Dr. Josef Spindelböck

Die mit Leib und Seele verherrlichte Frau

Predigt am Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel
15. August 2005, Lesejahr A

L 1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Das Hochfest der Aufnahme Marias in den Himmel, das wir am 15. August feiern, lädt uns ein nachzudenken über den Plan, den Gott mit jedem Menschen hat, und insbesondere über die Berufung der Frau. Von Freude erfüllt, blickt die Kirche auf Maria als das „große Zeichen“ am Himmel. Hier steht der Mensch vor uns, an dem sich das Erlösungswerk Christi auf vollkommene Weise erfüllt hat. Hier verwirklicht sich die Würde und Berufung der Frau auf einzigartige Weise, auch im Hinblick auf die Schönheit und Vollendung des Leibes der Frau.

Welchen Stellenwert hat die Frau im gesellschaftlichen und kirchlichen Leben? Sind wir uns der Würde ausreichend bewusst, mit der Gott jede Frau ausgezeichnet hat und die in einzigartiger Weise Maria zukommt, der Jungfrau und Mutter? Die Botschaft, die in vielfacher Weise durch die Werbung, die Filmindustrie und das Musik- und Showbusiness vermittelt wird, lautet: Eine Frau ist nur dann interessant, wenn sie etwas darstellt, was sie für die Sinne aufreizend macht. Wir stehen hier vor dem Phänomen, dass „die Frau“ in vielfacher Weise eingesetzt und vorgestellt wird als bloßes Objekt der Befriedigung sexueller Bedürfnisse. In Wirklichkeit wird hier die Frau nicht in ihrem Wert erkannt und anerkannt, sondern erniedrigt. Inzwischen haben das auch viele Feministinnen erkannt, die gegen eine derartige Form der profit- und genussorientierten Darstellung der Frau protestieren.

Auch die Kirche sagt hier „Nein“, und zwar nicht, weil sie in ihrer Lehre sexuell verklemmt oder prüde wäre, wie ihr das manche vorwerfen, sondern weil es um das personale Antlitz der Frau geht, das auf diese Weise verdunkelt wird. Wahre Schönheit drängt sich nicht auf, sondern wirkt aus sich selbst; sie kommt von innen und ist verbunden mit jenen Werten, die gerade die Seele der Frau auszeichnen, wenn sie ihrer von Gott gegebenen Berufung folgt: mit Liebe, Anmut, Hingabe, Opferbereitschaft, Frömmigkeit und Demut. All dies sind Tugenden und Werte, wie sie natürlich auch dem Mann zu eigen sein sollen. Doch jedes der beiden Geschlechter verwirklicht sie auf unterschiedliche Weise. Gott hat es so gewollt, dass beide – Mann und Frau – nach seinem Bild geschaffen sind, einander ergänzen und füreinander da sein sollen.

Was kann uns der gläubige Blick auf Maria, die Jungfrau und Gottesmutter, lehren? Sie wird selig gepriesen nicht wegen ihrer zweifellos vorhandenen, alle übrigen Frauen überragenden leiblichen Schönheit und auch nicht bloß wegen ihrer biologischen Mutterschaft, die sie mit ihrem Sohn Jesus verbindet, sondern vor allem aufgrund ihres Glauben und ihrer Liebe, mit der sie auf die einzigartige Fülle der Gnade geantwortet hat, die ihr zuteil geworden ist. Gott hat sie erwählt und vor jeder Sünde bewahrt. Er hat sie berufen, die Mutter seines menschgewordenen Sohnes Jesus Christus zu werden und in Einheit mit ihrem jungfräulichen Gemahl, dem heiligen Josef, für das Jesuskind zu sorgen. Maria wurde von Gott zur geistlichen Mutter aller Menschen berufen. Sie stellt die Kirche in ihrem Urbild dar, als Mutter und Braut, und verwirklicht das Idealbild der Frau, in der eine jede ihr Vorbild erblicken darf.

Durch die Aufnahme in den Himmel und die Verherrlichung ihres Leibes und ihrer Seele hat Gott gezeigt, dass er den ganzen Menschen retten will. Denn alles, was Gott erschaffen hat, ist gut und zur Vollendung bestimmt. So erfüllt uns die Vollendung Marias mit Hoffnung und Zuversicht, da uns in ihr gezeigt wird, zu welcher Herrlichkeit wir alle berufen sind.

Es ist angebracht, dass wir uns gemeinsam und zugleich ganz persönlich der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria anempfehlen und weihen. Wir schenken ihr unseren Leib und unsere Seele, alle Gaben der Natur und der Gnade, die uns Gott gegeben hat, das Gute, das wir mit Gottes Hilfe tun durften, aber auch den reuevollen Schmerz über das, was wir Böses getan oder an Gutem unterlassen haben. Wenn Maria uns als Gabe dem dreieinigen Gott empfiehlt, dann wird er uns annehmen, wie wir sind. Es ist unmöglich, dass Gott eine Bitte nicht erhört, die Maria an ihn richtet.

Maria ist unser sicherer Leitstern im irdischen Leben. Sie spornt uns an zu einem Leben der Heiligkeit und Gerechtigkeit, sie weckt die Freude am Gebet und am Guten, sie erbittet uns die Kraft Gottes, das Böse zu meiden. Einst wird unser Jubel grenzenlos sein: Wenn wir mit Maria und allen Engeln und Heiligen einstimmen dürfen in das ewige Lob, das die Schöpfung Gott darbringt. Amen.

 

·        Predigten von Dr. Josef Spindelböck

·        Predigten von Pfr. Christian Poschenrieder

·        Predigten von + Univ. Prof. Dr. Ferdinand Holböck


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