Predigt:
Gott ist die Liebe
4. Sonntag im Jahreskreis B (29.01.2006)
L1: Dtn 18,15-20; L2: 1 Kor 7,32-35; Ev: Mk 1,21-28
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Vor wenigen Tagen, am 25. Januar 2006, hat Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika, d.h. sein erstes feierliches Lehrschreiben, veröffentlicht. Sie trägt den Titel „Deus caritas est“ – „Gott ist die Liebe“ und behandelt das Thema der christlichen Liebe.
Kein anderes Wort ist ja einerseits so in aller Munde wie das Wort „Liebe“; kein anderes Wort wird jedoch auch so missbraucht, sodass man sich oft fragen muss, ob denn wirklich alles „Liebe“ ist, was man so nennt. Mit großem Mut und Entschiedenheit widmet sich der Papst diesem Zentralthema des christlichen Glaubens. Wenn der dreieinige Gott in sich eine Gemeinschaft der Liebe und des Lebens ist, sodass Johannes schreiben kann: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8.16), dann muss es für den Menschen, der nach Gottes Abbild geschaffen ist, letztlich nichts Wichtigeres und Zentraleres im Leben geben können als die Liebe – und zwar eine Liebe, die diesen Namen mit Recht führt und verdient.
Der Papst analysiert in seinem Schreiben die verschiedenen Formen der Liebe, die es gibt und setzt sie zueinander in Beziehung. So gibt es sowohl unter den Menschen wie auch im Verhältnis des Menschen zu Gott eine „begehrende Liebe“ und eine „schenkende Liebe“. Man könnte diesen Unterschied mit den Begriffen von Eros und Agape bezeichnen, wobei der Eros eher das sinnliche Moment der Liebe und Agape die geistige Hingabe an die Person des geliebten Menschen oder an Gott bezeichnet: Es begegnen uns „die beiden Grundwörter Eros als Darstellung der ‚weltlichen Liebe und Agape als Ausdruck für die im Glauben gründende und von ihm geformte Liebe. Beide werden häufig auch als ‚aufsteigende und ‚absteigende Liebe einander entgegengestellt; verwandt damit sind andere Einteilungen wie etwa die Unterscheidung in begehrende und schenkende Liebe (amor concupiscentiae amor benevolentiae), der dann manchmal auch noch die auf den Nutzen bedachte Liebe hinzugefügt wird.“ (Nr. 7)
Liebe ist eine Urkraft des Menschseins, und Gott selber heiligt die menschliche Liebe dadurch, dass er uns in seiner Menschwerdung im Herzen Jesu in der Einheit von göttlicher und menschlicher Liebe angenommen hat:
„Wer Liebe schenken will, muss selbst mit ihr beschenkt werden. Gewiss, der Mensch kann wie der Herr uns sagt zur Quelle werden, von der Ströme lebendigen Wassers kommen (vgl. Joh 7,37–38). Aber damit er eine solche Quelle wird, muss er selbst immer wieder aus der ersten, der ursprünglichen Quelle trinken bei Jesus Christus, aus dessen geöffnetem Herzen die Liebe Gottes selber entströmt (vgl. Joh 19,34).“ (Nr. 7)
Untrennbar gehören die Gottes- und Nächstenliebe zusammen, schreibt der Papst. Gottes- und Nächstenliebe „gehören so zusammen, dass die Behauptung der Gottesliebe zur Lüge wird, wenn der Mensch sich dem Nächsten verschließt oder gar ihn hasst. Man muss diesen johanneischen Vers [nämlich 1 Joh 4,20] vielmehr dahin auslegen, dass die Nächstenliebe ein Weg ist, auch Gott zu begegnen, und dass die Abwendung vom Nächsten auch für Gott blind macht.“ (Nr. 16)
Liebe darf nicht bloße Theorie bleiben. Wer Gott zu dienen meint, aber kein Herz hat für seine Mitmenschen, der hat auch keine wahre Gottesliebe. So ruft der Papst in seiner Enzyklika die ganze Kirche, ja alle Christen und Menschen guten Willens auf, Gott und den Nächsten zu lieben. Zu allen Zeiten war es in der Kirche eine wichtige Aufgabe, die Liebestätigkeit zu üben. Sowohl die Hilfsbereitschaft der einzelnen gegenüber den Notleidenden wie auch die organisierte Form der Nächstenliebe („Caritas“) ist hier von Bedeutung.
Zuletzt empfiehlt der Heilige Vater die ganze Kirche der Gottesmutter Maria:
Heilige Maria, Mutter Gottes,
du hast der Welt das wahre Licht geschenkt,
Jesus, deinen Sohn Gottes Sohn.
Du hast dich ganz dem Ruf Gottes überantwortet
und bist so zum Quell der Güte geworden,
die aus ihm strömt.
Zeige uns Jesus. Führe uns zu ihm.
Lehre uns ihn kennen und ihn lieben,
damit auch wir selbst wahrhaft Liebende
und Quelle lebendigen Wassers werden können
inmitten einer dürstenden Welt. Amen
