Dr. Josef Spindelböck
Das Wort ist Fleisch geworden
Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn
(Messe
am Tag, 25.12.2005)
Messe
in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am
Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am
Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Machtvoll verkündet uns der Apostel und
Evangelist Johannes im Prolog seines Evangeliums die
Menschwerdung des Sohnes Gottes, die wir zu Weihnachten feiern: „Das Wort
ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Es handelt sich um den
göttlichen „Logos“, um das ewige Wort Gottes, um den Sohn, der Gott dem Vater gleich
ist im Wesen und mit ihm in der Einheit des Heiligen Geistes verbunden ist.
Dieses „Wort“, das von Ewigkeit war und durch das alles geschaffen ist, was
lebt und existiert: Es ist in der Zeit „Fleisch“ geworden, d.h. Gott hat
eine sterbliche Menschennatur angenommen, er ist einer von uns geworden, um
uns nahe zu sein und uns mit ihm zu verbinden.
Im Grunde ist es also ein „wunderbarer
Tausch“, der hier in der Menschwerdung des Sohnes Gottes erfolgt: Der
unsterbliche Gott nimmt unsere sterbliche Menschennatur an, er empfängt
die Knechtsgestalt, um uns, die wir Knechte der Sünde waren und dem Tod
ausgeliefert sind, zu Söhnen und Töchtern Gottes zu machen. Im einzigen Sohn
Gottes, der als Mensch einer von uns geworden ist, werden auch wir zu Kindern
Gottes. So schreibt Johannes: „Allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder
Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben.“
Genau dies, liebe Brüder und Schwestern, ist
die Kernfrage von Weihnachten: Nehmen wir den Sohn Gottes auf? Nehmen
wir das Jesuskind an, das in der Krippe liegt und uns mit seiner Liebe
beschenken will? Vielleicht sagen wir: Wir tun das ohnehin, weil wir ja das
Fest von Weihnachten feiern! Aber zur Annahme des Jesuskindes gehört mehr: Wir
müssen wirklich an den Retter der Menschen glauben. Der Glaube ist ein
Feststehen in dem, was man erhofft, ein Überzeugtsein von Dingen, die man nicht
sieht. Glauben heißt das Zeugnis Gottes annehmen, der uns nicht in die Irre
führen will und kann, denn Gott ist der Wahrhaftige und Heilige. Wer glaubt,
vertraut Gott bedingungslos. Er ist bereit, ihm sein Leben zu schenken,
sich mit allen Fasern seines Herzens auf ihn einzulassen. Sind wir zu einem
solchen Glauben an den menschgewordenen Sohn Gottes bereit?
Was aber kann und möchte uns der
menschgewordene Sohn Gottes schenken? Als Kinder Gottes haben wir teil
an allen Gaben Gottes. Denn das fleischgewordene Wort ist das Leben
und das Licht der Menschen. In ihm finden wir die Fülle der Gnade
und der Wahrheit. Nun aber gilt für alle, die glauben und den
Sohn Gottes auf- und annehmen: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen,
Gnade über Gnade.“ Es fehlt uns also wirklich nichts mehr, wenn wir mit
Jesus Christus, dem Erlöser, verbunden sind. Jede gute Gabe kommt von Gott, dem
Schöpfer, Erlöser und Heiligmacher der Menschen. Gnade bedeutet Freundschaft
mit Gott, bedeutet Teilnahme an seiner Liebe und an seinem Leben. Es ist das
übernatürliche, ewige Leben, in das wir hinein genommen werden durch die
Menschwerdung des Sohnes Gottes.
Weihnachten hat eine zweifache Dimension: Es ist ein Geschehen, das sich vor 2000 Jahren im Stall von Bethlehem ereignet hat. Es ist aber auch ein Ereignis, das in unserem Herzen durch Glaube und Liebe Wirklichkeit werden soll. Wenn das nicht geschähe, dann wäre Weihnachten umsonst. Der schlesische Dichter Angelus Silesius hat es so formuliert: „Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren – und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.“ Ja, öffnen wir unser Herz für die Liebe Gottes, die uns in Jesus Christus, dem Sohn der jungfräulichen Mutter Maria, begegnet! Nehmen wir ihn im Glauben auf und leben wir als Kinder Gottes. Dann wird das Geheimnis von Weihnachten auch in unserem Herzen zum Licht, das erstrahlt und diese Welt und unser Leben erleuchtet. Amen.
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