Predigt:
12. Sonntag im Jahreskreis A (23.06.2002)
L1: Jer 20,10-13; L2: Röm 5,12-15; Ev: Mt 10,26-33
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Viele Menschen gehen halbherzig durch das Leben! Wie leicht läßt man sich von etwas abbringen, wovon man innerlich überzeugt ist, weil es die Umgebung so will. Man möchte nicht allein dastehen mit seiner Meinung, will nicht belächelt oder gar verspottet werden. Nur wenige haben den Mut, konsequent ihren Weg zu gehen. Auf diese Weise ist es auch erklärlich, weshalb es zu gewissen Zeiten diktatorische und totalitäre Systeme geschafft haben, an die Macht zu kommen und die Menschen zu manipulieren. Die Menschenfurcht läßt die meisten von uns irgendwie „weich“ werden. Da sind wir alle eingeschlossen.
Wie aber ist es möglich, einen Weg zu finden, wo wir die wahre Freiheit bewahren können und nicht einfach jedem Wind der Meinungen ausgesetzt sind? Wie können wir so durch unser Leben gehen, daß wir uns vor uns selber nicht schämen müssen, sondern in Treue zu unserer Auffassung und unseren Idealen vor Gott und den Mitmenschen stehen?
Jesus sagt uns im Evangelium, daß wir uns nicht vor den Menschen fürchten sollen. Als Christen dürfen wir freier sein, wir sind nicht von anderen abhängig und ihnen ausgeliefert. Ja, in Zeiten der Verfolgung könnten die Peiniger sogar unseren Leib töten, aber sie haben doch keine Macht über unsere Seele, wenn wir nur auf Gott vertrauen, der unser wahres Leben ist.
Gott allein ist es, den wir fürchten und noch mehr lieben müssen. Denn ihm verdanken wir alles. Er hat uns erschaffen und lenkt unser Leben. Seine Vorsehung leitet und begleitet uns. Das geht so weit, daß Jesus sagen kann, sogar die Haare auf unserem Haupt seien gezählt. Wenn nicht einmal ein Spatz ohne den Willen Gottes zur Erde fällt, wie wird es dann bei uns sein! Wir sind ja viel mehr wert als viele Spatzen.
Liebe Brüder und Schwestern, die Menschenfurcht legt uns so manche Fesseln auf. Da geht jemand nicht zur Kirche, weil er ja sonst zu fromm bei seinen Nachbarn und Freunden erscheinen könne. Da meidet man es vielleicht aus Menschenfurcht, in der Gesellschaft Zeugnis zu geben für die christlichen Werte. Und weil so viele schweigen, gewinnen andere Kräfte die Überhand ...
Wir brauchen wieder mehr Mut zum Guten, Mut zum Glauben und Freude an der Wahrheit. Wovor haben wir denn eigentlich Angst? Sind wir nicht alle in Gottes Hand? Hat man je gehört, daß Gott jemanden verlassen hätte, der sich ihm ganz anvertraut hat?
Freilich ist das alles nur einsichtig in der Perspektive des ewigen Lebens. Wer nur für diese kurze Zeit auf Erden lebt und meint, nachher wäre alles aus, der wird nicht Gott fürchten, sondern die Menschen. Am 21. Juni haben wir den Gedenktag des heiligen Aloisius von Gonzaga gefeiert. Dieser junge Mann hatte die rechte Auffassung vom Leben. Er fragte sich immer: „Was nützt mir das für die Ewigkeit?“ Und da erkannte er, daß vieles Irdische und Weltliche hier relativ wenig Wert hat. Er beschloß, Gott in einem Orden zu dienen und schloß sich den Jesuiten an. In christlicher Nächstenliebe pflegte er die Pestkranken, wodurch er schließlich selber starb. Aber sein Leben war erfüllt von der Liebe zu Gott und zu den Menschen. Es war ein reicheres und intensiveres Leben als das mancher Reicher, die Angst haben, das zu verlieren, was sie besitzen.
Wir sollten vielmehr in heiligem Selbstbewußtsein sagen: Gott hat mich für wertvoll befunden, er liebt mich, und eben darum werfe ich mein Leben nicht weg, sondern ordne es auf das Gute hin. So gewinnen wir die wahre Freiheit.
Zugleich wird uns auch die rechte Gelassenheit geschenkt, die uns die Dinge annehmen läßt, die wir ohnehin nicht ändern können. Eine Frucht des Gottvertrauens ist auch ein guter Humor, wo wir dann mit dem seligen Johannes XXIII. sagen können: „Johannes, nimm dich selber nicht so wichtig!“
Wie Maria, die Gottesmutter, so wollen auch wir allein auf Gott unser Vertrauen setzen. Das Leben ist ein spannendes Abenteuer, wenn wir es mit Gott leben und uns ganz auf ihn einlassen. Gott der Herr läßt jene nicht im Stich, die auf ihn vertrauen. Mögen uns die Heiligen mit ihrer Fürbitte begleiten! Amen
