Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 14. Sonntag im Jahreskreis B

(9. Juli 2000)

L1: Ez 1,28b-2,5; L2: 2 Kor 12,7-10; Ev: Mk 6,1b-6

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Der Mensch von heute hat vieles erreicht, wovon frühere Generationen nicht einmal träumen konnten. Die Entdeckungen der Natur- und Humanwissenschaften haben ihm Wissen von Zusammenhängen eröffnet, die zuvor unbekannt waren (denken wir nur an die genetische Entschlüsselung des Menschen). Und das Staunenswerte ist: Je mehr der Mensch erkennt, desto mehr neue Fragen tun sich auf, desto größer wird vor dem staunend-ehrfürchtigen Blick des Forschers jene Welt, in die der Schöpfer so viele verborgene Geheimnisse und Rätsel hineingelegt hat. Mit dem Wissen sollte auch unser Sinn für Verantwortung zunehmen. Denn je größer die Erkenntnisse der Wissenschaften sind, desto vielfältiger können sie auch angewandt werden in den Bereichen der Technik und der Medizin. Je nachdem, wie der Mensch in seiner sittlichen Verantwortung die neuen Möglichkeiten einsetzt, ergeben sich Fluch und Segen aus dem rechten Gebrauch beziehungsweise dem Mißbrauch der menschlichen Erkenntnisse und Erfindungen!

Der einzelne Mensch freilich – das heißt: wir alle, ein jeder von uns – spürt oft seine Grenzen und seine Schwäche, sein Versagen und auch seine Schuld. Wir können nicht sagen: „Die Menschheit“ darf stolz auf ihre Leistungen sein. Denn erstens gibt es „die Menschheit“ als solche gar nicht, und zweitens kennen wir nur zu gut die Hinfälligkeit unseres Seins, unsere Zerbrechlichkeit, unsere Grenzen als sterbliche Wesen, die zwar in Christus zur Unsterblichkeit und zum ewigen Leben bei Gott berufen sind, vorher aber nach Gottes Plan den leiblichen Tod erleiden müssen.

Ähnliche Erfahrungen hat auch der große Apostel Paulus gehabt: Einerseits war er reich begnadet. Gott ließ ihn einen tiefen Einblick in die Geheimnisse des Heils und der Erlösung durch Christi Tod und Auferstehung gewinnen. Gott selber würdigte ihn himmlischer Visionen und Offenbarungen. Andererseits blieb Paulus ein Mensch wie wir alle, mit der ganzen Schwachheit unseres Leibes sowie auch mit mancherlei Prüfungen und Anfechtungen, in denen sich der Völkerapostel zu bewähren hatte. In dieser Spannung lebt jeder Mensch, und das erfuhr auch der heilige Paulus. Es ist verständlich, daß er den Herrn im Gebet anflehte, diesen „Stachel des Fleisches“ von ihm zu nehmen. Er aber erhielt die Antwort: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“

Liebe Gläubige! Ist es nicht eigenartig, daß Gott das auserwählt hat, was schwach ist, um das Starke zu beschämen? Wir meinen oft, Gott müsse sich „durchsetzen“, er müsse seine Macht und Stärke zeigen im Gericht über seine Feinde und über alles Böse in der Welt. Der Plan Gottes, der zum Heile führt, ist ein anderer. Es ist der Weg der Erlösung durch die Torheit und die Erniedrigung des Kreuzes. Nicht die Flucht aus der Schwachheit oder die selbstüberhebliche Zuschreibung eigener Stärke bringen uns die Erlösung, sondern gerade die Annahme unserer Schwachheit und unserer Leiden und Prüfungen in Vereinigung mit dem menschgewordenen Sohn Gottes, Jesus Christus. Davon kann der Apostel Paulus aus eigener Erfahrung berichten. So weiß er: „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.“

Vielleicht ist gerade das der Weg für uns persönlich: Daß wir uns nicht in Stolz und Dünkel über andere oder gar über Gott erheben, sondern daß wir gerade in unserer täglich erlebten Schwachheit und Armseligkeit umso mehr auf die Güte und Barmherzigkeit des Herrn sowie auf die Macht seiner göttlichen Vorsehung vertrauen. Ein wenig von diesem Geist der „Armut des Herzens“ würde wahrscheinlich auch denen nicht schaden, die berufen sind, wissenschaftliche Erkenntnisse zu verwerten und zum Wohl der Menschheit anzuwenden. Denn dann wäre stets das Bewußtsein vorhanden, nicht in eigenem Namen und aus eigener Vollmacht zu handeln, sondern in Verantwortung vor Gott und den Menschen, im Dienst dessen, der den Menschen den Auftrag gegeben hat, sich die Erde untertan zu machen.

Beten wir zu Gott, daß wir den Geist der Anbetung und der Demut nie verlieren, in welchem wir uns selber, die Mitmenschen und alle Geschöpfe auf Gott als unser letztes Ziel hinordnen. Möge uns die selige Jungfrau Maria helfen, in allem den Willen Gottes zu erfüllen und so wie sie dem Plan seiner Liebe zu dienen! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at