Kaplan Dr. Josef Spindelböck

Predigt am 15. Sonntag im Jahreskreis B

(16. Juli 2000)

L1: Am 7,12-15; L2: Eph 1,3-14; Ev: Mk 6,7-13

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wenn wir den Lauf der Welt betrachten, dann fällt uns viel Gegensätzliches und Widersprüchliches auf. Es gibt einerseits Reichtum und Wohlstand, andererseits oft Hunger und furchtbare Not. Es gibt Menschen, die sich für andere einsetzen, und andere, die nur an sich denken und daran, wie sie ihren Reichtum, ihre Macht, ihren Einfluß mehren könnten; dabei ist ihnen jedes Mittel recht. Es scheint auch, daß manche nicht wirklich wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen. Sie sehen kein echtes Ziel in ihrem Leben und irren umher, erfüllt zwar von einer tiefen Sehnsucht nach dem rechten Weg, oft aber auch getrieben von mancherlei irregeleiteten Wünschen und Begierden. Wie geht es uns da als Gläubige? Sind wir uns immer ganz sicher, was wir wollen? Ist es immer das Gute, das wir im tiefsten Herzen erstreben?

Im Tagesgebet des heutigen Sonntags wurde erwähnt, daß Gott „den Irrenden das Licht der Wahrheit“ zeigt und sie „auf den rechten Weg“ zurückführt. Das heißt mit anderen Worten, daß uns der Glaube doch ein Ziel für unser Leben angibt. Wenn wir den christlichen Glauben im Herzen festhalten und nicht nur mit dem Mund bekennen, dann sollen wir überzeugt sein, daß Gott uns allen ein ewiges Ziel geschenkt hat. Was ist dieses Ziel? Es ist das ewige Leben, die Gemeinschaft mit Gott, die ewige Glückseligkeit des Himmels miteinander und mit dem dreifaltigen Gott, der die Quelle der Liebe und des Lebens ist.

In der zweiten Lesung wurde uns im Brief des Apostels Paulus an die Epheser dieses Ziel näher vorgestellt. Paulus schreibt, daß wir berufen sind zur „Gemeinschaft mit Christus im Himmel“. Wir sind schon im voraus von Gottes Liebe erwählt worden, schon „vor der Erschaffung der Welt“. Wir sollen Kinder Gottes sein und einst zu ihm gelangen. Denn Gott hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen in Christus. Alles im Himmel und auf Erden soll in ihm vereint sein und verbunden werden. Denn das – so bekräftigt Paulus – ist „das Evangelium von eurer Rettung“.

Liebe Gläubige! Vielleicht denken wir uns: Das sind schöne Worte. Aber ist das nicht zu hoch gegriffen? Widerspricht nicht unsere tägliche Lebenserfahrung in vielem dieser Ankündigung des Heils? Ein Stück weit trifft das sicher zu, denn wir erleben oft Schwieriges und Leidvolles. Es gibt Unverständnis, Lieblosigkeit, ja Feindschaft unter den Menschen. Wir selber fühlen uns manchmal kraft- und mutlos zum Guten. Diese Erfahrungen beweisen aber nicht, daß das alles nicht wahr sei, was uns der Glaube lehrt, sondern sie zeigen uns, daß wir das Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben, nicht von uns selber erhoffen dürfen. Das Heil, die Erlösung – wenn sie uns wirklich geschenkt wird, was wir ja doch alle erhoffen und ersehen – ist immer das Werk Gottes. Das Ziel unseres Lebens ist so groß und gewaltig, so göttlich und erhaben, daß wir Menschen es aus unseren eigenen Kräften nie schaffen würden, dorthin zu gelangen. Gott selber, der uns das Ziel gewiesen hat, muß uns auch den Weg eröffnen und uns die Kraft geben, auf diesem Weg zu gehen und so das Ziel zu erreichen!

Eben darum ist Gott in Jesus Christus Mensch geworden. Er ist einer von uns geworden, damit wir das göttliche Leben empfangen. Wenn wir mit ihm verbunden sind, dann sind wir mit dem Mittler zwischen Gott und den Menschen verbunden. Dann haben wir das Leben in uns, das von ihm kommt. Er schenkt uns seine Gnade!

Der Glaube lehrt uns, daß wir diese Gnade bereits empfangen haben durch die heilige Taufe und die Sakramente. Vertrauen wir uns also täglich neu der Liebe Gottes an! Bitten wir ihn um seine Hilfe, die er uns nicht fehlen lassen wird. Das Tagesgebet zu Beginn der Messe hat fortgesetzt: „Gib allen, die sich Christen nennen, die Kraft, zu meiden, was diesem Namen widerspricht, und zu tun, was unserem Glauben entspricht.“ Eben darum wollen wir täglich beten, daß wir das Gute tun und das Böse meiden können.

Seien wir voll Zuversicht und Hoffnung: Im letzten ist es nicht unsere Leistung, sondern das Geschenk und die Gnade der Liebe Gottes, die wir empfangen dürfen und die unser Leben verwandelt. In Gottes Kraft sind wir fähig, das Rechte zu erkennen und es auch zu tun, in seiner Kraft dürfen wir die Brüder und Schwestern lieben wie uns selbst. Der Himmel ist nicht fern von uns, das Ziel ist uns nahe; mögen wir auf die Fürbitte aller Engel und Heiligen, besonders der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria dieser unserer ewigen Heimat täglich näher kommen! Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at