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Hoffnung

Karl Hörmann: LChM 1976, Sp. 798-812

Das außerchristl. Denken hat sich in jüngster Zeit in erstaunl. Ausmaß mit dem Thema Hoffnung beschäftigt. Z. T. in Auseinandersetung damit hat sich auch die christl. Theologie sehr eingehend wieder auf die Bedeutung der Hoffnung für das christl. Leben besonnen.

I. Christl. hoffen heißt das Heil erwarten, das Gott den Glaubenden im endzeitl. Kommen seines Sohnes Jesus Christus schenken will.

1. Im nicht-bibl. Griechischen bezeichnet Hoffnung (elpis) die Erwartung der Zukunft, mag diese gut oder schlecht sein. Im bibl. und im christl. Bereich erhielt dieser Begriff die Bedeutung Erwartung von Gutem.

a) Schon im AT meint Hoffnung nicht in neutraler Weise irgendein Erwarten, sondern die Erwartung des Heiles. Im Sinn prophetischer Verheißungen erwartet Israel das Heil auf eine lange Strecke in seiner irdischen Geschichte; der konkrete Inhalt des erhofften Heiles sieht daher je nach der geschichtl. Situation verschieden aus. Erst in der nachexilischen Zeit kommt zur prophetischen Hoffnung als neues Element die apokalyptische Hoffnung: Infolge enttäuschender geschichtl. Erfahrungen, „wird das Heil nicht mehr in der Geschichte erwartet, sondern einzig und allein aus dem geschichtstranszendenten Bereich Gottes“ (Greshake).

Auch das NT richtet die Hoffnung deutl. auf das Jenseits aus: „Wenn wir weiter nichts sind als Leute, die nur in diesem Leben ihre Hoffnung auf Christus gesetzt haben, so sind wir die bedauernswertesten unter allen Menschen“ (1 Kor 15,19). Die Thessalonicher haben sich auf das Wort des Apostels bekehrt, „um dem lebendigen und wahrhaftigen Gott zu dienen und seinen Sohn vom Himmel zu erwarten, den er von den Toten auferweckte, Jesus, der uns von dem kommenden Zorn errettet“ (1 Thess 1,9 f; vgl. 1 Kor 1,7 f). Die Hoffnung des Christen richtet sich auf Christus, der denen, die zu ihm gehören, Anteil an seiner Auferstehung gibt und so ihr Geschick in beglückender Weise erfüllt: „Ihn will ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Leidensgemeinschaft mit ihm, indem ich gleichförmig werde mit seinem Tod, ob ich hingelangen könnte zur Auferstehung der Toten“ (Phil 3,10 f; vgl. 1 Kor 15,20); auf Christus, in dem Gott die Menschen zu seinen Kindern und zu Erben seiner Herrlichkeit machen will (Röm 8,17). Die Taufe hat den Sinn, den Menschen in Tod und Auferstehung Jesu hineinzunehmen (Röm 6,4). „Auf Hoffnung sind wir gerettet“, sagt Paulus (Röm 8,24) und zeigt diese Hoffnung als Harren auf des Offenbarwerden der Söhne Gottes (d.h. als Offenbarwerden der Herrlichkeit, die ihnen mit Christus gegeben werden wird), auf das die ganze Schöpfung wartet und in das sie einbezogen werden soll (Röm 8,18–23). Die ntl. Schriften zeigen die Ausrichtung des christl. Lebens auf den Tag (Hebr 10,25), auf die Ankunft des Herrn (Jak 5,8), auf die Offenbarung Jesu Christi (1 Petr 1,7.13; 4,13). Die eschatolog. Gleichnisse und Reden in den synoptischen Evangelien künden von einer zu erwartenden endgültigen Vollendung.

Im Kern der christl. Hoffnung steht also der kommende Herr; Gott, der in der Parusie Christi dem Menschen seine Herrlichkeit schenkt; das Eingehen in die Herrlichkeit Gottes durch Christus; die Seligkeit in ihm. „Im Hause meines Vaters sind viele Wohnungen ... Ich gehe, um euch einen Platz zu bereiten. Und wenn ich gegangen bin und euch einen Platz bereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid“ (Joh 14,2 f). „Das ist die Verheißung, die er selbst uns gegeben hat, das ewige Leben“ (1 Joh 5,25; vgl. Tit 3,7). „Siehe, ich komme bald, und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist“ (Offb 22,12). Nach dem Wort des hl. Augustinus richtet uns die Hoffnung zu Gott hin auf (Solil. I 1,3; PL 32,869). Aus der Einstellung auf dieses Ziel hin ergibt sich naturgemäß auch die Erwartung der Hilfen, die wir für die Erreichung des Zieles brauchen (Vergebung der Sünden, Gnade), bis hin zu den notwendigen natürl. Gütern („Unser tägl. Brot gib uns heute“, Mt 6,11).

b) Schon im AT stützt sich die Hoffnung Israels auf die Verheißungen Gottes und auf die erfahrenen Heilsgaben und -führungen Gottes. Der Gottesname Jahwe selbst ist der Grund der Hoffnung, drückt er doch weniger aus, was Gott in sich ist, als vielmehr, wie er sich Israel zeigt, näml. daß er als Helfer für dieses Volk da sein will.

Auch der Christ gründet seine Hoffnung auf die Verheißungen Gottes; auf den allmächtigen, barmherzigen und treuen Gott, der erfüllen kann und will, was er verheißen hat. Dem NT ist es jedoch eigen, daß es aufzuzeigen vermag: Gott hat seine größte Verheißung schon in Jesus Christus erfüllt. „Denn der Sohn Gottes, Christus Jesus, ... war nicht ein Ja und Nein zugleich, sondern in ihm ist das Ja Wirklichkeit geworden. So viele Verheißungen Gottes es auch gibt, in ihm ist das Ja“ (2 Kor 1,19 f). So ist Christus „unsere Hoffnung“ (1 Tim 1,1; vgl. Eph 1,12) nicht nur in dem Sinn, daß wir sein Kommen erwarten, sondern auch in dem Sinn, daß sich unsere Hoffnung auf das stützt, was Gott in ihm getan hat (vgl. Röm 5,2.5). „Denn kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen“ (Apg 4,12; vgl. Jud 21). So unterscheiden sich die Christen nicht nur von denen, „die keine Hoffnung haben“ (1 Thess 4,13), sondern haben auch gegenüber den atl. Frommen „die bessere Hoffnung“ (Hebr 7,19).

Da sich die christl. Hoffnung auf Gott stützt, kann sie auch dort bestehen, wo alle irdischen Beweggründe wegfallen; dort kann sie sogar am reinsten verwirklicht werden. Paulus etwa setzt in seinen Bedrängnissen seine Hoffnung völlig auf den Gott, der die Toten erweckt und ihn selbst aus Todesgefahr errettet hat (1 Kor 1,9 f). Er mahnt die Reichen in der jetzigen Weltzeit, „daß sie nicht hochmütig seien noch ihre Hoffnung auf den unsicheren Reichtum setzen, sondern auf Gott, der alles reichl. zum Genuß darbietet“ (1 Tim 6,17) .

2. Die Einstellung auf den kommenden Herrn hält den Christen nicht von den irdischen Aufgaben ab.

a) Wohl warnt Jesus vor einer Hingabe an die irdische Welt, die den Menschen um seinen Lebenssinn bringt: „Denn was nützt es dem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, aber sein Leben einzubüßen?“ (Mk 8,36). Dieses eigentl. Wertvolle am menschl. Leben, das durch alle Werte der Welt nicht aufgewogen werden kann, wird in der Nachfolge Christi gewonnen (Mk 8,34 f), und zwar auf Erden. Nur wer im Sinn Jesu gelebt und gewirkt und so das Eigentliche des Lebens erworben hat, kann an seiner Herrlichkeit bei seinem Kommen teilhaben (vgl. Mt 25,34.40 f.44). In die Vollendung der Einheit mit Christus kann also nur eingehen, wer auf Erden diese Einheit zu erwerben trachtete.

Im AT richtete sich die Hoffnung Israels auf das Heil in der irdischen Geschichte. Dieses Heil (schalom) wurde als in Gottes Hand liegend, zugleich aber auch vom Menschen abhängig gesehen. Als von Gott abhängig barg die Zukunft ungeahnte Möglichkeiten in sich; als vom Menschen abhängig verlangte sie dessen Einsatz. Mit der Verlagerung des Schwergewichtes der Hoffnung Israels auf das Jenseits wurde das Heil dennoch nicht einfach eine jenseitige Größe; es verlangte vielmehr Buße und Umkehr (Bekehrung) schon in dieser Welt und sollte in einer messianischen Zwischenzeit allgemeinen Friedens und Heiles schon in diesem Äon vor dem Kommen des Künftigen ein Vorspiel haben.

Im NT richtet Paulus den Blick auf den kommenden Herrn. Diese Hoffnung besteht aber nicht in einem passiven Warten, sondern drängt zu einem Tun. Wenn die Christen die künftige Welt als ihre Heimat erkennen (Phil 3,20 f), müssen sie jetzt schon aus dieser Erkenntnis ihr Leben gestalten, müssen sie sich von denen unterscheiden, deren „Sinn auf das Irdische gerichtet ist“ (Phil 3,19), die „als Feinde des Kreuzes Christi“ wandeln (Phil 3,18). Als Richtschnur sagt ihnen der Apostel: „Brüder, werdet alle meine Nachahmer und schaut auf die, die nach dem Vorbild wandeln, das ihr an uns habt“ (Phil 3,17). Der Christ darf sich nicht einfach dieser Welt anpassen, sondern muß ihr eine neue Lebensgestalt entgegenstellen (Röm 12,2). In Verbindung mit der Auferstehung Christi, die ihm zugedacht ist (1 Kor 15,23), soll er jetzt schon in einem neuen Leben wandeln (Röm 6,4). „So müßt ihr euch als solche betrachten, die für die Sünde tot sind, für Gott aber in Jesus Christus leben“ (Röm 6,11). Diese neue Lebensform soll der Christ zwar in Unterscheidung von dieser Welt, aber doch in ihr verwirklichen, wie die vielen Paränesen in den Paulusbriefen zeigen. Jenen Thessalonichern, die in Erwartung der baldigen Ankunft des Herrn die Hände in den Schoß legen (2 Thess 3,11), sagt der Apostel: „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“ und befiehlt ihnen „im Herrn Jesus Christus, daß sie in Ruhe ihre Arbeit tun und ihr eigenes Brot essen. Ihr aber, liebe Brüder, laßt nicht nach, Gutes zu tun“ (2 Thess 3,10.12 f).

Den Christen ist es aufgetragen, sich der Welt nicht anzupassen, sondern in ihr eine neue Lebensform zu verwirklichen und so die Welt umzugestalten. Durch sie soll in der Geschichte eine umrißhafte Vorstellung der künftigen Welt entstehen (2. Vat. Konz., GS 39) und damit die totale Erneuerung der Welt „in dieser Weltzeit in gewisser, aber realer Weise vorweggegnommen werden“ (LG 48).

Gekennzeichnet ist die neue Lebensform durch die Gesinnung Jesu (Phil 2,5), durch die Eingestaltung in seinen Tod und seine Auferstehung (Röm 6; 2 Kor 4,10; Gal 4,19; Phil 3,10). Tätige christl. Hoffnung ist daher nicht irgendwelcher naiver Fortschrittsgläubigkeit, irgendeinem „säkularen“ Programm fortschreitender Humanisierung der Wirklichkeit gleichzusetzen (nach GS 39 ist irdischer Fortschritt, so große Bedeutung er haben mag, nicht einfach mit dem Wachsen des Reiches Christi identisch); vielmehr drängt die christl. Hoffnung zur Gestaltung des menschl. Lebens und der Welt im Sinn Christi.

Die christl. Hoffnung mmit ihrer Ausrichtung auf den kommenden Herrn und auf die Vollendung des Menschen in der Gemeinschaft mit ihm führt nicht zur Vernachlässigung der irdischen Aufgaben, sondern motiviert ihre Erfüllung tiefer (vgl. GS 21). In der christl. Hoffnung liegt mancherlei Spannung, auch diese, daß der Mensch letzte Erfüllung nicht in irdischen Gütern suchen darf (übrigens lehrt ihn die Erfahrung immer wieder: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir“, Augustinus, Confessiones I 1,1; PL 32,661), sondern in den künftigen Gütern, die er daher über alles schätzen soll, und daß er dennoch das irdische Leben mit seinen Gütern nicht verneinen und verachten darf, vielmehr in ihm seine Aufgabe sehen soll, ohne deren Erfüllung die ewigen Güter gar nicht gewonnen werden können (im irdischen Leben muß mit ihnen der Anfang gemacht werden). Paulus mahnt daher: „Kauft die Zeit aus“ (Kol 4,5). „Solange wir Zeit haben, wollen wir das Gute tun an allen, hauptsächl. aber an den Glaubensgenossen“ (Gal 6,10).

Das Christentum steht somit der Kultur, der fortschreitenden Entfaltung menschl. Lebens und menschlicher Fähigkeiten, keineswegs ablehnend oder uninteressiert gegenüber. Selbstverständl. muß es auch in diesem Bereich die Beachtung der sittl. Richtlinien verlangen, die dem Menschen von seiner wesentl. Bestimmung her gezogen sind (vgl. Mk 8,36).

b) Schon im AT ist das von Gott dem Menschen zugesprochene Heil weder rein zukünftig noch rein gegenwärtig. Hoffnung gründet nicht nur in der Verheißung des Kommenden, sondern auch in den bereits empfangenen Heilsgaben. Allerdings bedeutet das empfangene Angeld zugleich Gabe und Aufgabe: Das Angefangene soll durch Mitwirkung des Menschen selbst vollendet werden.

Im NT machen die Synoptiker klar, daß das Reich Gottes etwas Kommendes ist, aber schon in diese Welt hereingreift. Paulus betont das Heil als etwas schon Gegebenes und doch erst Kommendes. Das Angeld, das die Garantie der künftigen Erfüllung enthält, ist dem Menschen zugleich mit dem Auftrag gegeben, die Erfüllung herbeizuführen.

Das NT zeigt das irdische Leben als die Zeit des Wachsens bis zur Ernte (Mt 13,30), des Arbeitens im Weinberg des Herrn (Mt 20,1–16), des Wirtschaftens mit den von Gott empfangenen Talenten (Mt 25,14–30), des Schätzesammelns für den Himmel (Mt 6,20), des Laufens in der Rennbahn zur Erlangung des unvergängl. Siegeskranzes (1 Kor 9,24 f; 2 Tim 4,7; Jak 1,12).

Gemäß dem 2. Vat. Konz. soll der Mensch in der Vollendung den Ertrag seiner Mühen wiederfinden (GS 39). Paulus weiß sich von Christus ergriffen, weiß aber auch, daß er selbst noch Christus ergreifen muß (Phil 3,12). Er ist sich des Ernstes der Aufgabe bewußt: Gottes Heilswille ist zwar unerschütterl., der Mensch kann aber versagen; so mahnt er zur Sorge: „Wirket euer eigenes Heil mit Furcht und Zittern“ (Phil 2,12).

Die christl. Hoffnung umfaßt also Gegenwärtiges und Künftiges. Die Erwartung des Künftigen gibt dem Leben des Christen einen Zug der Jugendlichkeit. Jugend ist auf Zukunft gerichtet. Auch wenn der Christ an Jahren vorangeschritten ist, steht vor ihm noch eine große Zukunft. „Wenn auch unser äußerer Mensch aufgerieben wird, so erneuert sich doch unser innerer von Tag zu Tag“ (2 Kor 4,16). Weil der Christ die erwarteten Güter noch nicht besitzt, kann und muß er um sie in Sorge sein. Wohl steht Gottes Heilswille fest; Gott achtet aber die Freiheit des Menschen, und der Mensch kann im Gebrauch seiner Freiheit versagen, kann sich von Gott trennen. Augustinus weiß, daß er der Versuchung erliegen und wieder zum Sünder werden kann: „Die einzige Hoffnung, der einzige Verlaß, die einzige sichere Verheißung ist dein Erbarmen“ (Conf. X 32,48; PL 32,799). Das Konz. von Trient betont das sichere Heilswirken Gottes und warnt zugleich den Menschen vor naiver Heilssicherheit (D 1534).

Zur christl. Hoffnung gehört auch das Wissen darum, daß die künftigen Güter in ihren Anfängen schon gegenwärtig sind. Der Glaube an das Heilswirken Gottes in Christus verleiht der Hoffnung ihre Sicherheit: Von der Seite Gottes her ist ihre Grundlage sicher; ihm darf der Mensch fest vertrauen; fürchten muß er nur sein eigenes Versagen. Aus dem Wissen darum, daß Gott mit dem Heil des Menschen den Anfang schon gemacht hat, entspringt starke Freude: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und mit allem Frieden im Glauben, auf daß ihr überreich seid an Hoffnung in der Kraft des Hl. Geistes“ (Röm 15,13; vgl. 5,9 f).

Der Christ lebt damit in einer für sein irdisches Dasein charakteristischen Spannung von Sicherheit und Furcht: Er hat zwar schon die Verheißung des Heiles und seinen Anfang und darf sich dessen freuen; er hat es aber noch nicht vollendet und unverlierbar und muß desh. darum bangen. Dieses Unterwegssein (in statu viatoris) ist ihm als „Zwischenzeit“ aufgegeben, in der er sich in Hoffnung zu bewähren hat.

II. Nach einer Zeit geringerer Beachtung wurde die Bedeutung der christl. Hoffnung wieder voller erkannt.

1. Wenn Gott dem Menschen ein übernatürl. Ziel bestimmt hat, dessen Vollendung im Jenseits liegt, für das er aber schon im Diesseits heranreifen soll, ist es selbstverständl., daß der Mensch seine Bestimmung oder sein Heil nur erlangen kann, wenn er sich auf dieses Ziel hin einstellt. Diese Ausrichtung, die auch die Bereitschaft zu einem entsprechenden irdischen Wirken umfaßt, heißt eben Hoffnung Gott nötigt den Menschen nicht zu ihr, sondern läßt es auf seine eigene Entscheidung ankommen (Sittlichkeit).

2. Zur entschiedenen Haltung der Hoffnung kommt der Mensch durch Entscheidung für die Hoffnung Solches ausdrückl. Sichausrichten auf die künftigen Güter wird für den Menschen zur drängenden Pflicht, sobald er die ihm von Gott gesetzte Bestimmung und gegebene Verheißung erkennt; das Konz. von Trient erwähnt die Hoffnung als Element der Disposition des Menschen, die zu seiner Rechtfertigung erforderl. ist (D 1526). Die Haltung der Hoffnung würde geschwächt und würde schließl. ganz aufhören, wenn der Mensch sie nicht des öfteren erneuerte (vgl. D 2021). Besondere Gründe drängen zur Erweckung der Hoffnung durch Vergegenwärtigung der Hoffnungsmotive dann, wenn man gegen die Hoffnung versucht wird, und noch mehr, wenn man der Versuchung erlegen ist und die Einstellung der Hoffnung ganz aufgeben hat.

III. Zur christl. Hoffnung kommt der Mensch durch das Wort und die Gnade Gottes.

1. Die Offenbarung sagt dem Menschen, was ihm bestimmt ist und wozu er bestimmt ist. Sie ruft ihn auf, diese Bestimmung anzunehmen. Sein Ja zu diesem Anruf heißt Glaube. Christl. Hoffnung ist nicht mögl. ohne christl. Glauben; vielmehr sind Glaube und Hoffnung auf das engste miteinander verbunden: Die Hoffnung erwächst aus dem Glauben. „Der Glaube sagt: Große und unvorstellbare Güter wurden von Gott denen bereitet, die an ihn glauben. Die Hoffnung sagt: Für mich sind sie aufbewahrt“ (Bernhard von Clairvaux, In Ps 90 serm. 10,1; PL 183,221). Wer den Glauben verliert, kann auch die christl. Hoffnung nicht mehr haben.

Glaube und Hoffnung scheinen daher in der Hl. Schrift häufig miteinander auf. Paulus freut sich über den Glauben der Epheser (Eph 1,15) und wünscht ihnen: „Gott möge die Augen eures Herzens hellsichtig machen, auf daß ihr einsehet, zu was für einer Hoffnung ihr berufen seid und wie reich euer herrl. Erbe unter den Heiligen ist“ (Eph 1,18). Er mahnt die Kolosser: „Nur müßt ihr ausharren im Glauben, fest gegründet und unerschütterl., und euch nicht abbringen lassen von der Hoffnung des Evangeliums“ (Kol 1,23; vgl. Röm 5,1 f; Gal 5, 5).

Christl. Hoffnung kann ohne christl. Glauben nicht bestehen. Umgekehrt braucht der Glaube die Hoffnung, um seine Vollgestalt (fides formata) zu erreichen; ohne sie bleibt er nur ein Kümmerglaube (f. informis). In der Vollform des Glaubens ist auch die Hoffnung enthalten. Ein in anderer Hinsicht unausgeformter Glaube kann doch ein gewisses Maß an Hoffnung und gerade dadurch einen wertvollen Ansatz zu seiner vollen Ausgestaltung besitzen.

2. Wenn die Hoffnung aus dem Glauben erwächst und wenn der Glaube selbst durch die Gnade Gottes geweckt wird, kann der Mensch auch zur christl. Hoffnung nicht aus eigener Kraft kommen, sondern nur durch Gnade. Zum Glaubenden wird der Mensch, wenn er von Gott ergriffen wird (vgl. Hebr 11,1). Wie für den Glauben liegt auch für die Hoffnung die Initiative auf Seiten Gottes. Paulus ist sich bewußt, daß er dem in Christus angebotenen Heil nur nachjagen kann, „weil ich von Christus Jesus ergriffen wurde“ (Phil 3,12).

Die gnadenhaft gewirkte Haltung der Hoffnung (gemäß dem Konz. von Trient wird sie dem Menschen zugleich mit Glauben und Liebe ansatzhaft in der Rechtfertigung gegeben, D 1530; vgl. 780 904), die dem Christen wesentl. ist, wird übernatürl. göttl. Tugend genannt.

Sie darf nicht als etwas Abgeschlossenes (Statisches) verstanden werden, sondern als etwas Wachsendes (Dynamisches): als das ständige Sichausstrecken nach dem kommenden Herrn, das in einem stets neu zu verwirklichenden entsprechenden Leben auf Erden Gestalt annehmen muß.

Obwohl die Hoffnung gnadengewirkt ist, wird sie zugleich dem Menschen als sittl. Tun abverlangt. Die Gnade ermöglicht ihm diese Entfaltung des Glaubens, nötigt ihn aber nicht dazu, sondern läßt es auf seine freie Entscheidung ankommen.

IV. Die Hoffnung, die aus dem Glauben erwächst, drängt selbst zur Entfaltung in gewissen Haltungen und Betätigungen, die als Früchte der Hoffnung bezeichnet werden können.

1. Wer im Glauben erkennt, daß er von Gott für ein Ziel bestimmt ist, das er nur mit Hilfe Gottes erreichen kann, und wer in der Entfaltung seines Glaubens sein Streben auf dieses Ziel hin einstellt (= Hoffnung), wird damit auch zur Bitte um Gottes Hilfe gedrängt .

Das Bittgebet setzt die Hoffnung voraus und ist ihre Betätigung. Umgekehrt kann der Beter auch wieder um Stärkung in der Hoffnung bitten.

2. Die christl. Hoffnung befähigt den Menschen zur Geduld.

3. Der Christ harrt der Erfüllung seiner Bestimmung entgegen. Diese liegt darin, daß er mit dem liebenden Gott eins wird und an seiner Liebe teilhat. Endgültig teilhaben kann er nur, wenn er dieses Teilhaben schon auf Erden angenommen und eingeübt hat (vgl. die Werke der Barmherzigkeit, die man auf Erden üben muß, wenn man vom Herrn im Endgericht nicht zurückgewiesen werden will; Mt 25,34.40.41.45). Aus der christl. Hoffnung erwächst also die Liebe mit dem Herrn.

Unter anderem Gesichtspunkt kann man auch sagen: Wenn der Mensch Gott als sein höchstes Gut ins Auge faßt, ihn nicht verfehlen will und alles fürchtet, was ihn von Gott trennen könnte, hat er schon eine Art Liebe zu ihm, näml. begehrende Liebe (amor concupiscentiae). Wenn diese auch nicht die vollkommenste Art der Liebe ist, kann sie den Menschen doch zu aufrichtigem sittl. Streben bringen und zum Handeln aus vollkommenerer Liebe überleiten. Wer sich von der begehrenden Liebe anregen läßt, sich zu heiligen und Gott in sich zu verherrlichen, wird eben dadurch dazu geführt, immer mehr an Gott und immer weniger an sich zu denken. Das Motiv der Hoffnung hat nichts Verwerfliches an sich, wenn es nur tief genug gesehen wird, und trägt dem berechtigten Verlangen des Menschen nach Selbsterfüllung (Selbstliebe) Rechnung (vgl. D 1539 1581 2212 2214 2310 2313 2351 f 2355–57 2361).

V. In der christl. Hoffnung liegt eine mehrfache Spannung: zw. den irdischen Werten und den ewigen Gütern; zw. dem, was dem Christen von den ewigen Gütern jetzt schon gegeben ist, und dem, was er erst noch zu gewinnen hat; zw. der Sicherheit dessen, was von Gott schon geschenkt wurde, und der Unsicherheit seines vollendeten und endgültigen Besitzes; zw. dem Schon und dem Nochnicht. Diese Spannung bedeutet die Notwendigkeit weiteren Bangens und Mühens (vgl. Phil 2,12). Der Mensch ist in Gefahr, weiteren Strebens müde zu werden; in Versuchung, sich dieser Notwendigkeit entledigen zu wollen.

1. Ein Versuch, den Mühen zu entrinnen, geht dahin, daß sich der Mensch auf irgendeine Art das, was erst kommen soll, jetzt schon sichern will (die infantile Fehllösung des Raschhabenwollens, Nichtwartenkönnens, Nichtreifenkönnens); daß er jetzt schon vorwegnehmen will, was er erst am Ende haben kann (praesumptio = Vorwegnahme von etwas nicht Zustehendem = Vermessenheit).

Zum Heil (= Erreichen der endgültigen Bestimmung) tragen Gottes Gnade und das Tun des Menschen (das Tun in Gnade, das ganz Gott und ganz dem Menschen zukommt) bei. Die vermessenen Lösungsversuche stützen sich auf falsche Vereinfachungen: eines von beiden wird weggestrichen.

a) So kann sich der Mensch auf das einseitig überbewertete eigene sittl. Tun stützen wollen, auf eine meist recht banal verstandene sittl. Rechtschaffenheit, die dazu ausreichen soll, ihm das Heil zu sichern (falsche Werkgerechtigkeit, Moralismus; pelagianische Vermessenheit).

b) Der entgegengesetzte Versuch baut auf der Behauptung auf, daß es für das Heil nur auf den Heilswillen Gottes ankomme, nicht auf das Entscheiden und das Tun des Menschen. Der Mensch will seine Beruhigung aus dem gläubigen Wissen um die Verdienste Christi (verzerrte Sola-Fides-Lehre) oder um die Prädestination herleiten.

Eine besondere Art dieser Vermessenheit ist die Hoffnung auf Verzeihung der Sünde ohne Bereitschaft zur Bekehrung (Sündigen auf die Barmherzigkeit Gottes).

2. Einen weiteren Versuch, die Spannung des Wartens und die Mühe des Strebens loszuwerden, macht der Mensch, der verneint, daß es für ihn ein zu erreichendes Ziel gibt (greisenhafte Lösung der Zukunftslosigkeit).

a) Der Verzweifelnde verfällt der Meinung, es gebe für ihn keine Möglichkeit, das eschatologische Gut (= Heil) zu erreichen, weil er entweder über die Größe der eigenen Sünde erschrickt (Judas nach dem Verrat, Mt 27,3–5) oder sich vor unüberwindl. sittl. Schwierigkeiten gestellt sieht (Verstrickung in ein Laster), oder aus ähnl. Gründen. Er nimmt nicht an, was die Offenbarung über Gottes Barmherzigkeit, wie sie uns in Christus zukommt, sagt; wegen dieser Nichtannahme kann man die Verzweiflung zu den Sünden wider den Hl. Geist zählen. Zur gegenteiligen Haltung regt das Schicksal des rechten Schächers an (Lk 23,42).

Auf der Linie der Verzweiflung liegen Kleinmut und Verzagtheit hinsichtl. der ewigen Güter und der irdischen Hilfen dazund „Was seid ihr so furchtsam, ihr Kleingläubigen?“ (Mt 8,26) gilt von einem zu geringen Vertrauen auf Gott. Freil. darf man nicht jede Klage eines Leidenden für voll nehmen.

b) Der rein irdisch Gesinnte schreibt in seinem Denken und Verhalten die ewigen Güter ab. Er nimmt Gott nicht als letztes Ziel an und stellt sich nicht auf ihn hin ein, sucht daher die Erfüllung nur im Irdischen. Paulus spricht von Menschen, „die keine Hoffnung haben“ (1 Thess 4,14). Die Wurzel solcher Einstellung ist in Unglauben oder verkümmertem Glauben zu suchen.

Auf eine solche Einstellung hin drängen schon falsche Akzentsetzungen. Man erwartet z.B. von Gott hauptsächl. irdische Güter (die Erwartung irdischen Heiles im AT bedurfte der berichtigenden Ergänzung auf das Jenseits hin). Eine besondere Ausformung hat diese Erwartung zeitweilig in den sog. Gottesurteilen angenommen: Man verlangte ein unmittelbares Eingreifen Gottes, das sich in sichtbaren außerordentl. Wirkungen kundtun sollte. Wird die Erwartung enttäuscht, so droht die Verzweiflung: Schon bisher hat der Mensch das Irdische dem Ewigen nicht richtig untergeordnet, umso weniger kann er die Enttäuschung bewältigen.

Noch ärger wird der Fehler, wenn man in Gott Erwartungen setzt, die man sinnvollerweise niemals in ihn setzen kann, etwa wenn man die Hilfe Gottes zum Gelingen eines Verbrechens erhofft (blasphemische Vermessenheit).


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