß Gott sich an den Werken der Schöpfung erkennen läßt: "Denn sein unsichtbares Wesen, seine ewige Macht und Göttlichkeit sind seit Erschaffung der Welt an seinen Werken durch die Vernunft zu erkennen" (Röm 1,20). Die Heiden, so sagt er, sind deshalb auch nicht zu entschuldigen, weil sie trotz ihrer Erkenntnis Gottes ihn nicht als Gott verherrlichen. "Sie verfielen in ihren Gedanken auf Nichtigkeiten, und ihr unverständiges Herz wurde verfinstert" (Röm 1,21).

    Alle großen Theologen des MA - ein Thomas v. Aquin, ein Bonaventura und ein Johannes Duns Scotus - waren noch der Ansicht, daß man die Existenz Gottes aus der Art der natürlichen Dinge beweisen könne. Die innerweltlichen Kräfte begründen sich nämlich nicht selbst, sondern bedürfen einer höheren Ursache.

    Die Beantwortung der Gottesfrage, das ist dann die Lehre der Kirche, kann nicht außerhalb der Reichweite des menschlichen Erkennens liegen. Die Schöpfung bietet das Medium, durch das der Mensch zu einer natürlichen Gotteserkenntnis gelangen kann. "Natürlich" wird hier in dem Sinn verstanden, daß es dazu keiner besonderen Offenbarung vonseiten Gottes bedarf.

    Auf dem I. Vatikanischen Konzil erklärte die Kirche denn auch das Dogma von der natürlichen Erkennbarkeit Gottes. Da heißt es in der Definition:

    "Gott, der Ursprung und das Ziel aller Dinge (kann) mit dem natürlichen Licht der Vernunft aus den geschaffenen Dingen mit Gewißheit erkannt werden" (DzH 3004).

    Nun bietet die hier gemeinte Gotteserkenntnis den Anknüpfungspunkt für den übernatürlichen Glauben, der durch die Gnade im Menschen wach wird. Die Gnade setzt ja die Natur voraus. Sie braucht einen Anknüpfungspunkt in der natürlichen Erkenntnisfähigkeit des Menschen.

    Die Auskunft des kirchlich definierten Glaubens über die mit Gewißheit mögliche Gotteserkenntnis mag einigermaßen erstaunen, wenn man den progredienten Schwund des Gottesglaubens in unserer heutigen Zeit innerhalb der westeuropäischen Kultur übersieht. Warum glauben denn dann nicht mehr Menschen an Gott, wenn er doch mit Gewißheit erkannt werden kann?, so wird man vielleicht fragen.

    Dem Menschen von heute legen sich eine Reihe von Schwierigkeiten in den Weg, wenn er einen Zugang zu Gott sucht. Und diese Schwierigkeiten hängen mit der ganzen postmodernen Kultur zusammen, wie sie uns heute umgibt. Natürlich spielen auch philosophische Voreingenommenheiten dabei eine erhebliche Rolle:

     

III. Es gibt ein gewisses Problem mit der Erfahrbarkeit Gottes. Eine bestimmte Richtung in der modernen Philosophie, der Neopositivismus, hat unsere Wahrnehmungsfähigkeit auf das erfahrbare Faktum reduziert. Der Neopositivismus schließt aus, daß Gott in irgendeiner Weise das Objekt unserer Erfahrung werden könne.

 

A) An erster Stelle steht der Individualismus des abendländischen Menschen. Heute ist der Mensch weniger gemeinschaftsbezogen, sondern eher "atomisiert". Dieser Individualismus, der seine Wurzeln im spätmittelalterlichen Nominalismus und im Protestantismus hat, betrachtet den Menschen isoliert für sich und überbewertet die Rechte des Individuums. (So entschied z.B. das dt. Bundesverfassungsgericht im August 1995, die Kreuze aus den öffentlichen Schulen in Bayern entfernen zu lassen, nachdem ein Elternpaar eine Klage eingebracht hatte, weil es nicht wollte, daß seine Kinder in der Schule mit diesem religiösen Symbol konfrontiert würden. Damit holte das Gericht aus zu einem Schlag gegen die überwiegende Mehrheit der Bürger dieses Bundeslandes, die doch auch das Recht besitzt, ihre Religion positiv nach außen hin zu bekunden.)

    In einem sich unbegrenzt ausbreitenden Universum findet der Mensch keine festen Anhaltspunkte mehr. Die Gemeinschaften, an die man gebunden war, hören für die Bürger auf, noch eine Rolle zu spielen. Man ist nicht mehr in der Lage oder verwehrt sich dagegen, die Interessen des Individuums oder der Gruppe auf das Gemeinwohl hinzuordnen. Dieser unbeschränkte Individualismus stellt sowohl für das politische Gemeinwesen wie für die Familie als auch für den Menschen selbst eine Bedrohung dar. Denn nur dann, wenn er sich einem Ziel hingibt, das größer ist als er selbst (ihn aber nicht absorbiert, sondern in seinem Eigenwert bestehen läßt), kann der Mensch seine Persönlichkeit wirksam entfalten.

    Ein Charakteristikum des modernen Zeitalters ist es, daß der Mensch versucht, sich selbst autonom zu begründen. Dabei soll es eine Freiheit ohne Einschränkung geben, damit man sich selbst bestimmen und in die Richtung entwerfen kann, die man sich vorgibt. Daran glaubt man.

    Ihren stärksten Ausdruck findet diese Mentalität darin, was manche die "Revolte gegen den Vater" nennen. Gerade der Bereich der Familie ist im westlichen Kulturraum großen Veränderungen ausgesetzt gewesen. Die Familie wurde sehr geschwächt. Das Kind, das oft als einziges dasteht, ist ihr Zentrum geworden. Ihr Aufbau ist nicht nach einer Hierarchie geordnet, sondern ist demokratisiert. Alles wird mit den Kindern diskutiert, und es sind die Eltern, die dem Verlangen ihrer Kinder immer nachgeben. Auf diese Weise schwindet schon rein psychologisch das Bewußtsein der Abhängigkeit, und es erhebt sich Widerstand gegen die Institutionen. (Freilich wird gerade in dieser geistigen Mentalität das Kind oft gerade nicht mehr in seinem Eigenwert respektiert, sondern für die Projektion eigener Vorstellungen und Wünsche mißbraucht, somit von der Person zum Objekt.)

    Horst Eberhard Richter hat in seinem Buch "Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen" gezeigt, wie die Aufklärung eine einseitige Gottesauffassung mit sich gebracht hat, die schließlich in ihr Gegenteil umgeschlagen ist: Gott wurde nur noch als absolute Allmacht gesehen. Der "unzugänglichen Absolutheit Gottes gegenüber bleibt dem Menschen nur der Rückzug in die Absolutheit seiner selbst" (51). Die Absolutheit, die der Mensch in der Abwehr eines erdrückenden Gottes nun meint sich selbst zuschreiben zu müssen, wirkt sich allerdings nicht weniger verhängnisvoll aus. "Der lange Zeit als großartige Selbsbefreiung gepriesene Schritt in die Neuzeit war im Grunde eine neurotische Flucht aus narzißtischer Ohnmacht in die Illusion narzißtischer Allmacht. Der psychische Hintergrund unserer so imposant scheinenden neueren Zivilisation ist nichts anderes als ein von tiefen unbewältigten Ängsten genährter infantiler Größenwahn. Wie das Kind, das sich illusionär ... selbst in eine allmächtige Elternfigur verwandelt, um seinen unverläßlichen Eltern nicht länger wehrlos ausgeliefert zu sein, so trägt unsere Zivilisation seit damals Merkmale einer krampfhaften Selbstüberforderung." (29). Das Kind kann nicht der adäquate Gottesersatz sein. Es wird damit grenzenlos überfordert. Dort, wo man den Vater nicht mehr gelten läßt, da verschwindet zur selben Zeit auch der Glaube an die Vorsehung. Es scheint, als ob der Anti-Paternalismus eine wichtige Ursache dafür ist, daß der Sinn für die Transzendenz mehr und mehr verlorengeht.

    Umgekehrt: Bedingung für eine Renaissance des Glaubens ist die Rückkehr zu normalen Relationen von Eltern und Kindern in den Familien.

    Ein weiterer Aspekt ist der totale Funktionalismus, der sich auch auf dem Gebiet der Erkenntnis niederschlägt. Er nimmt den Dingen ihren wesenhaften Gehalt, ihre Intelligibilität. Das Interesse am Gegenstand ist auf seine Nützlichkeit eingeschränkt, darauf, was man selbst mit ihm machen kann. Das Objekt in seiner - nicht bloß zweckrationalen - Gesamtheit rückt nicht mehr in den so verengten Gesichtskreis.

     

B) Für den Verlust einer natürlichen Transzendenzerfahrung zeichnet ein weiterer, nicht unerheblicher Faktor verantwortlich: die Begeisterung für die modernen Naturwissenschaften. Dabei liegt es nicht zunächst am methodischen Atheismus der empirischen Wissenschaft, sondern an der Entfernung von der natürlichen Erfassung der Welt, wie sie der Konzeption der Bibel und der kirchlichen Tradition zugrundeliegt.

    In ihnen steht die quantitativ-meßbare Gegebenheitsweise derart im Vordergrund, daß man in ihr jedes Interesse an der ontologischen Struktur und an der inneren Teleologie der naturhaften Dinge verloren hat. Was nicht durch ein mathematisch formulierbares Gesetz beschrieben werden kann, fällt durch das festgelegte Raster, wird übersehen und schließlich geleugnet. Man setzt einfach voraus, daß man die Wirklichkeit als ganze mit einer homogenen Erklärung der Phänomene aus ihren gleichrangigen Ursachen hinreichend begreifen könne. Der Rekurs auf eine heterogene Ursache gilt als unwissenschaftlich. Vgl. L.J. Stanley, The Road of Science and the Ways to God, Chicago 1978.

    Im letzten Jh. hat die Entwicklung der empirischen Wissenschaften einen so rasanten Verlauf genommen und wurde ihr Einfluß auf Gesellschaft, Erziehung und Kultur so groß, daß man diesen Typ von Wissensgewinnung am Ende für die einzig korrekte Form der rationalen Erkenntnis hielt. Sicher bildet dieser sogenannte "Fortschritt der Wissenschaften" einen wesentlichen Aspekt dessen, was man "die Säkularisierung der europäischen Welt" genannt hat.

    Viele Bereiche der menschlichen Existenz haben dadurch stufenweise jeden Bezug zur Welt Gottes, die ja das Kategoriale überschreitet, verloren. Heute ist es vor allem und in erster Linie die NW, von der sich der Mensch Antworten auf die fundamentalen Fragen nach dem Anfang und Ziel des Lebens, ja sogar nach dem sittlich guten Handeln erhofft. Für Letzteres kommt ihm die sogenannte "evolutionäre Ethik" - eine Unterabteilung der Soziobiologie - entgegen.

    Da dieses Wissen darüber hinaus ganz nach dem Kriterium der Technik erworben wird, gewinnt die Beherrschung der Natur durch die eigenen Vorgaben des Menschen immer mehr an Bedeutung. Natürlich ist die empirische Forschung nicht frei von philosophischen Voraussetzungen: Immer wieder unterlaufen philosophische Optionen wie der Neopositivismus, der Materialismus oder Monismus, dem z.B. das "New Age" anhängt, die objektive Selbstdarstellung des modernen Wissenschaftsbetriebes. Solche mit dem Anspruch einer Gesamterklärung der Welt und ihrer Herkunft auftretenden "Ismen" halten das Metier der Schulbücher, periodischen Blätter und Fachzeitschriften besetzt und bereiten die junge Generation auf eine Konzeption des Lebens ohne Metaphysik und ohne Gott vor. Es ist eine technische Welt, in der die Erfahrung des Transzendenten und des Heiligen fehlt.

     

     

C) Ohne Metaphysik ist der Aufweis, daß es einen Gott gibt, nicht zu erbringen. Ein großes Problem für das metaphysische Denken ist die Technik, die zu einem guten Teil zur Säkularisation des menschlichen Lebens beigetragen hat. Der moderne Naturwissenschaftler ist zum Descart'schen "maitre e possesseur de la nature" geworden, für den es in der physischen Welt außer ihm keine andere, höhere Macht mehr gibt. Dieser für die Neuzeit so typische Herrschaftanspruch über die Natur entspringt gleichfalls dem genannten Individualismus und dem Verlangen nach totaler Autonomie.

 

IV. Abschließende Bewertung

Alle diese Dinge, die den Menschen in der heutigen Gesellschaft daran hindern, gemäß dem zu leben, was seine Vernunft als ihm von Natur aus angemessen erkennt, machen seine Hinordnung auf einen personalen und transzendenten Gott schwierig. Denn dieser fordert den Menschen in eine Verantwortung.

Natürlich habe ich manche Phänomene etwas überzogen gezeichnet. Damit soll keine düstere Schwarzmalerei betrieben werden, sondern das, was dem Glauben grundsätzlich oder doch in gewissen Tendenzen im Weg steht, soll uns einmal bewußt werden, damit wir die Schwierigkeiten der Menschen erkennen, und darauf eingehen können.

Was bleibt für die Situation des Glaubens in unserer Zeit zu hoffen? Zunächst einmal muß man sagen, daß Gott sich erkennen läßt. Wir haben einen verstandesmäßigen Zugang zur Existenz Gottes, wenn wir nur auf die naturhafte Seite der Wirklichkeit achten. Und da, wo das Natürliche unter unseren eigenen Erfindungen verschüttet ist, kommt es darauf an, es wieder freizulegen. Die Beweise für die Existenz Gottes behalten auch heute ihre ganze Kraft. Sie setzen allerdings voraus, daß man auf das achtet, was in der Natur vor sich geht. Je mehr die Menschen die Relativität des Selbstgemachten und Technischen einsehen, desto mehr kann dies gelingen.

Der Natur des Menschen wurde von ihrem Schöpfer ein Gottverlangen eingeschrieben. Der Mensch besitzt die Neigung, Gott zu erkennen und zu ehren. Viele behaupten zwar die letzte Absurdität des Daseins, aber so recht damit leben kann keiner.

Es kommt für die junge Generation darauf an, aus der virtuellen Welt der allgegenwärtigen Technik und der Medien herauszufinden und zu einem gesunden Realismus zurückzukehren. Das schließt nicht die Totalabstinenz von neuen technischen Entwicklungen ein, wohl aber einen verantwortlichen, maßvollen Umgang mit ihnen - sozusagen eine "mediale Askese", die die Denk- und Kritikfähigkeit bewahrt. Wer die Dinge in ihrer ganzen Wirklichkeit erkennen will, der wird auch den Blick nach oben wenden und Gott als die Ursache des ganzen Seins bejahen.

Auf der anderen Seite findet die Realisierung der modernen technischen Kultur heute immer deutlicher ihre Grenze: Die tiefere Sehnsucht der Menschen wird niemals durch die materiellen Güter gestillt werden, die er zur Verfügung hat. Wissenschaft und Technik können auf die Frage nach dem Sinn von Leben und Tod keine einzige wirkliche Antwort geben.

Auch vielen Ungläubigen unserer Zeit scheint der Verlust der Werte bedrückend. Sie beklagen eine fortschreitende Verrohung des Lebens. Doch die Verschlechterung der Lage fordert auch eine Reaktion heraus. Und man sieht, wie sie mitten in der Krankheit unserer Gesellschaft bereits aufbricht.

Es ist abzusehen, daß die kommende Generation von der jetzigen Weise des Denkens und des Umgangs mit den Früchten der technischen Kultur enttäuscht sein wird. Schon erheben sich Stimmen, die sich dagegen verwehren, daß der Mensch der Wirtschaft und dem Markt geopfert wird. Außerdem bedroht die Überschwemmung des Marktes mit den viel billigeren Produkten des Fernen Ostens gegenwärtig die europäische Wirtschaft selbst. So ist es überhaupt nicht unwahrscheinlich, daß sich unsere gegenwärtige Wirtschaftsordnung in 20 - 30 Jahren in dieser Form nicht mehr halten läßt.

Eine wichtige Voraussetzung für die Wiedergewinnung des Gottesglaubens ist die Wiederentdeckung der verlorengegangenen natürlichen Werte. Hierzu gehört vor allem auch die neue Gewichtung der Familie. Und dies gerade im Hinblick auf die Erziehung der Kinder und in ihrer Bedeutung für die ganze Gesellschaft. Hier bliebt noch einiges zu tun, aber ein langsamer Bewußtseinswandel zeichnet sich schon ab.

Für die Christen besteht die Herausforderung, an einer neuen Zeit mitzuwirken und den anderen ein Wegweiser zu Gott zu sein. Dies werden sie um so mehr können, je mehr sie sich bemühen, durch ein kontinuierliches Gebet selbst in der ständigen Gegenwart Gottes zu leben und auf diese Weise die Zeichen der Zeit im Licht des Evangeliums zu deuten (vgl. GS 11).

Dieses Dokument wurde mit freundlicher Erlaubnis des Autors ins WEB gestellt von Dr. theol. Josef Spindelböck. Aktualisiert am 7.10.1997.


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