Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Reichtum belastet, Verzichten macht frei

Predigt am 28. Sonntag im Jahreskreis B
15. Oktober 2006

 

L 1: Weish 4,7-11; L 2: Hebr 4,12-13; Ev: Mk 10,17-30

Alle liturgischen Texte finden Sie online im Schott-Messbuch

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Wer als Christ leben will, muss Jesus nachfolgen. Es geht um eine lebendige Gemeinschaft mit Jesus Christus, dem Herrn, den wir in Glauben, Hoffnung und Liebe annehmen und von Herzen als unseren Erlöser bejahen.

Die Rede ist im heutigen Evangelium von einem reichen jungen Mann, der sich redlich bemühte, die Gebote Gottes zu halten, und der dennoch in seinem Herzen eine Sehnsucht nach Höherem und Größerem verspürte, als es ihm das gewöhnliche Leben zu geben vermochte. Weil er Vertrauen zu Jesus gefasst hat, wendet er sich an ihn und fragt ihn, was er denn tun müsse, „um das ewige Leben zu gewinnen“.

Genau dies ist die entscheidende Frage, auch für uns. Darauf kommt es letztlich an: Was muss ich tun, um zu Gott zu gelangen, in sein Reich, in die ewige Glückseligkeit des Himmels? Wer sich eine solche Frage stellt, ist schon weit gekommen. Ein Materialist, der nur auf das Irdische blickt, hat keinen Sinn für jene letzten und tiefsten Fragen des Menschseins. Wie viele sind es auch heute, die scheinbar nur in den Tag hinein leben, es sich gut gehen lassen und das Ende ihres Lebens überhaupt nicht bedenken!

Jesus gibt dem fragenden jungen Mann, der auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, nun eine zweifache Antwort: Zuerst erinnert er ihn an die Gebote Gottes, die es zu halten gebe. Er zählt einige wichtige auf: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch aussagen, du sollst keinen Raub begehen; ehre deinen Vater und deine Mutter!“

Und hier sagt der junge Mann sinngemäß: Das alles habe ich in meinem Leben bis jetzt eingehalten. Aber ich möchte noch mehr. Was fehlt mir noch?

Weil Jesus sieht, dass diese Sehnsucht ehrlich ist, lädt er den jungen Mann auf einen Weg besonderer Vollkommenheit ein und sagt: „Eines fehlt dir noch: Geh, verkaufe, was du hast, gib das Geld den Armen, und du wirst einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“

Dies ist nun freilich eine Forderung, die den jungen Mann zutiefst erschreckt. Er vermag nicht darauf einzugehen, sondern geht traurig wieder weg. Sein Reichtum belastet und bedrückt ihn; auf das alles soll er verzichten? Wie schwer fällt ihm doch eine solche Entscheidung!

Jesus Christus möchte es dem jungen Mann bestimmt nicht extra schwer machen, ins Reich Gottes zu kommen. Im Gegenteil: Die Antwort des Herrn soll eine Hilfe für den jungen Mann sein, dass er von dem frei kommt, was ihn in Wirklichkeit so sehr belastet und niederdrückt. Reich zu sein, Besitz, Macht und Einfluss zu haben ist zwar im Urteil der meisten Menschen etwas sehr Wichtiges, ja für manche das einzig Erstrebenswerte, in Wirklichkeit ist es jedoch oft so, dass der Mensch durch das Irdische und Vergängliche mehr gefesselt wird, als dass es ihm hilft frei zu sein für das Streben nach dem Guten. Und genau diese Freiheit möchte Jesus dem jungen Mann schenken – wenn er es nur begreifen würde!

In der Geschichte des Christentums hat es immer wieder besondere Menschen gegeben, die Christus auf außerordentliche Weise nachgefolgt sind. Sie haben die Worte des Herrn buchstäblich ins Leben umgesetzt: Der heilige Antonius, der in die Wüste zog und dort als Einsiedler lebte – er wurde 106 Jahre alt! –, ließ sich gerade durch dieses Evangelium dazu bewegen, dass er all seinen Besitz aufgab, verkaufte und mit dem Geld die Armen unterstützte. Der heilige Franziskus verzichtete auf das väterliche Erbe, um arm dem armen Christus nachzufolgen. Ebenso tat es die heilige Klara oder auch die heilige Elisabeth von Thüringen.

Nicht alle haben diese besondere Berufung des völligen Verzichts auf alles Irdische. Doch den Geist der vollkommenen Hingabe an Gott in liebendem Gehorsam sowie die Haltung einer inneren Freiheit von allem Weltlichen und Irdischen, sofern es uns hindert, Gott zu lieben – diesen Geist und diese Haltung sollten wir uns alle aneignen und im Herzen bewahren. Wer sein Leben, seine Freiheit und sein Eigentum ganz Gott schenkt – und wir tun das am besten in Einheit mit unserer himmlischen Mutter Maria –, der wird erfahren, dass ihm letztlich nichts verloren geht, sondern er alles in Gott neu findet.

In diesem Sinn sagt unser Herr, dass jeder, der um seinetwillen alles verlassen hat, so wie es auch die Apostel getan haben, in dieser Welt auf geistige Weise ein Vielfaches dafür erhalten wird und einst das ewige Leben. Die Verheißungen des Herrn sind keine billige Tröstung und keine Zumutung. Gott will uns nichts wegnehmen, da wir von ihm alles empfangen haben. Er möchte uns vielmehr die wahre Freiheit und das ewige Erbe schenken. Amen.

 

·      Newsletter Sankt Josef – kostenlos anmelden!

·      Predigten von Dr. Josef Spindelböck

·      Predigten von Pfr. Christian Poschenrieder

·      Predigten von + Pfr. Kanonikus Eduard Öhlinger

·      Predigten von + Univ. Prof. Dr. Ferdinand Holböck

 

SANKT JOSEF - www.stjosef.at