Predigt:
27. Sonntag im Jahreskreis A (06.10.2002)
L1: Jes 5,1-7; L2: Phil 4,6-9; Ev: Mt 21,33-44
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn wir aufmerksam das Gleichnis des heutigen Evangeliums vom Gutsbesitzer und seinem Weinberg gehört haben, dann denken wir an all das, was mit dem Einbringen der Erntegaben verbunden ist. Wie viel Arbeit steckt dahinter, bis endlich die guten Gaben des Schöpfers eingeholt und heimgebracht werden können aus dem reichen Schatz, den uns die Natur bietet! Eben darum haben wir bereits am letzten Sonntag Erntedank gefeiert.
Das Evangelium spricht allerdings von einer anderen Ernte, die eingeholt werden soll. Es ist dies die Ernte des Reiches Gottes, das heißt die gute Frucht jener Menschen, die das Gute lieben und tun, die in Verbundenheit mit dem Willen Gottes stehen und die Gottes- und Nächstenliebe üben. Unser Leben ist gleichsam wie ein großer Weinberg oder Acker, worauf die Frucht eines Gott wohlgefälligen Dienstes heranreifen soll. Einmal wird der Zeitpunkt der Ernte kommen – für jeden einzelnen am Ende seines Lebens sowie für die Gesamtheit der Menschen am Ende der Welt.
Worum geht es im Gleichnis des eben gehörten Evangeliums ganz unmittelbar? Jesus adressiert seine Worte natürlich an die Angehörigen seines eigenen Volkes. Es ist das von Gott erwählte Volk der Juden, das mit einem Weinberg verglichen wird, den der Gutsbesitzer – das ist Gott selbst – angelegt hat. Gott möchte, daß ihm sein Volk Früchte des Glaubens und der Liebe sowie der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit bringt. Eben darum sendet er wiederholt die Propheten zum Volk Israel. Diese Propheten aber finden wenig Anklang und kaum Gehör. Sie werden verfolgt und getötet. Dies wird im Gleichnis sehr anschaulich beschrieben.
Dann heißt es: „Zuletzt sandte er seinen Sohn zu ihnen; denn er dachte: Vor meinem Sohn werden sie Achtung haben.“ Wir erkennen, was hier gemeint ist: Gott hat seinen eigenen Sohn zu uns Menschen gesandt. Er hat ihn zuerst zu seinem auserwählten Volk gesandt, das ihn leider nicht aufnahm. Ja gewiß, es gab im Volk Israel viele, die an Jesus Christus glaubten. Die entscheidende und einflußreiche Schicht jedoch – die politischen und religiösen Führer des Volkes sowie eine von ihnen beeinflußte und angestachelte Masse – lehnte Jesus ab und veranlaßte dessen Hinrichtung am Kreuz ...!
Es muß den damaligen Zuhörern klar gewesen sein, daß Jesus im Gleichnis von ihnen sprach. Und dies müssen sie als ungeheuer provozierend empfunden haben. Die Prophezeiung des Herrn an jene, die ihn ablehnten, war nicht leicht zu akzeptieren. Er sagte: „Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.“
Liebe Gläubige! Der eben skizzierte historische Hintergrund trifft zu und ist doch nur die eine Seite der Wirklichkeit. Der Blick auf das Vergangene darf uns nicht dazu verleiten, unserer eigene Zeit aus den Augen zu verlieren. Sind wir besser als jene, die Jesus abgelehnt haben? Dürfen uns wir Christen über das jüdische Volk überheben? Freilich werden wir sagen, daß wir an Jesus Christus glauben und ihm treu sein wollen. Diesem Bekenntnis der Lippen muß freilich die Tat folgen. Unser Leben muß das einlösen, was wir uns an Gutem vorgenommen haben. Da aber wird ein jeder von uns bekennen müssen, daß wir es nicht immer richtig machen. Wir sind schwache Menschen mit Sünden und Fehlern und tun leider auch das Böse. Auf diese Weise lehnen auch wir Christus den Herrn immer wieder ab. So müssen wir letztlich bekennen, daß wir als Sünder „die Urheber und Vollstrecker aller Strafen waren, die [Christus] erlitt“ (Catech. R. 1,5,11). Ein diesbezügliches Wort stammt vom heiligen Franz von Assisi, der feststellt: „Dämonen sind nicht die, die ihn gekreuzigt haben, sondern du, der du ihn zusammen mit ihnen gekreuzigt hast und immer noch kreuzigst, indem du dich in Lastern und Sünden vergnügst“ (Franz v. Assisi, admon. 5,3).
Was not tut, ist also immer wieder die Umkehr des eigenen Herzens, die Hinwendung zu Gott. Wer könnte uns da besser zur Seite stehen und mehr behilflich sein als die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria? An sie denken wir besonders in diesem Monat Oktober, dem Rosenkranzmonat. Das Rosenkranzgebet vergegenwärtigt uns ja das ganze Leben Jesu, vor allem auch sein Leiden und Sterben sowie seine Auferstehung und Himmelfahrt. Hier wird uns bewußt, was der Sohn Gottes für uns getan hat. Jesus, der Sohn, ist in seinen Weinberg gegangen und hat sich in furchtbarer Weise von uns mißhandeln lassen durch seinen Tod am Kreuz. Er hat dies auf sich genommen in liebevoller Hingabe, um auf diese Weise das Böse durch das Gute zu überwinden und uns das Heil zu schenken.
Wer könnte uns besser hinführen zu den Gesinnungen des Herzens Jesu, das sich in Liebe den Menschen zugewandt hat, als Maria, die Mutter Gottes? Beten wir den Rosenkranz, und tun wir dies in liebevoller Verbundenheit mit allen Menschen. Der Rosenkranz ist ein Gebet der Solidarität, das niemanden vergessen will. Besonders sollen wir für jene Menschen beten, die von Gott nichts wissen wollen, „die der Barmherzigkeit Gottes am meisten bedürfen“, wie es im Fatima-Gebet heißt. Dann aber gilt auch, daß wir niemanden aufgeben dürfen, denn Gottes Liebe ist ohne Ende und ohne Grenzen. Möge die heilige Jungfrau Maria unser Herz öffnen für die frohe Botschaft des Glaubens, damit wir alle gute Frucht bringen im Weinberg des Herrn! Amen
