Predigt:
30. Sonntag im Jahreskreis A (27.10.2002)
L1: Ex 22,20-26; L2: 1 Thess 1,5c-10; Ev: Mt 22,34-40
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Oftmals ist unser Leben sehr kompliziert. Es gibt so vieles, woran wir denken und was wir beachten sollen! Kinder sind noch nicht so verbildet wie manche Erwachsene: Sie spüren, worauf es ankommt, was wirklich wesentlich ist im Leben der Familie und in ihrem Freundeskreis. Es sind dies Liebe und Vertrauen. Wie aber sieht es mit der Gottesbeziehung aus?
In gewissen jüdischen Kreisen wurde das menschliche Verhältnis zu Gott als sehr kompliziert aufgefaßt und gelebt. Es gab unzählige Gebote und Vorschriften, die kaum alle zu halten waren. Neben den eigentlichen Geboten Gottes waren dies die Vorschriften für den Gottesdienst und die vielen rechtlichen Regelungen und Anweisungen. Dies alles machte die oft unerträglich schwere Last des jüdischen Gesetzes aus.
Als unser Herr Jesus Christus sich ganz souverän über all diese Satzungen hinwegsetzte und den Menschen wieder das eigentliche Gebot Gottes bewußt machte, da waren die einen erleichtert und befreit, die anderen fürchteten sich davor und sahen ihre eigenen Gesetzessysteme bedroht.
Weil sich der Sohn Gottes durch sein unerschrockenes Auftreten so manche Feinde unter den religiösen und politischen Autoritäten seines Landes geschaffen hatte, ist es verständlich, daß man ihn wiederholt auf die Probe stellen wollte. Dem diente auch die Frage, die wir eben im Evangelium gehört haben: „Meister, welches Gebot ist das wichtigste?“ Die Antwort war von vornherein nicht so klar, wie es uns heute scheint. Es gab nach der Zählung der Schriftgelehrten in der Bibel 248 Gebote und 365 Verbote. Manche Ausleger meinten, sie würden alle in gleicher Weise gelten, da sie ja letztlich doch von Gott stammten, und man dürfe keines dieser Gebote übertreten. Von daher gesehen, scheint es schon fast frevelhaft, eine solche Frage überhaupt zu formulieren, es sei denn als Falle für Jesus. Konnte man denn im Ernst annehmen, es gäbe ein Gebot, das wichtiger sei als alle übrigen? Waren denn nicht alle Gebote gleich streng zu halten? So jedenfalls die Auffassung und Auslegung einer ganz bestimmten pharisäischen Schule.
In dieser Frage ging es um etwas Entscheidendes und Wichtiges: Wie steht der Mensch vor Gott? Was muß er wirklich tun im Leben? Worauf kommt es an? Und da zögert Jesus nicht. Er verleugnet nicht die Botschaft, die er den Menschen im Namen seines himmlischen Vaters verkünden muß. Es ist die frohe Botschaft des Evangeliums, die wirklich zum Leben führt, das der Mensch im tiefsten Herzen ersehnt. Wer sich an das Wort Jesu hält, gelangt zum ewigen Leben.
Wie aber lautet die Antwort des Herrn auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot? Sie ist ganz klar und eindeutig: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot.“ Unschlagbar, diese Antwort! Mit einer derart direkten Auskunft hat der Gesetzeslehrer nicht gerechnet. Doch: Die Antwort ist einfach wahr, denn Gott ist über alles zu lieben und zu ehren. Hier muß jede wahre Frömmigkeit ansetzen und ihren Angelpunkt finden.
Doch dann fährt Jesus fort, wohl zur Überraschung seines Gesprächspartners. Er sagt: „Ebenso wichtig ist das zweite Gebot: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Mit diesem Zusatz hat der Schriftgelehrte wohl nicht gerechnet. Und noch dazu stellt Jesus dieses Gebot dem ersten gleich! Dies scheint unerhört. Die Nächstenliebe wird in ihrer Wichtigkeit der Gottesliebe gleichgestellt. Auf dem Hintergrund des Alten Bundes ist das nur schwer nachvollziehbar. Gott ist der Heilige, der Erhabene, dem alle Anbetung und Ehrfurcht gehört. Der Mensch hat zwar als Abbild Gottes teil an seiner Würde, steht aber doch in unendlicher geschöpflicher Distanz zu seinem Schöpfer. Nun soll die Nächstenliebe gleich viel gelten wie die Gottesliebe?! Dies scheint dem frommen Juden unerhört, und auch wir selber haben Mühe, dies nachzuvollziehen. Doch Jesu Botschaft ist unmißverständlich und klar: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz samt den Propheten.“ Hier ist alles enthalten, hierin wird alles Wichtige zusammengefaßt.
Seitdem Gott selber in seinem Sohn Jesus Christus in diese Welt eingetreten ist, seit er Mensch geworden ist, ist auch der zweite Teil des Hauptgebotes verstehbar und lebbar geworden. In jedem Menschen begegnet uns nämlich Christus selber. Was wir einem von den geringsten Brüdern oder Schwestern tun oder nicht tun, das tun wir dem Herrn selber! So sagt er es an anderer Stelle. Wir können tatsächlich im notleidenden und hilfsbedürftigen Nächsten Gott begegnen.
Wenn wir die Nächstenliebe in dieser ihrer zutiefst auf Gott bezogenen Dimension entdecken, dann sind die beiden Teile des Hauptgebotes – nämlich die Gottes – und die Nächstenliebe – kein Gegensatz mehr, sondern ihre jeweilige Ergänzung und komplementäre Verwirklichung.
Es braucht die direkte und unmittelbare Gottesbeziehung, etwa im Gebet oder in der Teilnahme am Gottesdienst. Wir sollen Gott den Herrn über alles und vor allem lieben! Doch um Gottes willen sollen wir auch den Nächsten lieben und ihm Gutes tun. Auch hierin können wir Gott begegnen.
Ja, es ist sogar so, daß sich die Echtheit der Gottesliebe an der praktizierten Nächstenliebe erweist.
Wenn wir hier ein Beispiel suchen, dann werden wir zur heiligen Jungfrau Maria aufblicken, der Mutter und Magd des Herrn. Ihr ist es durch die Gnade Gottes gelungen, die vollkommene Gottes- und Nächstenliebe miteinander zu verbinden. Sie vermag uns einzuführen in die Schule des Lebens nach den Geboten Gottes: Wer Gott und den Nächsten wirklich liebt, tut nichts Böses, sondern müht sich beständig darum, das Gute zu suchen und zu verwirklichen. Der ewige „Lohn“ dafür wird Gottes Liebe selber sein. Amen
