Dr. Josef Spindelböck

Predigt für den Zweiten Sonntag der Osterzeit
Sonntag der Barmherzigkeit Gottes / "Weißer Sonntag", 7. April 2002, Lesejahr A

L 1: Apg 2,42-47; L 2: 1 Petr 1,3-9; Ev: Joh 20,19-31

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Was heißt „glauben“? Diese Frage zu stellen ist für uns „Gläubige“ nicht überflüssig. Gerade der heutige „Weiße Sonntag“, auch „Barmherzigkeitssonntag“ genannt, an dem wir das Evangelium vom zunächst „ungläubigen“ Thomas gehört haben, macht auch uns wieder bewußt, was der Glaube bedeuten kann und soll.

„Glauben heißt alles für wahr halten, was Gott geoffenbart hat und uns durch seine heilige Kirche zu glauben lehrt.“ Diese kurze Definition aus dem Katechismus wissen die Älteren von uns vielleicht noch. Aber haben wir ausreichend begriffen, was „Glaube“ bedeutet?

Unser katholischer Glaube ist ja nicht einfach eine Formelsammlung, die wir zwar möglichst lückenlos aufsagen können, aber für unser Leben letztlich bedeutungslos ist. Glauben heißt mehr! Es geht um das Ergriffensein von Gott, um die Hingabe an Gott mit allen Kräften der Seele und des Leibes. Bloßes Theoretisieren hilft niemandem. Wo der Glaube sich nicht auswirkt im Leben, wo er keine Werke der Liebe aufzuweisen hat, ist er tot!

Im Glauben sagen wir „Ja“ zu Gott. Dieses Ja ist ein Festes-Überzeugtsein von der Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, erschienen ist. Nur weil Gott selber sich uns mitgeteilt hat – theologisch sagen wir: Er hat sich geoffenbart! –, können wir die Antwort des Glaubens geben.

Das wird am Beispiel des Apostels Thomas deutlich: Er war ein Suchender, der dem auferstandenen Herrn noch nicht persönlich begegnet war. Thomas wollte glauben, aber er konnte es noch nicht. Erst die persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Herrn Jesus Christus nahm alle Blindheit des Herzens von ihm weg. Jesus forderte ihn sogar auf, die Finger auszustrecken und seine Hände zu berühren; er sollte seine Hand in seine Seite legen, um sich wirklich zu überzeugen: Das ist derselbe Jesus, der für uns am Kreuz gestorben ist. Er ist auferstanden und lebt!

Sagen wir nicht, Thomas hätte nach dieser Begegnung nicht mehr glauben müssen. Ja, er hat Jesus gesehen in seiner verklärten Menschheit und darum an ihn geglaubt! Er glaubte aber an Jesus nicht als bloßen Menschen, sondern er bekannte, vom Heiligen Geist ergriffen und erleuchtet: „Mein Herr und mein Gott!“ Die Gottheit Jesu Christi ist ihm im Glauben aufgeleuchtet. Sein Herz war fähig, über das Sichtbare vorzudringen zum Unsichtbaren und Göttlichen.

Liebe Gläubige! Wir haben Jesus nicht gesehen, und dennoch glauben wir an ihn. Die Kirche bezeugt ihn uns; wir hören die frohe Botschaft, daß er auferstanden ist von den Toten und uns sein ewiges Leben schenken will. Wir sind alle eingeladen, dem Glaubensweg des Apostels Thomas zu folgen und zu einem festen und tiefen Osterglauben zu gelangen. Nur wenn wir offen sind und bereit, kann die Gnade Gottes wirksam sein. In unserem Herzen soll dieser Glaube an den Auferstandenen so stark sein, daß wir uns nicht von all dem verwirren lassen, was rings um uns vorgeht. Der Friede des Auferstandenen ist uns bleibend geschenkt, sein Erbarmen begleitet uns!

Wenn wir in diesen Tagen ins Heilige Land blicken und von den schweren Kämpfen hören, die sich dort abspielen und von der Belagerung der Heiligen Stätten hören, so erfüllt uns das mit großer Sorge. Wir sind aufgerufen, für die Menschen in Israel und im Gebiet der Palästinenser zu beten, daß der Friede einkehre. Mögen die Herzen sich der Botschaft des Auferstandenen öffnen und die Menschen sich versöhnen und Wege zueinander finden! So wollen wir heute an diesem Sonntag auch ganz besonders in diesem Anliegen beten.

Der Evangelist Johannes bemerkt am Schluß der heute vorgelesenen Perikope, daß all die Berichte von der Auferstehung Jesu aufgeschrieben sind, „damit ihr glaubt, daß Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“ Jesus Christus ist einzigartig, er ist der menschgewordene Sohn Gottes, der Heiland und Erlöser der Welt!

Wenn wir ihm unseren Glauben schenken und in Verbundenheit mit ihm und seiner Kirche aus diesem Glauben leben wollen, dann werden wir das ewige Leben empfangen. Stellen wir uns hinein in die Gemeinschaft all jener Glaubenden, die uns vorangegangen sind in diesem Glauben und die das Ziel des Glaubens bereits erreicht haben: das ewige Heil. Die heilige Gottesmutter Maria, der heilige Josef sowie alle Apostel und Heiligen mögen uns durch ihre Fürsprache dabei helfen, daß wir die kostbare Gabe des Glaubens immer wieder neu entdecken, voll Freude daraus leben und diesen Glauben weitergeben an alle Menschen! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at