Dr. Josef Spindelböck
Maria, Jungfrau voll der Gnade
Predigt am Hochfest der ohne Erbsünde
empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria
8.
Dezember 2005
L 1: Gen 3,9-15.20; L 2: Eph 1,3-6.11-12; Ev: Lk 1,26-38
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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Nachdem die ersten Menschen – Adam und Eva – in Sünde gefallen waren, war die ursprüngliche Gutheit und Harmonie ihrer ehelichen Gemeinschaft verloren gegangen. Der Mensch hatte die Freundschaft mit Gott aufgegeben und sich auf die Seite des Teufels, des „Menschenmörders von Anbeginn“, gestellt, der durch die Schlange repräsentiert wurde: „Non serviam“ – „Ich will nicht dienen.“ Nicht länger stand der Mensch in jener ursprünglichen Heiligkeit und Gerechtigkeit, wie sie ihm zuerst geschenkt worden war. Wie würde es wohl weitergehen? Konnte der Absturz ins Bodenlose noch aufgehalten werden, den die menschliche Schuld eingeleitet hatte, oder war die Menschheit hoffnungslos verloren und ohne Aussicht auf einen Erlöser und Retter?
In diesem Zusammenhang dürfen wir nicht jene Verheißung übersehen, die Gott an Adam und seine Frau Eva unmittelbar nach dem Sündenfall richtete. Es würde zwar Leiden und Tod als Folge der Sünde geben, doch sollte der Menschheit dennoch ein Retter geschenkt werden. Gott sprach nämlich zur Schlange die Worte (Gen 3,15): „Feindschaft setze ich zwischen dich und die Frau, zwischen deinen Nachwuchs und ihren Nachwuchs. Er trifft dich am Kopf, und du triffst ihn an der Ferse.“ Der Sohn der Frau werde es also sein – Christus, der Erlöser –, welcher das Böse endgültig besiegt und der Menschheit das Heil schenkt.
Wir dürfen heute am „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ diesen Sieg des Erlösers Jesus Christus über alles Böse feiern, wie er uns in der „Frau“ – in Maria, der Jungfrau und Gottesmutter – offenbar geworden ist. Maria, die deshalb auch die „neue Eva“ genannt wird, hat an der Seite ihres Sohnes Jesus Christus, des „neuen Adam“, das verwirklicht, was der Menschheit von Anfang an zugedacht war: Sie stellt „das Ideal des Menschseins“ dar, „wie es nach dem Plan Gottes vorgesehen war.“ (Johannes Paul II., 25.03.1994)
Beim Festgeheimnis der „Immaculata“, der „Unbefleckten Empfängnis“, das wir heute feiern, geht es ja nicht zuerst darum, dass Maria nach dem Plan Gottes ihren Sohn Jesus als Jungfrau vom Heiligen Geist empfangen und geboren hat, sondern es geht um ihren eigenen Anfang, um den Beginn ihrer menschlichen Existenz. Vom ersten Augenblick ihres Daseins an, als sie im Schoß ihrer Mutter empfangen wurde, war sie frei von jeder Sünde und ausgestattet mit der Fülle der Gnade. Maria hat von Gott so viel an Heiligkeit und Liebe empfangen, wie nur je ein Mensch aufnehmen konnte. Ihr wurde dieses Übermaß der Gnade geschenkt, weil sie berufen war, die Mutter des menschgewordenen Sohnes Gottes zu werden. Ein so heiliger Sohn wie Jesus verdiente eine ganz heilige Mutter!
Nun aber gilt: Es gibt nur einen einzigen Erlöser, und das ist Jesus Christus. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen. Er kann die Erlösung nur als Geschenk und Gabe Gottes empfangen und soll dann mitwirken. Maria durfte in einzigartiger Weise der Gnadenfülle des Erlösers teilhaftig werden. Sie wurde im Voraus erlöst und daher bewahrt vor jeder Sünde. Niemals sollte das Böse über sie herrschen. Sie war allezeit mit Gottes Liebe verbunden. So ist Maria „das ideale Geschöpf, wie Gott es sich vorgestellt hat: ein Geschöpf, in dem es nie den geringsten Widerstand gegen den göttlichen Willen gegeben hat.“ (Johannes Paul II., 07.12.1983)
Was kann uns das heutige Fest und die damit verbundene Glaubenswahrheit sagen? Auch wir sind von Gott mit der Gnade der Heiligkeit beschenkt worden in der Taufe. Im Blick auf Maria, die Unbefleckte, sollen wir von Liebe zum Guten erfüllt werden. In Maria zeigt sich „der Sieg des Guten über das Böse, die Anziehungskraft der jungfräulichen, gottgeweihten Liebe“, aber auch „der Wert und die heiligende Kraft der ehelichen Liebe als lebendiges Abbild der Liebe Gottes.“ (Johannes Paul II. in Lourdes, 11.02.1992)
Wir dürfen uns dieser so reinen und heiligen Jungfrau ganz anvertrauen, da Maria unsere geistliche Mutter ist. Jegliche Gnade, die wir von Gott empfangen, erbittet sie für uns. Die „Fülle der Gnade“, wie sie uns in Maria offenbar geworden ist, fließt von ihr über auf alle Menschen, die sich ihrer fürbittenden Mittlerschaft beim einen und einzigen Mittler Jesus Christus anvertrauen. Maria weist uns den Weg zu einem Leben der Gnade und der Heiligkeit. Der Sieg über das Böse ist auch unser, wenn wir uns mit der Frau und ihrem Sohn Jesus verbinden! Dann werden wir einst im Himmel mit der großen Schar der Heiligen einstimmen dürfen in den Jubel der Erlösung und Vollendung. Amen.
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