Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt am 11. Sonntag im Jahreskreis
14. Juni 1998, Lesejahr C

L 1: 2 Sam 12,7-10.13; L 2: Gal 2,16.19-21; Ev: Lk 7,36-8,3

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Die moderne Psychologie kennt eine wichtige Erfahrung, die das Seelenleben des Menschen betrifft. Es wird festgestellt, daß verdrängte Schuld seelisch krank macht. Die Psychologie weist hin auf den manchmal bestehenden Zusammenhang zwischen nicht aufgearbeiteter Schuld und seelischen Leiden. Doch eines kann die Psychologie nicht: Schuld und Sünde vergeben. Denn dies vermag nur Gott allein!

Wenn wir in der Lesung aus dem 2. Buch Samuel gehört haben, daß dem König David vom Propheten Natan seine Schuld vorgehalten wird, so war das gewiß nicht angenehm für den erfolgreichen König: Er mußte sich sagen lassen, was er falsch gemacht hatte. Und es waren keineswegs Kavaliersdelikte, deren er sich schuldig gemacht hatte: Es war die Sünde des Ehebruchs und die Sünde des Mordes, die der Prophet im Auftrag Gottes dem König vor Augen stellt. Wie hätte nun David reagieren können? Er hätte den Propheten einfach ignorieren und nicht zu den Vorwürfen Stellung nehmen können. Er hätte auch - wider besseres Wissen - die Wahrheit der Vorwürfe leugnen können und den Propheten dafür bestrafen, ja sogar töten können. Bestimmte Machthaber und Diktatoren verfahren so mit ihren Kritikern, die ihnen beispielsweise die Verletzung der Menschenrechte vorhalten. Aber David verhielt sich anders, und gerade darin zeigt sich die Größe dieses Königs: Er hörte auf die Worte des Propheten, sah das Unrecht ein, das er getan hatte und bereute es. Es tat ihm leid, daß er Gott durch Sünde und Undank beleidigt hatte. Er bat Gott um Verzeihung. Und der gerechte Gott, der das Gute belohnt und das Böse bestraft und der in seiner Liebe unendlich großmütig ist im Verzeihen, dieser Gott vergab ihm die Schuld. So erlebte David eine wahre Befreiung von der Last, die ihn bedrückte. Er brauchte das Böse nicht zu verdrängen, das er getan hatte, sondern konnte dazu stehen, denn Gott hatte ihm vergeben.

Haben wir eine ähnliche Erfahrung schon einmal gemacht? Hatten wir schon den Mut, unseren eigenen Fehlern und Sünden ins Auge zu sehen - ohne Schönfärberei einfach ehrlich zu sein, vor allem uns selbst gegenüber? Und haben wir vielleicht schon erfahren, wie wir gerade dann - sozusagen am Tiefpunkt unsere eigenen Selbsteinschätzung, wo wir ganz klein werden und unsere eigene Unfähigkeit zum Guten bekennen -, wie wir gerade dann von Gott angenommen und aufgenommen werden, der uns liebt wie ein barmherziger Vater, der uns nichts nachträgt und uns wieder einen neuen Anfang schenkt?

Es kann jetzt der Einwand auftauchen: Bei mir war das nicht so, denn ich habe ja eigentlich nichts angestellt. "Ich habe niemanden umgebracht", heißt es oft. "Also habe ich keine Sünden." Zugegeben: Mörder werden kaum unter uns sitzen. Aber stimmt das wirklich, daß wir deswegen schon ohne jede Sünde sind?!

Vielleicht stehen wir in einer solchen Situation dem Pharisäer des Evangeliums oft näher als wir denken. Auch dieser meinte von sich selbst, ein untadeliger Mann zu sein. Er lud Jesus bei sich ein und vertraute auf seine eigene Gerechtigkeit. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, daß er selber ein Sünder sein könnte. Nein, Sünder, das sind die anderen! Und da wurde er provoziert, als plötzlich durch den Hintereingang des Hauses eine stadtbekannte Sünderin (vermutlich eine Prostituierte) zu Jesus herantrat und mit ihren Tränen seine Füße benetzte. Sie weinte über ihr verpfuschtes Leben und trocknete mit ihrem Haar die Füße Jesu ab. Dann küßte sie diese Füße und salbte sie mit Öl. Der Pharisäer Simon wagte es nicht, die Frau hinauszuwerfen, da Jesus sie gewähren ließ. Wohl aber dachte er insgeheim über Jesus: Wenn er ein Prophet wäre, so wüßte er, wer diese Frau ist, und er würde das nicht zulassen!

Doch Jesus erkannte die Gedanken des Hausherrn und stellt ihm die Größe der Reue dieser Frau vor Augen. Ja, sie ist eine Sünderin; doch ihr tut es leid, was sie getan hat. Sie möchte ihr Leben ändern. Sie hat zu Gott gefunden. "Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie mir so viel Liebe gezeigt hat", sagt Jesus. Und diese Frau liebt Gott noch mehr, weil er ihr die vielen Sünden vergibt. Ihre Liebe zu Gott ist größer als die des Pharisäers Simon, der meint, der Vergebung nicht zu bedürfen. So stehen wir vor dem scheinbaren Paradoxon, daß Schuld zu Gnade wird. Wir werden Zeugen dieses wunderbaren Geschehens der Vergebung von Schuld, wenn Jesus zu der Frau sagt: "Deine Sünden sind dir vergeben."

Gewiß: Jesus lehnt die Sünde kompromißlos ab. Er ist nicht einer von jenen falschen Propheten, die die Sünde nicht mehr als Sünde bezeichnen, die das für erlaubt darstellen, was Gott verboten hat. Aber mit dieser kompromißlosen Ablehnung jeder Sünde verbindet Jesus die ebenso unbedingte Zuwendung zum sündigen Menschen. Der Mensch als Person wird von Jesus angenommen, auch wenn er ein Sünder ist. Und diese Erfahrung liebevoller Zuwendung vonseiten Gottes ermöglicht dem Menschen die Umkehr. Erst die Liebe ermöglicht dem Sünder, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein und die Sünde zuzugeben. Nur dort, wo Schuld vergeben wird, kann sie der sündige Mensch auch bekennen!

Jetzt gilt es noch, ein Mißverständnis auszuräumen. Die Texte der heutigen Lesung und des Evangeliums wollen uns nicht sagen: Sündige fest, damit du die Gnade Gottes umso mehr erfährst! Das wäre ganz falsch und ein großes Unrecht gegenüber Gott. Nein, es ist die Einladung an uns alle, umzukehren von unseren falschen Haltungen gegenüber Gott und dem Mitmenschen. Und wenn wir meinen, wir hätten die Umkehr nicht nötig, so sollen wir uns prüfen, ob wir uns nicht in selbstgefälliger Weise über andere erheben. Denn den Stolzen und Hochmütigen widersteht Gott. Und die geistige Sünde des Stolzes ist schlimmer als so manche Sünde des Fleisches. Liebloses Urteilen und Richten über andere ist eine Versuchung gerade der "Frommen".

Und wenn wir uns wirklich nichts Gröberes vorzuwerfen haben, dann danken wir Gott dafür, daß er uns in seiner Liebe bewahrt hat vor dem Fall in die schwere Sünde. Auch uns hat er erlöst, auch uns hat er befreit von der Macht der Sünde und des Todes. Denn Jesus sagt: "Getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen" (Joh 15,5). Bitten wir die allezeit sündelose Jungfrau Maria um ihre Fürsprache für uns und alle Menschen. Wir beten ja: "Bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes." Amen.




Zur Leitseite

STJOSEF.AT

Gemeinschaft vom heiligen Josef