Predigt
am 1. Adventsonntag
(29.
November 1998; Lesejahr A)
L 1: Jes 2,1-5; L 2: Röm 13,11-14a; Ev: Mt 24,29-44
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Mit dem heutigen 1. Adventsonntag beginnt wieder ein neues Kirchenjahr. Die kirchliche Zeitrechnung ist bekanntlich nicht mit der Einteilung des bürgerlichen Jahres identisch. Der Grund dafür ist leicht einzusehen: Advent und Weihnachten bilden eine Einheit, und mit der Geburt des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria ist uns der Anfang des Heiles geschenkt.
Zugleich beginnt ein neues Lesejahr. Das heißt, die Evangelien dieses Kirchenjahres werden hauptsächlich vom Evangelisten Matthäus genommen. Der Apostel Matthäus, der nach der Tradition der Kirche als Verfasser des gleichnamigen Evangeliums gilt, war von Beruf Zöllner. Als solcher wurde er von Jesus berufen, in seine Nachfolge zu treten. Sein Evangelium richtet sich besonders an die Judenchristen, denen er durch viele alttestamentliche Zeugnisse aufweisen möchte, daß sich die Verheißungen vom Messias in der Geburt und im Leben, Sterben und Auferstehen Jesu Christi erfüllt haben. Zugleich hat sein Evangelium eine weltweite und missionarische Dimension: Es richtet sich an die Gläubigen des ganzen Erdkreises. Die vier Evangelien sind der Kirche besonders heilig. In ihnen finden wir authentische Zeugnisse vom Leben unseres Herrn Jesus Christus. Der in ihnen ausgedrückte Glaube eröffnet den unverfälschten Zugang zur Person unseres Erlösers. Glaube macht nicht blind, sondern sehend! Es ist der Heilige Geist, der die Verfasser der Heiligen Schrift erleuchtet und geleitet hat, sodaß wir ihre Schriften wirklich als "Wort des lebendigen Gottes" annehmen dürfen!
Noch etwas ist zu Beginn dieses Kirchenjahres hervorzuheben: Wir sind damit im letzten Jahr der Vorbereitung auf das große Jubiläum des Jahres 2000, in dem die Kirche die Zweitausendjahrfeier der Geburt Christi begehen wird. Drei Jahre der Vorbereitung hat uns der Heilige Vater empfohlen: das erste Jahr (1997) war Jesus Christus geweiht, das zweite Jahr (1998) dem Heiligen Geist, und das dritte Jahr (1999) Gott, dem Vater. Dieses Jahr Gottes, des Vaters, beginnt mit dem heutigen 1. Adventsonntag. Wir sollen Gott wieder als den allmächtigen und barmherzigen Vater entdecken, der unser Leben sicher lenkt und uns begleitet. In Gottes Händen sind wir allezeit geborgen. Nicht einmal die Schuld vermag uns niederzudrücken, da uns die Vergebung sicher ist, wenn wir die Sünden von Herzen bereuen und uns bessern wollen. Gerade die Adventzeit lädt uns dazu ein, uns im Geiste zu erneuern. Suchen wir die Stille, versuchen wir auf Gott zu hören im Gebet und in der Lesung der Heiligen Schrift, hören wir aufeinander im guten Gespräch in Familie und Freundeskreis und geben wir durch unser Leben Zeugnis vom Heil, das wir von Gott empfangen haben!
Das Licht der ersten Kerze des Adventkranzes, das wir zu Beginn dieser Meßfeier entzündet haben, weist uns hin auf das wahre Licht, das die Menschen erleuchtet. Hell aufstrahlen soll das Licht des Glaubens in unseren Herzen. Christus ist das Licht, und wir sind "Kinder des Lichtes". Keine Finsternis darf mehr in uns sein. Was vermag die Dunkelheit der ganzen Welt gegen das Licht einer einzigen Kerze! Und so kann auch uns nichts erschrecken und erschüttern, wenn wir dieses Licht Christi, des Erlösers, in uns tragen. Geben wir das Licht des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe weiter! Versuchen wir, in jedem Menschen unsere Brüder und Schwestern zu sehen, ja mehr noch: Sehen wir in ihnen Jesus Christus selber, der Mensch geworden ist, um sich mit uns Menschen zu identifizieren. Das geht so weit, daß er sagen kann: Was immer ihr einem von diesen Geringsten Gutes getan habt, das habt ihr mir getan! Auf die gelebte Nächstenliebe kommt es also an. Denn der Glaube ist ohne Liebe tot.
Eine Frau, die das in einzigartiger Weise
verwirklicht hat, ehren wir in dieser Adventzeit besonders: Es ist die
selige Jungfrau Maria. Sie hat es verstanden, auf das Wort Gottes
zu hören, das ihr der Engel verkündet hat, und sie hat auch begriffen,
wie wichtig das Gespräch mit den Mitmenschen ist und die Hilfe, die
wir ihnen erweisen: Denken wir nur an ihren Besuch bei Elisabeth, ihrer
Verwandten, der sie mit Rat und Tat zur Seite gestanden ist. Ihr leuchtendes
Vorbild und ihre Fürbitte öffne unser Herz für Gott, damit
wir uns in dieser "stillsten Zeit des Jahres" vorbereiten für die
Ankunft Christi, des Erlösers. Dann werden wir wachsam und bereit
sein, wenn er kommt. Amen.