Ansprache von Bundespräsident
Dr. Thomas Klestil
anläßlich der Begegnung mit Papst Johannes
Paul II.
am Samstag, dem 20. Juni 1998, in der Wiener Hofburg
Heiliger Vater!
Gemeinsam mit den Vertretern unseres Landes und dem Diplomatischen Corps heiße ich Sie heute mit großer Freude hier in der Wiener Hofburg willkommen.
Viele von uns, die heute hier versammelt sind und die diese Begegnung in ganz Österreich miterleben, tragen noch immer die bewegende Erinnerung an Ihre beiden Pastoralbesuche in den Jahren 1983 und 1988 in sich – an die Weisheit und Weitsicht, mit der Sie damals gerade hier, im Zentrum der Geschichte Österreichs und Mitteleuropas, das Bekenntnis zum gemeinsamen, ungeteilten Europa wachgehalten und gestärkt haben.
Heute wissen wir, wie prophetisch Ihr fester Glaube an die Überwindung der europäischen Spaltung war – und wie entscheidend Sie selbst durch Ihr pastorales Wirken und Ihr unablässiges Eintreten für Menschenrechte und Religionsfreiheit zu dieser historischen Wende beigetragen haben.
Die Mauern von einst sind inzwischen gefallen. Die Grenzen haben sich geöffnet, und die Völker jenseits der Trennlinie von gestern wurden aus der Unfreiheit einer menschenverachtenden Ideologie befreit. Europa kann heute, wie es immer Ihr Wunsch war, wieder mit zwei Lungen atmen.
Dennoch dürfen wir nicht übersehen, daß noch lange nicht alle Schranken beiseite geräumt sind; daß manche Hoffnungen und Erwartungen, die mit dem Zusammenbruch des Eisernen Vorhangs verbunden waren, noch nicht in Erfüllung gegangen sind; daß der Neuaufbau Europas weit mühevoller ist, als wir alle erwartet hatten.
Mehr und mehr wird uns bewußt, daß die erhoffte Einheit und Solidarität der Völker Europas nur gelingen kann, wenn wir - bei aller Verschiedenheit unserer pluralistischen Gesellschaft – auch zu einer Wertegemeinschaft mit gemeinsamen ethischen Standards und gemeinsamen Zielvorstellungen zusammenwachsen.
Politik und Diplomatie allein sind bei dieser Aufgabe sicher überfordert - sie brauchen das dichte, alle Grenzen überwindende Netzwerk der Kultur, der Humanität, der Solidarität - und natürlich auch der Religion. Das Christentum hat die Seele Europas entscheidend geprägt - es kann auch jetzt mithelfen, den Menschen - jeden Menschen - in seiner unzerstörbaren Würde neu zu entdecken, die geistige Lebenskraft Europas zu erhalten und das Vertrauen der Völker zueinander zu stärken.
Weit über den europäischen Kontinent hinaus spüren wir heute aber auch, daß die Suche nach Sinn zu einer der Schicksalsfragen der Menschheit geworden ist. Ich bin überzeugt, daß die Zukunft jenen gehört, die den kommenden Generationen triftige Gründe dafür nennen können, warum ihr Leben, ihr Hoffen und Mühen wichtig, ja unersetzlich ist. Auch hier werden wir auf die inspirierende und sinnstiftende Kraft des Glaubens und auf die gemeinschaftsfördernden Dienste der Kirchen nicht verzichten können.
Kirche und Staat arbeiten also - bei aller Verschiedenheit ihrer Aufgaben - in einer natürlichen Partnerschaft im Dienst an denselben Menschen. So ist auch unsere Republik an einem lebendigen, vom Geist der Nächstenhilfe und Nächstenliebe erfüllten spirituellen Leben interessiert. Sie begrüßt deshalb auch alle Initiativen, die dazu beitragen, das geschwisterliche Zusammenleben innerhalb und zwischen den Kirchen und Religionen zu stärken.
Sie, Heiliger Vater, haben Österreich als einen "Spiegel und ein Modell Europas", zuletzt sogar als "Herz Europas" bezeichnet – und Sie haben wiederholt auf die besondere europäische Mission unseres Landes hingewiesen. Dieser hohe Auftrag begleitet uns gerade in den kommenden Monaten, in denen wir zum erstenmal die Präsidentschaft in der Europäischen Union übernehmen. Er mahnt uns, über alle Sachfragen der europäischen und internationalen Politik hinaus das geistige und menschliche Zusammenwachsen des ganzen Europa zu fördern - und jenen, die noch außerhalb der Union stehen, auf ihrem Weg ein verständnisvoller Freund und Helfer zu sein.
Heiliger Vater!
Wir feiern heuer den 50. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte – und vor nunmehr fünf Jahren hat die Menschenrechtskonferenz hier in Wien das Bekenntnis der Weltgemeinschaft zu den Grund- und Freiheitsrechten weiter gefestigt. Es ist mir ein besonderes Bedürfnis, Ihnen heute, in Anwesenheit der Vertreter der Staatengemeinschaft, unsere tiefe Dankbarkeit für Ihr beispielhaftes, weltumspannendes Engagement auszudrücken: Als unablässiger Mahner gegen Unrecht und Unmenschlichkeit, gegen Selbstgerechtigkeit und kalte Rücksichtslosigkeit - und als unermüdlicher Vorkämpfer für Gerechtigkeit, Solidarität und Versöhnung.
Niemand anderer auf unserem Globus hat sich diesem großen Ziel der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte mit solch übermenschlicher Entschlossenheit und Hingabe gestellt – und niemand sonst erreicht mit seinem Wirken die Herzen so vieler Menschen.
Dennoch benötigt die Sache der Gerechtigkeit heute mehr helfende Hände denn je. Ich möchte Ihnen versichern, daß wir Österreicher uns auch in Zukunft mit all unseren Kräften bemühen werden, aktiv und initiativ an einer gerechteren, einer humaneren und friedlicheren Welt mitzubauen.
Ich bitte Sie, Heiliger Vater, nun das Wort an uns zu richten!
HTML-Dokument aktualisiert am 31.07.1998 von Dr. Josef Spindelböck auf der Grundlage der vom Papstbüro bereitgestellten Texte.
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