Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Mank
Predigt für den 14.
Sonntag im Jahrekreis
(6. Juli 1997, Lesejahr B)
L 1: Ez 1,28-2,5; L 2: 2 Kor 12,7-10; Ev: Mk 6,1b-6
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Im Alten Testament gab es von Gott eingesetzte und berufene Propheten. Ein Prophet soll den Willen Gottes verkündigen. Die Propheten ermahnten das Volk Israel, die Wege Gottes zu gehen. Sie wiesen das Volk und seine Könige und Anführer zurecht, wenn sie Gott untreu geworden waren. Und das geschah nicht selten: Denn die Verlockungen des Abfalls von Gott waren vielfältig. Die Nachbarvölker des Volkes Israel verehrten viele Götter anstelle des einen wahren Gottes, der sich dem jüdischen Volk geoffenbart hatte. Diese heidnischen Völker waren unsittlichem Treiben ergeben, sie beuteten die Armen aus und eroberten fremde Völker, um sie sich zu unterjochen. Auch das Volk Israel war stets in Gefahr, es diesen Völkern gleichzutun, sich seine eigenen Götter zu schaffen und ungerecht zu handeln.
Aber wo das Volk Israel vom wahren Gott abfiel und auf diese Weise seine Undankbarkeit gegenüber dem Gott, der es aus der Sklaverei in Ägypten gerettet hatte, zum Ausdruck brachte, da verließ der barmherzige Gott dieses Volk dennoch nicht. Wie einem verlorenen Sohn ging er ihm nach und sandte ihm seine Propheten, die es auf den rechten Weg zurückführen sollten. Auch der Prophet Ezechiel ist einer davon. Er erhielt von Gott den Auftrag, diesem Volk "mit trotzigem Gesicht und hartem Herzen" die Worte Gottes zu verkünden und ihm den Weg zu weisen. Selbst wenn sie vielleicht nicht auf den Propheten hören würden - Gott wollte ihnen die Möglichkeit der Umkehr und Buße anbieten, um sie wieder auf den Weg des Heiles zu führen!
Sogar unser Herr Jesus Christus vergleicht sich selber mit einem Propheten, obwohl er mehr ist als ein Prophet! In ihm geht jede alttestamentliche Prophetie und Verheißung in Erfüllung. Dieser Vergleich Jesu mit einem Propheten dient ihm hier dazu, das Unverständnis und die Ablehnung, die er von seinen eigenen Angehörigen und Bekannten erfährt, aufzuzeigen. Denn er sagt: "Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie."
Stellen wir uns das etwas anschaulicher vor: Da wächst ein Kind scheinbar ganz normal wie alle anderen auf. Der Jesusknabe spielt mit seinen Altersgenossen, er hat Eltern, er lernt in der Werkstatt seines vermeintlichen Vaters Josef das Zimmermannshandwerk und übt es aus. Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr tritt er nicht auffallend an die Öffentlichkeit, sondern lebt in der Dorfgemeinschaft von Nazareth mit. Doch plötzlich geht er weg von daheim, zieht sich zurück in die Wüste, läßt sich von Johannes am Jordan taufen und wandert umher. Er sammelt Jünger und verkündet das Evangelium vom Reich Gottes. Mußte das nicht viele schockieren oder denen unverständlich sein, die Jesus zuvor erlebt und kennengelernt hatten, ohne das Geheimnis seiner Person zu erahnen?! Sie hatten ihn eben nur nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt und beurteilt und nicht nach göttlichen!
Freilich erwarteten die gläubigen Juden von damals den Messias. Aber sie stellten sich sein Kommen ganz anders vor: Er hätte doch wohl zumindest als Königssohn geboren werden müssen, dachten sie. Und dieser Jesus hier ist bloß ein Handwerker. Er müßte mit mehr Macht auftreten, der Messias würde herrschen, aber dieser hier dient den Armen und Verachteten. Kann dieser Mensch wirklich der Erlöser sein? So dachten viele und nahmen Anstoß an ihm. Sie lehnten Jesus ab.
Und diese Entscheidung setzt sich fort im ganzen Leben Jesu. Jene, die einen irdischen Messias mit viel Macht und Pomp erwarteten, wurden von ihm enttäuscht, spätestens in der Stunde seines Leidens und Sterbens am Kreuz. Wer aber fähig war, tiefer zu blicken und die geheimnisvollen Wege Gottes zu erahnen, der nahm Jesus im Glauben an als den von Gott gesandten Erlöser der Menschen.
An erster Stelle war dies die Gottesmutter Maria, aber auch der heilige Josef sowie die Jünger und Apostel Jesu. Und gerade Menschen, die von der Gesellschaft ausgestoßen waren - Kranke, Arme, Aussätzige, ja auch Zöllner und Sünder -, sie wurden von Jesu Liebe angezogen und fanden zum Glauben an ihn.
Dies ist das Geheimnis der Menschwerdung Gottes: Gott hat sich selbst erniedrigt, um uns zu erhöhen; er ist arm geworden, um uns reich zu machen. Er hat in Jesus Christus eine sterbliche Menschennatur angenommen, um uns das ewige Leben bei Gott zu schenken. Gott ist in allem uns gleich geworden außer der Sünde.
Haben wir Mut und Vertrauen und nehmen wir die Liebe Gottes an, die uns in Jesus Christus erschienen ist. Nehmen wir nicht Anstoß an seiner Niedrigkeit und Demut, sondern glauben wir mit ganzem Herzen an ihn, der von seinem himmlischen Vater gesandt ist, um die Menschen im Heiligen Geist heimzuführen in das Reich seiner ewigen Herrlichkeit und Liebe! Amen.
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Gemeinschaft vom heiligen Josef