Predigt:
Maria, von Gott reich gesegnet
23. Sonntag im Jahreskreis B (10.09.2006)
L1: Jes 35,4-7a; L2: Jak 2,1-5; Ev: Mk 7,31-37
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Der 23. Sonntag im Jahreskreis fällt diesmal zwischen zwei Marienfeste: am 8. September feierte die Kirche „Mariä Geburt“, und am 12. September ist das Fest „Mariä Namen“. Alljährlich wird der Sonntag im Volk als „Mariä-Namen-Sonntag“ begangen, und in Wien findet die traditionelle „Mariä-Namen-Feier“ in der Wiener Stadthalle statt, welche vom Rosenkranz-Sühnekreuzzug veranstaltet wird.
Mit der Feier dieser Marienfeste verbindet sich das dankbare Gedenken an die Befreiung Wiens von den Türken im Jahr 1683. Am 12. September konnte das Entsatzheer mit Truppen aus Venedig, Bayern, Baden, Sachsen und Polen (darunter 70.000 Mann unter dem polnischen Feldherrn Jan III Sobieski) die Türken schlagen. Papst Innozenz XI. führte das Fest „Mariä Namen“ in der Kirche als Dank für diesen Sieg ein. Es wurde zuerst jeweils am Sonntag innerhalb der Oktav von Mariä Geburt gefeiert; Pius X. verlegte die Feier auf den Kalendertag des Sieges über die Türken, d.h. auf den 12. September.
Wir ehren die Jungfrau und Gottesmutter Maria, an der Gott Großes getan hat: Maria war von Anfang ihres Daseins in einzigartiger Weise von Gott begnadet; zeit ihres Lebens war sie frei von jeder Sünde und konnte dem Erlöser eine würdige Mutter sein, der aus ihr geboren werden wollte. In all dem, was wir an Maria preisen, wird Gott verherrlicht, der die heilige Jungfrau Maria erwählt und mit seiner Gnadenfülle beschenkt hat. Wer die Mutter ehrt, preist ihren Sohn Jesus Christus und gibt ihm die Ehre!
Die Erinnerung an das historische Ereignis der Befreiung Wiens von der Belagerung durch die Türken kann ein Anlass für uns sein, abseits der militärischen Dimension des Geschehenen die religiösen Wurzeln unseres Landes, ja des ganzen europäischen Kontinents neu zu entdecken. Das Christentum hat in der geistig-kulturellen Gestaltung Europas eine einzigartige Rolle gespielt und dabei auch das jüdisch-griechische Erbe sowie manche muslimische Beiträge in sich integriert. Diese Herkunft aus dem christlichen Glauben darf nicht vergessen werden, denn wir zehren auch heute noch von diesen unseren Wurzeln.
Die Prägung durch den christlichen Glauben darf aber nicht der Vergangenheit angehören: Der Glaube an Jesus Christus und die Verbundenheit mit seiner Kirche sollen auch in unseren Tagen lebendig bleiben. In Bayern gibt der Papstbesuch dafür ein Zeugnis; viele Menschen werden Benedikt XVI. empfangen und auf seine Worte hören, welche das Volk Gottes im Glauben stärken.
Nicht nur der wieder erstarkende Islam ist eine Herausforderung für uns, sondern noch mehr die Gleichgültigkeit und der Unglaube unter jenen, denen das christliche Erbe anvertraut ist. Entdecken wir die Schätze des Glaubens neu, die wir empfangen haben, damit Gott unserem Land und dem ganzen europäischen Kontinent eine neue Blüte des Glaubens und des geistlichen Lebens schenkt!
Das Evangelium dieses Sonntags berichtet von der Heilung eines Taubstummen durch Jesus. Er hat dies auf eindrucksvolle Weise vollbracht. Zur Veranschaulichung dessen, was geschehen sollte, legte er dem Taubstummen die Finger in die Ohren und berührte die Zunge mit Speichel; dabei sprach er die Worte: „Effata“, das heißt: „Öffne dich!“ Und der Mann konnte wieder hören und reden.
Auch uns hat Gott der Herr die Ohren und den Mund geöffnet, und zwar in geistiger Weise. Bei der Taufe wird dies im Effata-Ritus veranschaulicht. Der taufende Priester oder Diakon berührt dabei mit den Fingern Ohren und Mund des neu getauften Kindes. Er bittet Gott, „dass er diesem Kind helfe, seine Botschaft zu hören und zu bekennen.“ Dann spricht er die Worte zum Kind: „Der Herr lasse dich heranwachsen, und wie er mit dem Ruf ‚Effata dem Taubstummen die Ohren und den Mund geöffnet hat, öffne er auch dir Ohren und Mund, dass du sein Wort vernimmst und den Glauben bekennst zum Heil der Menschen und zum Lobe Gottes.“
Ist dies nicht ein wunderbarer Ausdruck dafür, was auch an uns geschehen ist, als wir in der Taufe den christlichen Glauben von unseren Eltern empfangen und dann in der Folge immer besser kennen gelernt haben? Wir wurden von Gott mit dem neuen, göttlichen Leben erfüllt und sind nun bereit, sein Wort zu hören. Es ist das Wort der Wahrheit und der Liebe, der Hoffnung und des Friedens, das von Gott kommt. Wer auf Jesus Christus hört und an ihn glaubt, soll hier auf Erden Zeugnis ablegen für das Reich Gottes, das sich in seiner Fülle offenbaren wird, wenn der Herr kommt in Herrlichkeit.
Maria, die Jungfrau und Gottesmutter, hat bei der Verkündigung durch den Engel Botschaft des Herrn in Freude angenommen und in ihrem ganzen Leben verwirklicht. Wir empfehlen uns ihrer Fürsprache bei Jesus, ihrem Sohn. In kindlichem Vertrauen weihen wir uns ihrem unbefleckten Herzen. So möge auch unser Leben ein von Gott gesegnetes sein, das reiche Frucht bringt für Zeit und Ewigkeit! Amen
