Predigt am 4.
Adventsonntag
(20. Dezember
1998; Lesejahr A)
L 1: Jes 7,10-14; L 2: Röm 1,1-7; Ev: Mt 1,18-24
Liebe Brüder und Schwestern
im Herrn!
Schon sehr nahe ist uns das Fest der Geburt unseres Herrn Jesus Christus. Die Texte der Lesungen und des Evangeliums vom heutigen 4. Adventsonntag lassen uns ahnen, wie wunderbar es gewesen sein muß, als Gott durch die Fleischwerdung seines ewigen Wortes aus der Jungfrau Maria in diese Welt eintrat.
Viele Menschen glauben heute nicht mehr an die jungfräuliche Empfängnis und Geburt unseres Herrn Jesus Christus. Es gibt sogar einige Theologen, die das ganze als angeblich "mythologisch" beiseite schieben und dafür andere Erklärungen suchen. Demgegenüber bekennt sich die Kirche bis heute im vollen Sinn des Wortes zur wunderbar-jungfräulichen Empfängnis und Geburt Jesu Christi aus Maria, seiner Mutter.
Warum hat Gott ausgerechnet diesen Weg in die Welt gewählt? Er hätte ja auch plötzlich dasein können auf dieser Erde, ohne jede vorherige Ankündigung und auch ohne eine menschliche Mutter. Dann wäre aber der Zweifel groß gewesen, ob denn dieser "menschgewordene" Sohn Gottes wirklich ein Mensch sei oder nicht bloß die Gestalt eines Menschen angenommen habe, eben als Mensch "erschienen" sei. Es gab in der Geschichte des Christentums eine Irrlehre, die behauptete, Jesus Christus habe bloß einen Scheinleib angenommen (der "Doketismus"). Dahinter stand die Verachtung des Leiblichen und Materiellen, wie sie in der Gnosis und im Dualismus gegeben ist.
Doch Gott hat uns durch seine wahrhaft menschliche Geburt aus der Jungfrau Maria gezeigt: Dieses Kind, das da geboren worden ist, ist wirklich ein Mensch. Jesus wurde hineingeboren in eine menschliche Familie, er hatte eine menschliche Mutter, und Josef war der gesetzliche Vater Jesu. Aber eben hier liegt das Problem oder die Frage für manche Menschen: Warum konnte oder durfte Josef nicht leiblicher Vater unseres Herrn Jesus Christus sein? Warum mußte Maria eine Jungfrau sein?
Daß Gott diesen Weg gewählt hat, hat nichts mit einer Abwertung des Sexuellen zu tun, wie manchmal unterstellt wird. Es hat einen anderen Grund: Vor allem sollte deutlich werden, daß Jesus der wahre und einzige Sohn des ewigen Vaters im Himmel ist. Eine biologische Vaterschaft Josefs hätte die ewige Gottessohnschaft Jesu verdunkelt. So trat Josef, der Bräutigam Mariens, zurück vor diesem Geheimnis der Menschwerdung Jesu aus der Jungfrau Maria, dessen Hüter er sein durfte. Ohne Josef von Nazaret wäre der Plan Gottes nicht zu seiner vollen Verwirklichung gelangt. Josef, der Mann Mariens, bezeugt die jungfräuliche Ehre seiner heiligsten Braut, die er auf Geheiß des Engels zur Frau nahm.
Im übrigen: Sollten wir Gott dieses Wunder nicht zutrauen? Er, der der Herr ist über alles und der alles, was lebt und existiert, aus dem Nichts erschaffen hat, kann in seiner Allmacht doch ohne weiteres durch die Überschattung des Heiligen Geistes die wunderbare Empfängnis und Geburt seines Sohnes Jesus Christus aus der Jungfrau Maria bewirken! Es handelt sich dabei auch um die Erfüllung einer Verheißung, die durch den Propheten Jesaja an das Haus David ergangen ist. Gott selbst gibt das lang ersehnte messianische Zeichen: "Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, sie wird einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel - Gott mit uns - geben." Diese Verheißung hat sich in der Empfängnis und Geburt Jesu Christi erfüllt! Er ist der Immanuel - der Gott mit uns.
Wir wollen Gott dafür danken, daß er zu uns gekommen ist und das Menschsein mit uns geteilt hat. Er wurde Mensch, damit wir zu Kindern Gottes werden. In der Taufe hat er uns als seine geliebten Kinder angenommen. Verlieren wir nie diese Gnade der Kindschaft Gottes! Wo sie durch eine schwere Sünde verlorengegangen ist, können wir durch das heilige Bußsakrament wieder mit Gott versöhnt werden. Die Zeit vor Weihnachten bietet sich dazu an, diesen vollen Frieden mit Gott und den Menschen wieder zu erlangen.
Rufen wir die heilige Jungfrau
Maria und den heiligen Josef an, daß sie uns einführen mögen
in das Geheimnis von Weihnachten, damit wir erkennen, wie groß
die Liebe des Vaters ist, der uns seinen eingeborenen Sohn schenkt
zu unserem Heil! Amen.