Predigt:
Seht, das Lamm Gottes!
2. Sonntag im Jahreskreis B (15.01.2006)
L1: 1 Sam 3,3b-10.19; L2: 1 Kor 6,13c-15a.17-20; Ev: Joh 1,35-42
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Aus dem normalen Ablauf der heiligen Messe sind uns die Worte vertraut, wie sie der Priester kurz vor der Kommunionspendung spricht: „Seht, das Lamm Gottes, das hinweg nimmt die Sünde der Welt.“ Die Aufmerksamkeit der Gläubigen wird dabei auf die gebrochene Hostie gerichtet, um den unter der Brotsgestalt unter uns gegenwärtigen Herrn Jesus Christus anzubeten.
Der Ausdruck „Lamm Gottes“, den die Kirche für Christus verwendet, ist dem heute verkündeten Evangelium entlehnt (vgl. Joh 1,29.36). Dort weist Johannes der Täufer auf Jesus hin und zeigt seinen Jüngern, dass es jener ist, auf den alle gewartet haben. Er ist der Erlöser, der Messias, er ist „das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinweg nimmt“ (Joh 1,29)!
Wie aber ist dieses Bildwort zu deuten, wenn wir im Evangelium und auch anderswo in der Heiligen Schrift vom Lamm Gottes hören? Wir werden vor allem auf das Alte Testament verwiesen, wo im Buch Jesaja im vierten Lied vom Gottesknecht (Jes 52,13–53,12) der kommende Heilbringer und Erlöser wie folgt beschrieben wird: „Er wurde misshandelt und niedergedrückt, aber er tat seinen Mund nicht auf. Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf.“ (Jes 53,7)
Das Bild des Gotteslammes drückt also aus, dass sich der Erlöser in Liebe für uns Menschen hingibt. Er leistet denen, die ihm Böses antun, keinen Widerstand. Er nimmt das Leiden und Sterben freiwillig auf sich, um so die Sünden der Menschen zu tilgen. So ist in der neutestamentlichen Erfüllung Jesus Christus „das Lamm, das geschlachtet worden ist“. Von ihm ist auch in der Offenbarung des Johannes, im Buch der Apokalypse, die Rede: Der Seher erblickt im Himmel „ein Lamm; es sah aus wie geschlachtet und hatte sieben Hörner und sieben Augen; die Augen sind die sieben Geister Gottes, die über die ganze Erde ausgesandt sind.“ (Offb 5,6) Dieses Lamm Gottes – es ist der auferstandene und verherrlichte Christus – empfängt das Buch aus der Hand dessen, der auf dem Thron sitzt. Und die himmlischen Wesen und die 24 Ältesten singen nun ein Lied (Offb 5,9–10): „Würdig bist du, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du wurdest geschlachtet und hast mit deinem Blut Menschen für Gott erworben aus allen Stämmen und Sprachen, aus allen Nationen und Völkern, und du hast sie für unsern Gott zu Königen und Priestern gemacht; und sie werden auf der Erde herrschen.“
In seiner Opferhingabe am Kreuz hat Christus gesiegt. Er hat sein irdisches Leben verloren, um es in der Auferstehung auf neue Weise wieder zu empfangen. Nun kann er auch uns im Heiligen Geist das göttliche Leben mitteilen, die wir an das Lamm Gottes glauben, das hinweg nimmt die Sünde der Welt.
Als die zwei Jünger des Johannes von diesem auf Jesus hingewiesen wurden, der das Lamm Gottes ist, da folgten sie ihm. Sie wollten den näher kennen lernen, der nun als der Gesandte Gottes in der Welt das Evangelium vom Himmelreich verkünden sollte. Das aber genügte den beiden Jüngern noch nicht: Sie wollten auch andere Menschen mit Jesus bekannt machen, der ihnen Worte des Heiles verkündete. So traf Andreas, einer der beiden Jünger, zuerst seinen Bruder Simon, der später Petrus (Felsen) heißen sollte, und sagte zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden.“
Ist es nicht in der Geschichte der Christenheit oftmals ähnlich verlaufen? Da waren Menschen ergriffen von der Person, dem Werk und der Botschaft des Herrn und Erlösers Jesus Christus und gaben durch ihr Leben und ihr Wort Zeugnis für ihn, sodass auch andere an ihn glaubten und seine heilbringende Gegenwart und Nähe erfahren durften.
Jesus Christus ist auch für uns der Erlöser, an den wir glauben dürfen. Für uns hat er sein Leben hingegeben am Kreuz, für uns ist er auferstanden. Für uns macht er sein Leiden und Sterben und seine Auferstehung geheimnisvoll gegenwärtig, wenn wir in der Heiligen Messe das Opfer Christi feiern. Christus ist das geschlachtete Lamm Gottes: Er lebt und herrscht in Ewigkeit! Nehmen wir seine Liebe an und glauben wir an ihn. Dann werden auch wir erfahren, was es heißt, den Herrn und Messias gefunden zu haben. Amen
