Dr. Josef Spindelböck

Predigt für Allerheiligen
1. November 2002

L 1: Offb 7,2-4.9-14; L 2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a

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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Der heutige Festtag „Allerheiligen“ lenkt am Vormittag unseren Blick zum Himmel; am Nachmittag steht das Gedenken der Verstorbenen im Vordergrund, für die wir in gläubiger Hoffnung auf Vollendung beten wollen!

Fast jeder von uns hat einen Heiligen oder eine Heilige als Namenspatron. Damit wird ausgedrückt, daß wir Vorbilder brauchen, an denen wir uns orientieren können, wenn wir unseren christlichen Glauben ernst nehmen wollen. Natürlich: In erster Linie ist Jesus Christus selber unser Vorbild. Doch schon der Apostel Paulus sagte, man solle ihn nachahmen, so wie er sich bemühe, Christus nachzuahmen und nachzufolgen: „Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme.“ (1 Kor 11,1)

Bei aller Selbständigkeit des je eigenen Lebensweges hat und braucht ein jeder doch Vorbilder und Ideale, an denen er sich orientieren kann. Ist nicht der Starkult unserer Zeit auch eine säkularisierte Form der Orientierung an Menschen, die uns voranleuchten sollen in unserem Leben? Leider entspricht das Leben dieser sogenannten Großen oft nicht dem, was wir uns von wahrer Menschlichkeit und erst recht von einem christlichen Glaubenszeugnis erwarten möchten. Die Film- und Fernsehstars, die Musiker und Sänger haben nicht selten massive persönliche Probleme, da sie den ganzen Rummel um ihre Person kaum verkraften bzw. auch durch den vergänglichen Glanz von Macht, Ansehen und Ehre sowie durch den Luxus, der sie umgibt, dazu verleitet werden, ihr Leben auf falsche Werte zu gründen. Die Folgen sind dann oft zerrüttete Ehen, Streitigkeiten, Absinken in Drogen- und Alkoholkonsum und so weiter. Nein, solche Vorbilder brauchen wir nicht, auch wenn sie alle Welt hochjubelt!

Auf diesem Hintergrund überrascht es umso mehr, wenn es dann vereinzelt auch unter den Prominenten Menschen gibt, die sich als gläubige Christen „outen“. Sie haben den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und für Gottes Gebote einzutreten. Ein Beispiel dafür ist gerade jetzt bekanntgeworden: Die „Miss Austria 2002“ Celine Roschek hat öffentlich erklärt (im Interview mit der katholischen Jugendzeitschrift „YOU“), daß das Modelbusiness für sie nur eine Nebensache sei. Für sie zähle das, was Gott von ihr wolle. "Sein Wille ist zentral, alles andere egal." Bibellesen gehört für Celine zum normalen Alltag. "Ich lese in der Bibel. Wer die Heilige Schrift kennt, kennt das Leben. Sie ist der beste und einfachste Weg zu verstehen, wer Gott eigentlich ist." Gleichzeitig zeigt sie sich realistisch, was den Alltag als Christ betrifft. "Heutzutage ist es richtig mühsam geworden, die Gebote zu halten. Es sind viele bedenkliche Dinge so selbstverständlich geworden. Es lastet ein Riesendruck auf uns Jugendlichen." Die Miss Austria 2002 betont, dass es schwer sei, dem Druck des Zeitgeistes standzuhalten. Um dies zu schaffen, sei die Gemeinschaft wichtig, "seinen Glauben mit Freunden zu teilen und gemeinsam zu leben". Gott sei "soviel größer als unsere kleinen Kämpfe". Durch das Streben nach dem ewigen Leben verlieren "Alltagssorgen ihr Gewicht". In einem Appell wendet sich Celine an die "You!-Leser": "Es lohnt sich auf Gott zu vertrauen. Ihr müsst wissen, was für euch in eurem Leben wichtig ist. Findet es heraus und dann steht dazu. Seid keine Fähnchen im Wind. Heute so - morgen so. Diese Welt braucht Menschen mit Rückgrat. Prüft alles und behaltet das Gute. Das Beste ist im Endeffekt Gott."

Ein wirklich beachtenswertes Zeugnis, von dem zu hoffen ist, daß es viele vernehmen und es die Betreffende auch selber leben kann. Denn nur so ist sie auch glaubwürdig für andere!

Die Botschaft des heutigen Tages „Allerheiligen“ lautet: Heilig kann und soll jeder werden! Denn wir alle sind von Gott unendlich geliebt und zum ewigen Leben in der Herrlichkeit des Himmels berufen. Es gibt zahlreiche von der Kirche kanonisierte Heilige; noch viel mehr sind es, die – uns allen unbekannt – bereits das ewige Leben bei Gott erlangt haben. Es sind die stillen und unscheinbaren Zeugen des Glaubens im Alltag, Menschen wie Du und ich, die sich bewährt haben in den Lebensprüfungen, die Gott schickt. Sie sind ihren je eigenen Weg gegangen. Heilig zu sein heißt ja nicht unbedingt außergewöhnlich leben oder Außergewöhnliches tun. Es kommt vielmehr darauf an, die eigene Berufung mit Liebe zu erfüllen. Der Dienst in der Familie, im Beruf, in der gesellschaftlichen oder kirchlichen Öffentlichkeit – all das sind Bewährungsfelder auf dem Weg zur Heiligkeit.

Letztlich ist es Gott selber, der uns heiligt. Er hat uns in der heiligen Taufe die „heiligmachende Gnade“ geschenkt und uns zu einem Volk von Priestern, Königen und Propheten gemacht. Wenn Jesus Christus von uns die Selbstverleugnung und das Kreuztragen im Alltag verlangt, so ist das keine unmögliche Aufgabe. Die Gnade Gottes stärkt uns, daß wir fähig werden, unseren Egoismus zu überwinden und das Gute zu tun. Dann erfahren wir auch, daß unser Leben an Wert und Glanz gewinnt. Je mehr wir uns einsetzen für andere, je mehr wir auf den Willen Gottes hören und ihn befolgen, desto glücklicher und erfüllter wird unser Leben. Eben das ist Heiligkeit! Erfülltes Christsein, das sich getragen weiß von der ganz persönlichen Liebe Gottes. Er hat uns mit unserem Namen gerufen und zu uns gesagt: „Mein bist du! Ich habe dich geliebt von Ewigkeit.“ Sollten wir eine solche Liebe ohne Antwort lassen?

Freilich gibt es auch eine andere Möglichkeit: Wer sich von Gott freiwillig trennt durch eine Todsünde, der verliert die Freundschaft mit ihm. Stirbt er in dieser unbekehrten und unbußfertigen Haltung, so kann er das ewige Heil nicht erlangen. Die Hölle ist der freiwillige Selbstausschluß von der Liebe Gottes und der seligen Gemeinschaft aller Erlösten und Geretteten. Was das bedeutet, können wir nur erahnen. Wenn Gott die Liebe und der Inbegriff, ja die Fülle alles Guten ist, so ist die Trennung von ihm das größte Unglück, das einem Menschen widerfahren kann. Hier herrschen wirklich „Heulen und Zähneknirschen“, wie dies unser Herr Jesus Christus im Evangelium verkündet hat. Es gibt keine Hoffnung auf Besserung mehr: der verdammte Mensch ist in seinem Haß gefangen; er wird sich selbst und anderen auf ewig zur Qual! Welch furchtbare Wahrheit, die niemand gerne ausspricht, die aber dennoch zur Glaubensverkündigung der Kirche gehört und uns an einem solchen Tag wie „Allerheiligen“ durchaus zugemutet werden kann.

Für uns ganz persönlich und auch für alle Menschen, für die wir beten, muß aber die Hoffnung bestimmend sein: Gott will ja wirklich, daß alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen und gerettet werden. Er schenkt jedem Menschen ausreichend Gnade, daß er in den Himmel kommen kann. Auf diese Weise sind wir alle zur Heiligkeit berufen! Es ist tröstlich, daß wir dabei ganz unsere persönliche Eigenart bewahren dürfen. Wir sollen unseren Weg mit Gott in aller Freiheit gehen. Nicht jeder kann und braucht alles zu leisten. Jeder hat seine ganz eigene Berufung und Aufgabe. So strahlt uns in den Heiligen das Licht der göttlichen Güte auf – in tausend Farben, je neu und anziehend.

An einem Tag wie diesem – aber nicht nur heute! – sind wir dazu aufgerufen, die himmlische Attraktivität der Heiligen wieder neu zu entdecken. Sie sind uns nahe und begleiten uns auch durch ihre Fürbitte bei Gott. So dürfen wir uns der heiligen Gottesmutter Maria als der Königin aller Engel und Heiligen anempfehlen. Wir sollen uns auch ganz persönlich auf unseren Namenspatron stützen. Die Heiligen sind Freunde Gottes und auch unsere Freunde. Wie schön und groß ist doch unser Leben, wenn wir an das Ziel der ewigen Herrlichkeit bei Gott in der Gemeinschaft aller Heiligen denken! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at