Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs/Donau

Predigt am 13. Sonntag im Jahreskreis
(28. Juni 1998, Lesejahr C)

L 1: 1 Kön 19,16b.19-21; L 2: Gal 5,1.13-18; Ev: Lk 9,51-62

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Das heutige Evangelium nach Lukas gibt uns zusammen mit der ersten Lesung aus dem Buch der Könige eine Vorstellung davon, was es heißt, wenn Gott einen Menschen in seine besondere Nähe und Nachfolge beruft.

In der Lesung ist es der Prophet Elija, der im Auftrag Gottes über den jungen Elischa den Mantel wirft und ihn damit als seinen Nachfolger auserwählt zum besonderen Dienst Gottes. Nicht viel Zeit bleibt dem erwählten Gottesmann Elischa, sich von seiner Familie zu verabschieden. Doch mutig und hoffnungsvoll nimmt er den Auftrag an, der ihm von Gott zuteil geworden ist. Ein Prophet ist ja ein besonderer Freund Gottes, der durch sein Wort und Leben von der liebenden Nähe des rettenden Gottes künden soll. Immer wenn das von Gott erwählte Volk Israel den Weg seines Gottes zu verlassen drohte, traten Propheten auf und warnten das Volk davor, den Glauben an den lebendigen Gott aufzugeben und die Heilsbotschaft durch den Kult der Götzen oder ein sittenloses Leben zu verraten. Mitunter mußten die Propheten im Auftrag Gottes sogar Unheil verkünden: Dies geschah, um die Menschen zur Einsicht zu führen, damit sie wenigstens in der Stunde äußerster Not das Gnadenwirken Gottes gläubig anerkannten und so die Stunde des Unheils zur Stunde des Heils werden konnte - für jeden, der umkehrte und glaubte. Gericht wird zu Gnade!

Bei Jesus, dem menschgewordenen Sohn Gottes, verdichtet sich der prophetische Auftrag in unerhörter Weise. Er ist zu den Menschen gekommen, um ihnen den Willen seines himmlischen Vaters in endgültiger Weise zu offenbaren. Er bezeugt den Menschen durch seine Person, durch sein Leben und Sterben und durch seine Worte, wer Gott ist: Gott ist die Liebe! "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (1 Joh 3,16)

Bevor Gott durch den Mund Jesu, seines menschgewordenen Sohnes, Großes von uns fordert, gibt er uns die Zusage des Heils: "Das Reich Gottes ist nahe" (vgl. Mk 1,15). Nur weil Gott uns liebt, nur weil Gott uns wirklich aus der Knechtschaft der Sünde und des Todes befreit, können wir auf dem Weg des Lebens und der Gebote Gottes gehen. Alle sind wir von Jesus in seine Nachfolge in der Übung der Gottes- und Nächstenliebe gerufen. Jeder wird von ihm beim Namen gerufen. An uns alle gilt die persönliche Einladung Jesu: "Folge mir nach!"

Hören wir die Worte Jesu? Sind wir bereit, uns diese Worte "unter die Haut" gehen zu lassen? Lassen wir uns vom Wort Gottes infrage stellen in unseren Selbstverständlichkeiten? Sind wir bereit, uns selber zu korrigieren entsprechend dem Maßstab des Wortes Gottes, das wir aus Jesu Mund vernommen haben? Ist das Himmelreich nur etwas für Auserwählte oder ein Anruf Gottes an einen jeden von uns?!

Wir sollten es uns nicht zu leicht machen und sagen: Es gibt Menschen, die von Gott berufen sind. Sie sollen Jesus nachfolgen. Das sind die Priester, die Ordensleute, Ordenschwestern und manche andere fromme Seelen. Mir genügt der gewöhnliche Weg. Ich möchte eigentlich nichts Besonderes, nur "durchschnittlich gut" durchs Leben kommen ...!

Merken wir nicht, welch großes Unrecht eine solche Einstellung eigentlich darstellt? Da ist die Liebe in Person, die Liebe Gottes, und sie ruft uns an, ihr unser Leben ganz anzuvertrauen, und wir verweigern uns diesem Anruf der Liebe mit der Begründung, ein mittelmäßiges Leben stünde uns eigentlich zu und nicht ein herrliches, von der Gnade Gottes ausgezeichnetes. Ist das nicht undankbar?! Wenn sich ein Mensch uns zuwendet, uns etwas Gutes tut, uns vor einer Gefahr bewahrt oder uns gar das Leben rettet, werden wir uns da nicht erkenntlich zeigen? Und wenn uns der Sohn Gottes befreit aus der Finsternis der Sünde und des Todes, wenn er uns einlädt zur Herrlichkeit der Kinder Gottes, die alles Begreifen übersteigt, kann uns das kalt lassen? Müssen wir da nicht im Innersten erregt und erschüttert, ja von "freudigem Entzücken" erfüllt werden?

Niemand hat das Recht mittelmäßig zu sein, wenn die Liebe Gottes ihn beim Namen ruft. Wir alle sind berufen, unser ganz persönliches Ja zu sagen zu dieser Liebe Gottes. Natürlich gibt es besondere Berufungen, die hier in hervorragender Weise gefordert sind. Doch eigentlich dürfte es keinen "Durchschnittschristen" geben. Der Christ sollte ein Mensch sein, der liebt. Und Liebe fordert den Menschen ganz! Sie begnügt sich nicht mit Halbheiten, denn das wäre keine wahre Liebe.

Sind wir dazu bereit? Wollen wir den alten Menschen zurücklassen, um Jesus zu folgen? Trauen wir es dem Sohn Gottes zu, daß er uns Wege des Lebens und des Glückes weist? Schenken wir unsere ganze Liebe jenem Gott, der die Liebe und das Leben ist? Von ihm haben wir alles empfangen. Was wir ihm zurückschenken, geht nicht verloren. Gott liebt uns in seinem menschgewordenen Sohn Jesus Christus mit einem menschlichen Herzen. Dieses Herz steht offen für alle, auch für uns. Treten wir ein und folgen wir dem Sohne Gottes nach!

Blicken wir dabei voll Liebe und Vertrauen auf Maria, den "Stern des Meeres", daß sie uns die Wege weisen möge auf dem Pilgerweg unseres Lebens zu Gott. Alles Irdische geht vorüber, nichts bleibt bestehen, nur Gott bleibt derselbe - und jeder, der in ihm gegründet ist, findet das Leben! Amen.




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