Predigt:
Das Gebet um die Einheit der Christen
3. Sonntag im Jahreskreis B (22.01.2006)
L1: Jona 3,1-5.10; L2: 1 Kor 7,29-31; Ev: Mk 1,14-20
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wir alle wissen, wie schmerzlich und störend Uneinigkeit, ja Spaltung sein kann. Da gibt es Familien und Gemeinschaften, Bekanntschaften und Freundschaften, die durch Uneinigkeit und Unfrieden im Inneren regelrecht zerrissen werden. Wie viel Gutes wurde hier schon zerstört durch Eigensinn und Unversöhnlichkeit, durch Rechthaberei und bewusst zugefügtes Leid!
In der Kirche Christi soll es anders sein, sagt uns der Herr. Im Johannesevangelium (17,21–23) heißt es: „Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast; denn sie sollen eins sein, wie wir eins sind, ich in ihnen und du in mir. So sollen sie vollendet sein in der Einheit, damit die Welt erkennt, dass du mich gesandt hast und die Meinen ebenso geliebt hast wie mich.“
Denn so wie der dreieinige Gott selber, die höchste Quelle der Wahrheit und Liebe, in sich selbst eins ist, so sollen auch alle, die durch den Sohn im Heiligen Geist an den Vater glauben, eins sein in der Wahrheit und in der Liebe. An dieser wahren Einheit aller, die an Christus glauben, soll die „Welt“ – d.h. die Ungläubigen und die Nichtglaubenden – erkennen, dass in der Kirche Gott selber am Werk ist, der Frieden und Einheit stiftet.
Von daher begreifen wir, wie wichtig jetzt in der Weltgebetswoche für die Einheit der Christen (18.-25. Januar 2006) das Gebet für die Einheit ist. Wir machen uns den Herzenswunsch Jesu zu Eigen und vereinen uns im Gebet und im hl. Messopfer mit ihm, dem ewigen Hohenpriester. Sein Gebet ist immer wirksam, und so ist es auch zu erklären, dass die Kirche Christi, welche in der katholischen Kirche besteht, trotz aller Abspaltungen und inneren Zerwürfnisse stets eine grundlegende Einheit bewahren konnte. Dies bringen wir im Glaubensbekenntnis zum Ausdruck, wenn wir uns zur „einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche“ bekennen, die nicht Menschenwerk ist, sondern göttliche Stiftung. Der Heilige Geist erhält sie in der Einheit des Glaubens und der Liebe, ausgedrückt durch das gemeinsame Bekenntnis, die gemeinsame Feier der Liturgie und der Sakramente sowie die einheitliche Leitung durch Papst und Bischöfe als den von Gott bestellten Hirten der Kirche.
Nun aber sollen wir trotz dieser unverlierbaren Einheit, die tatsächlich in der Kirche Gottes besteht, beten, und zwar in mehrfacher Weise:
Erstens wollen wir beten, dass die Einheit der Christen in der katholischen Kirche noch größer werde. Uns ist ja bekannt, dass es Menschliches und Allzumenschliches, ja auch die Sünde der Glieder der Kirche gibt, was den Leib Christi, der die Kirche ist, auf viele Weise verwundet und dessen Einheit zwar nicht zerstört, aber doch mitunter auf schwere Weise beeinträchtigt.
Zweitens beten wir – und das tun wir in besonderer Weise – um die Einheit all jener, die an Jesus Christus glauben. Das Zweite Vatikanische Konzil und die Päpste haben uns immer wieder dazu eingeladen, in diesem Anliegen der Ökumene zu beten: dass ein Hirt und eine Herde werde und all jene (wieder) vereint werden, die sich von der Kirche Christi im Laufe der Jahrhunderte – und zwar durch schuldhaftes Versagen auf beiden Seiten – abgespalten haben. Hier verbindet uns vieles mit den anderen Christen: Mit den kirchlichen Gemeinschaften des protestantischen Bereichs verbindet uns die Einheit der Taufe und die Wertschätzung des Wortes Gottes. Mit den Kirchen der Orthodoxie verbindet uns die Gemeinsamkeit aller sieben Sakramente. Zugleich erkennen wir schmerzlich, was hier noch fehlt und was nur in der wahren Kirche Christi zu finden ist. Das 2. Vatikanische Konzil hat in „Unitatis Redintegratio“, im Dekret über den Ökumenismus, erklärt: „Dennoch erfreuen sich die von uns getrennten Brüder, sowohl als einzelne wie auch als Gemeinschaften und Kirchen betrachtet, nicht jener Einheit, die Jesus Christus all denen schenken wollte, die er zu einem Leibe und zur Neuheit des Lebens wiedergeboren und lebendig gemacht hat, jener Einheit, die die Heilige Schrift und die verehrungswürdige Tradition der Kirche bekennt. Denn nur durch die katholische Kirche Christi, die das allgemeine Hilfsmittel des Heils ist, kann man Zutritt zu der ganzen Fülle der Heilsmittel haben. Denn einzig dem Apostelkollegium, an dessen Spitze Petrus steht, hat der Herr, so glauben wir, alle Güter des Neuen Bundes anvertraut, um den einen Leib Christi auf Erden zu konstituieren, welchem alle völlig eingegliedert werden müssen, die schon auf irgendeine Weise zum Volke Gottes gehören.“
Und drittens sollten wir in dieser Weltgebetswoche sicher auch für alle jene beten, die Jesus Christus und seine Kirche überhaupt oder nicht gut genug kennen, sodass sie bis jetzt noch nicht den Glauben an ihn und seine rettende Botschaft angenommen haben. Das heißt, auch der Missionsgedanke ist in dieser Weltgebetswoche um die Einheit der Christen präsent und soll uns leiten, im fürbittenden Gebet den himmlischen Vater zu bestürmen, dass er all jenen das rettende Wort der Wahrheit sende, die es noch nicht ausreichend kennen gelernt haben.
Machen wir uns also auf den guten Weg, indem wir uns mit dem Gebet der Kirche vereinen und mit dem Gebet so vieler Menschen guten Willens auf der ganzen Erde, auch wenn sie nicht zur katholischen Kirche gehören, aber dennoch an Jesus Christus glauben. Er ist der Herr, der uns den Geist der Einheit und Wahrheit gesendet hat. In diesem Geist dürfen wir zu Gott „Vater“ sagen; in diesem Geist sind wir einander Brüder und Schwestern. In diesem Geist empfehlen wir uns auch der Fürbitte der heiligen Gottesmutter Maria, der Mutter der Einheit, dass sie allen Menschen den Erlöser Jesus Christus zeige, der uns Heil und ewiges Leben schenken will! Amen
