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Predigt:

2. Sonntag im Jahreskreis A (20.01.2002)

L1: Jes 49,3.5-6; L2: 1 Kor 1,1-3; Ev: Joh 1,29-34


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Gemeinsam mit den Angehörigen anderer christlicher Konfessionen begehen wir vom 18. bis 25. Januar die Weltgebetswoche für die Einheit der Christen. Es ist der Wille Christi, daß alle eins sind, die an ihn glauben, so wie er mit dem Vater eins ist im Heiligen Geist. Nur dann wenn die Christen diese Einheit leben, kann die Botschaft Jesu Christi in der Welt „ankommen“. So sagt unser Herr selbst: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, daß du mich gesandt hast.“ (Joh 17,21)

In der Geschichte der Kirche hat es stets beides gegeben: die gelebte Einheit und das beispielhafte Zeugnis der Glaubenden für den einen dreifaltigen Gott, aber auch so manche Ärgernisse und Störfaktoren, die zum Bruch der Einheit mit der Kirche geführt haben. Es gab Abspaltungen, Trennungen und Entzweiungen, die sich nicht zum Segen des Auftrags der Kirche ausgewirkt haben, sondern so manche Verunsicherung und Verwirrung bewirkt haben.

Wie aber ist die Einheit, die der Herr für seine Kirche wünscht, zu verstehen? Vorweg muß klar sein, daß der wahren Kirche Christi, die in der Katholischen Kirche verwirklicht ist (vgl. LG 8), von ihrem Herrn eine unverlierbare Einheit geschenkt worden ist. Wir bekennen uns im Glaubensbekenntnis zur „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“.

Diese ursprüngliche und wirkliche Einheit der Kirche in Liebe und Wahrheit ist gleichsam das Stiftungsgeschenk Christi an seine Braut, die Kirche. Er liebt sie und hat für sie am Kreuz sein Blut vergossen. Sein heiligstes Herz schlägt für alle, die an ihn glauben und ihn lieben. Auf diese Weise ist die Einheit der Kirche nicht etwas Utopisches und Fernes, sondern bereits etwas Gegenwärtiges und Reales. Sie wirkt sich aus in der Einheit des Glaubens, in der Einheit der Leitung sowie in der Einheit der Sakramente und des gottesdienstlichen Lebens.

Was bedeutet die Einheit des Glaubens? Als Glieder der Kirche bekennen wir uns zu dem einen Herrn Jesus Christus, der von seinem Vater gesandt wurde als unser Erlöser und der im Heiligen Geist das Werk des Heiles vollbracht hat. Glauben muß jeder persönlich, aber dieser Glaube ist nicht etwas Unverbindliches, bloß Subjektives. Es gibt eine Gemeinsamkeit, die größer ist als das individuelle „Meinen“: Es ist das gemeinsame Stehen in der Wahrheit des Glaubens, das der Kirche ermöglicht ist durch den Heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit einführt und in ihr erhält. So konnte das 2. Vatikanische Konzil feststellen:

„Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert. Durch jenen Glaubenssinn nämlich, der vom Geist der Wahrheit geweckt und genährt wird, hält das Gottesvolk unter der Leitung des heiligen Lehramtes, in dessen treuer Gefolgschaft es nicht mehr das Wort von Menschen, sondern wirklich das Wort Gottes empfängt (vgl. 1 Thess 2,13), den einmal den Heiligen übergebenen Glauben (vgl. Jud 3) unverlierbar fest. Durch ihn dringt es mit rechtem Urteil immer tiefer in den Glauben ein und wendet ihn im Leben voller an.“ (LG 12)

Somit ist auch die zweite Verwirklichungsform der Einheit aufgezeigt: In der Kirche gibt es eine gemeinsame Leitung durch den Papst als sichtbaren Stellvertreter Christi und die Bischöfe als Nachfolger der Apostel. Papst und Bischöfe üben das Lehr- und Hirtenamt aus. Sie werden unterstützt von den Priestern und Diakonen sowie von allen im Volke Gottes, denen eine besondere Verantwortung für die Kirche übertragen wurde. Im letzten sind wir alle für die Kirche verantwortlich. Ein Ausdruck dafür sind auch die heuer stattfindenden Pfarrgemeinderatswahlen. So soll die Kirche in Wahrheit und Liebe aufgebaut werden.

Schließlich ist die wesentliche Einheit der Kirche gegeben in ihrem Gottesdienst und in den Sakramenten. Überall, wo eine gültige Eucharistiefeier in Einheit mit dem Bischof gefeiert wird, verwirklicht sich die eine Kirche Christi. Dort ist der Herr gegenwärtig, der in seinem Opfer am Kreuz die Erlösung und das Heil all jener begründet hat, die an ihn glauben. Die Vielfalt der Riten und Ausdrucksweisen ist von der Kirche ausdrücklich anerkannt. So soll die Einheit der Kirche zugleich als Reichtum der Formen erfahren werden. Auf diese Weise wird Gott mit vielen Zungen gepriesen!

Wenn wir die Bereiche aufgezeigt haben, wo die Kirche ihre wesentliche und unverlierbare Einheit verwirklicht, die ihr von Christus geschenkt wurde, dann fragen wir: Warum sollen wir beten für die Einheit der Christen?

Die Antwort kann nur lauten: Die Einheit der Kirche im Glauben, in der Leitung und in den Sakramenten muß auch gelebt werden. Sowohl innerhalb der katholischen Kirche wie auch im Dialog und im Zusammenwirken mit den anderen Christgläubigen stellen sich hier vielfältige Aufgaben. Bereits erreichte Einheit soll bewahrt und vertieft werden. Was noch aussteht, wollen wir erbeten. Denn die Einheit kann nicht „gemacht“ werden, sie ist ein unverdienbares Geschenk Gottes.

Bitten wir die heilige Gottesmutter Maria, die „Mutter der Einheit“, um ihre besondere Fürsprache. Es ist undenkbar, daß wir mit dem Sohn – Jesus Christus – eins sein können ohne die Einheit mit seiner Mutter. Sie möchte alle Menschen guten Willens hinführen zur neuen Familie der Kinder Gottes in der einen Kirche Christi. Ihn loben und preisen wir, denn er hat uns vereint als das eine Volk des lebendigen Gottes! Amen