Predigt:
4. Sonntag der Osterzeit A (21.04.2002)
L1: Apg 2,14a.36-41; L2: 1 Petr 2,20b-25; Ev: Joh 10,1-10
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Darf ein Hirte müde sein? Er darf es! Doch im Stich lassen soll er die Schafe nicht. Mit dieser Frage wenden wir uns dem eben gehörten Gleichnis vom Guten Hirten zu, das uns Jesus erzählt hat. Heute ist ja der Gute-Hirten-Sonntag. Er wird begangen als Weltgebetstag für die geistlichen Berufe.
Ein Hirte hat sich einzusetzen für seine Herde. Er muß da sein für die Schafe, gleichsam Tag und Nacht. Der Hirte führt die ihm anvertraute Herde zum guten Weideplatz. Er beschützt sie vor ihren Feinden. Wird ein Tier krank oder ist es verletzt, so kümmert sich der Hirte darum. Im besonderen gilt seine Sorge dem verlorenen Schaf. Dieses hat sich von der Herde entfernt und ist unauffindbar. Wo mag es wohl sein? Die Sorge ist groß, daß ihm etwas zugestoßen sein könnte. So macht sich der gute Hirt auf die Suche. Er ruht nicht eher, bis er das Schaf gefunden hat. Erst dann ist er zufrieden und kehrt glücklich heim mit dem wiedergefundenen Tier.
Natürlich, liebe Brüder und Schwestern, ist das nur ein Gleichnisbild für die innige Beziehung Gottes zu seinem Volk, für die Verbindung des guten Hirten – Christus – zu uns als seiner Kirche. Welcher mündige Christ von heute möchte sich denn schon als „Schaf“ bezeichnen lassen? Und dennoch liegt in diesem Bild eine tiefe Wahrheit. Es ist die Hirtenliebe Christi, die uns leitet auf den Wegen unseres Lebens. Wir sind ihm kostbar, noch viel kostbarer als dem guten Hirten seine Schafe sein können. Für uns hat der Erlöser sogar sein Leben eingesetzt und es hingegeben am Kreuz. Jesus Christus liebt seine Kirche, so wie ein Bräutigam seine Braut liebt. Als Auferstandener ist uns der gute Hirt vorausgegangen zum Vater, um auch uns eine Wohnung zu bereiten. Er schenkt sich uns immer wieder neu im Opfer der Heiligen Messe und im Mahl der heiligen Kommunion, das wir empfangen dürfen.
Wenn Gott Männer beruft, die zu Priestern geweiht werden, so ist dies eine Teilnahme am Hirtenamt des Erlösers. Sie sollen für die ihnen anvertrauten Menschen da sein und ihnen im Wort Gottes und in den Sakramenten geistliche Speise vermitteln, Nahrung geben für die Seele. Die „verlorenen Schafe“ – alle Sünder und Fernstehenden – sollen sie einladen und immer wieder aufsuchen. Gerade der Kranken und Armen sollen sie sich annehmen. Der eigentliche gute Hirte bleibt freilich immer Jesus selbst. Menschen können nur seine Mitarbeiter sein. In der Mitarbeit beim Erlösungswerk entfalten Priester und Laien ihre gottgegebenen Gnadengaben und Fähigkeiten. Es gilt dabei, daß jeder von uns seine eigene Berufung entdeckt und lebt.
Beten wir besonders um gute Priester und Ordensleute! Geistliche Berufe sind wie ein Sauerteig für die Welt, sie sind ein Zeichen für das Übernatürliche, für Gott. Ihre Gegenwart lenkt den Blick der Herzen hin auf das Ewige und Bleibende, auf die wahren Werte des Lebens. Vielfältig sind die Aufgaben im Reiche Gottes. Für jeden gibt es genug zu tun, alle brauchen und ergänzen wir einander. Je besser und treuer wir selber unsere Berufung leben, desto mehr helfen wir auch den anderen.
Warum werden Menschen heute noch Priester oder gehen in ein Kloster? Die Antworten können vielfältig sein. Und doch wird man folgendes sagen können: Die von Gott Angesprochenen spüren irgendwie und glauben fest daran, daß es Größeres gibt als das Irdische. Sie möchten dem Herrn zur Verfügung stehen, damit er das Reich seiner Liebe und seines Friedens weiter ausbreiten kann auf dieser Erde. Es sind Menschen, die auf eine besondere Weise von der Liebe Gottes ergriffen worden sind. Sie wollen eine hochherzige Antwort der Hingabe und des Verzichts geben, um so wahrhaft frei und erfüllt zu werden. Wer wirklich erkennt, daß Gott ihn ruft, der soll nicht zögern! Habt keine Angst! So ruft der Heilige Vater, Papst Johannes Paul II., immer wieder den Jugendlichen zu, mit denen er betet und spricht. Habt keine Angst, Christus zu folgen, wenn er euch ruft!
Der Weg der Nachfolge Christi ist ein einfacher Weg mit Blick auf das Wesentliche: Gottes Liebe zählt. Die Herde Gottes – das sind wir Menschen – will geführt und betreut werden. Die unsterblichen Seelen sind es wert, daß man sich für sie einsetzt und hingibt bis zum Tod. Rufen wir also heute die Fürbitte aller Heiligen an, besonders die Gottesmutter Maria, daß uns Gott auch in der heutigen Zeit wieder ausreichend Priester- und Ordensberufe schickt. Beten wir für die Berufenen. Beten wir aber auch um gute Familien, denn aus ihnen kann Gott Menschen rufen, die sich einsetzten für das Reich Gottes.
Unsere Hoffnung richtet sich auf das Ewige: Wir wollen vom Lamm Gottes – das ist Christus – hingeführt werden zu den Weideplätzen des unsterblichen Lebens und der ewigen Seligkeit. Gott möge es uns gnädig schenken! Amen
