Kaplan Dr. Josef Spindelböck

 

Predigt am 31. Sonntag im Jahreskreis B

(5. November 2000)

L 1: Dtn 6,2-6; L 2: Hebr 7,23-28; Ev: Mk 12,28b-34


Hier finden Sie alle liturgischen Texte dieses Sonntags: Schott-Messbuch online

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Uns allen sollte aus dem Religionsunterricht das Doppelgebot der Liebe bekannt sein, das wir im Evangelium nach Markus eben wieder gehört haben. Es leuchtet uns ein, und wir kennen es, und dennoch ist es nicht leicht zu erfüllen. „Du sollst Gott lieben aus ganzem Herzen und ganzer Seele“, sowie: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“

Eben darin hat unser Herr Jesus Christus die ganze Moralverkündigung des Alten Bundes zusammengefaßt: die zehn Gebote, die Gott dem Mose am Berg Sinai gegeben hat, sowie die vielen anderen Weisungen und Einzelgebote, an die sich die gläubigen und gottesfürchtigen Menschen zu halten bemühten und die allgemein als das mosaische „Gesetz“ bezeichnet wurden.

Jesu Gebot der Liebe ist aber nicht nur Zusammenfassung des Bisherigen, sondern auch Erfüllung aller Sehnsucht und Erwartung. Worauf es ankommt, lehrt Jesus, ist das neue Herz. Gottes Liebe ist ausgegossen über uns durch den Heiligen Geist. Durch Glaube und Taufe sind wir eine neue Schöpfung geworden, hat uns Gott innerlich verwandelt. Weil seine Liebe uns erfüllt, darum sollen auch wir einander lieben!

Freilich ist das Wort „Liebe“ heute abgedroschen und wird oft für Dinge verwendet, die mit Liebe nichts mehr zu tun haben! Und dennoch: Jene Liebe, die Gott uns schenkt und die wir üben sollen, ist viel mehr als ein bloßes Gefühl oder etwas Vorübergehendes, das wir erfahren, solange wir in Stimmung sind. Wirkliche Liebe zu Gott und zum Nächsten ist entscheidend mehr: Es geht um den Ganzeinsatz, um die Ganzhingabe der Person!

Das Glück findet der Mensch nicht dann, wenn er sich egoistisch in sich selbst verschließt. Nein! Je mehr wir uns öffnen auf Gott hin und auf die Mitmenschen hin, je mehr wir unser Leben zu einer Gabe machen für andere, desto reicher werden auch wir selber beschenkt. Nur so kann der Mensch seine eigentliche Berufung erfahren und leben: die Berufung zur Liebe!

Dies gilt für uns alle, liebe Gläubige, ob wir nun in Ehe und Familie leben, ob es sich um alleinstehende Menschen handelt oder um Menschen, die ihr Leben in Jungfräulichkeit und Zölibat in einer besonderen Weise Gott geweiht haben. Wir alle sind berufen zur Liebe, denn Gott ist die Liebe!

Das ist das Höchste, was wir über Gott aussagen können: daß ER die Liebe ist. Freilich ist es keine unverbindliche Liebe, die man nicht ernst nehmen müßte. Gott nimmt uns alle – einen jeden von uns – so ernst, daß er in Jesus Christus Mensch geworden ist. Er ist einer von uns geworden aus Liebe. Aus Liebe hat er Leiden und Tod auf sich genommen, um uns zu erlösen von der Sünde, die im Tiefsten Lieblosigkeit ist. Gottes Liebe überwindet alles Böse, allen Haß und allen Unfrieden der Menschen.

Und die Frage, die Gott einem jeden von uns stellt, lautet: Willst auch Du mich lieben? Möchtest Du „Ja“ sagen zu meiner Liebe, zur Gemeinschaft mit mir? Er zwingt uns nicht dazu. Es liegt an uns, was wir aus unserem Leben machen. Es ist unsere freie Entscheidung, ob wir das Glück wollen, das er uns schenkt, wenn wir uns mit Herz und Tat Gott und den Mitmenschen in Liebe zuwenden!

Weil der Schriftgelehrte im heutigen Evangelium begriffen hatte, daß es auf das eine Gebot der Gottes- und Nächstenliebe ankommt, in dem alle anderen Gebote zusammengefaßt sind, darum lobte ihn Jesus und sagte: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Auch wir sind dem Himmel ein Stück nähergekommen, wenn wir einander lieben.

Bitten wir Gott um seine Hilfe auf die Fürsprache aller Heiligen! Sie haben Gott geliebt auf Erden und dürfen jetzt seine Liebe in Fülle erfahren. Sie mögen uns beistehen, daß wir begreifen, worauf es ankommt in unserem Leben, damit wir einst sicher und gut unser ewiges Ziel erlangen. Amen.

 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at