Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt am 30. Sonntag im Jahreskreis C
(25. Oktober 1998)

L 1: Sir 35,15b-17.20-22a; L 2: 2 Tim 4,6-8.16-18; Ev: Lk 18,9-14

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

In diesen Tagen findet in Salzburg der "Dialog für Österreich" statt. Katholische Christen wollen miteinander ins Gespräch kommen, um zu einer tragfähigen Basis für eine gute Zusammenarbeit bei der Verkündigung des Glaubens in der Zukunft zu kommen. Auch Ihr "Internet-Prediger" befindet sich unter den von seinem Bischof bestellten Delegierten und hat diesmal nicht die Möglichkeit, eine Sonntagspredigt vor versammelten Gläubigen zu halten. Wir wollen dennoch das Wort Gottes in den Lesungen und im Evangelium dieses Sonntags gläubig bedenken, es im Herzen aufnehmen und in die Tat umsetzen.

Das gemeinsame Thema dieser Schriftlesungen ist die "Rechtfertigung und Rettung des auf Gott vertrauenden Menschen durch den Herrn". In der ersten Lesung aus dem Buch Jesus Sirach sind es die Notleidenden und Unterdrückten, also jene Menschen, die vielerlei Ungerechtigkeit erfahren, die auf ihr Rufen und Flehen hin beim Herrn Erhörung finden. Wie trostvoll ist doch die Verheißung: Gott selbst wird eingreifen und aller Not und allem Unrecht ein Ende bereiten! Am Ende wird einmal alles gut sein. Denen, die auf Erden verfolgt wurden um der Gerechtigkeit willen, gehört das Himmelreich (vgl. Mt 5,10).

Die zweite Lesung aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an Timotheus läßt den Völkerapostel zurückblicken auf sein erfülltes Leben im Dienst des Evangeliums. Er hat den guten Kampf gekämpft und hofft zuversichtlich, von Gott die Krone des ewigen Lebens zu erlangen. Auch hier ist Gott die Hoffnung des durch die Gnade Gottes gerechtfertigten Menschen.

Im Evangelium geht es um einen besonderen Fall des menschlichen Gottesverhältnisses: Ein Pharisäer, der von seiner eigenen Gerechtigkeit überzeugt ist, und ein Zöllner, also ein öffentlicher Sünder, der sich aber reumütig seiner Schuld bewußt ist, wenden sich im Gebet an Gott. Gott allein kennt die Herzen. Er urteilt nicht nach dem Augenschein. So tritt das ein, womit niemand gerechnet hat: Der Sünder wird gerechtfertigt, da er sich in Demut Gott genaht und ihn um Vergebung gebeten hat. Der Selbstgerechte hingegen geht mit leeren Händen von Gott fort. Sein auf sich selbst gerichtetes "Gebet" hat das Herz Gottes nicht erreicht und wird ihm nicht zum Heil, sondern zum Gericht. So gibt dieses Evangelium allen Hoffnung, die in ihrer Not und Schuld zu Gott kommen, ihn um Vergebung bitten und auf ihn vertrauen. Wer aber in Stolz und Hochmut allein auf seine eigenen Kräfte vertraut, dem wird die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens vorausgesagt.

Wie wird der "Dialog für Österreich" ausgehen? Manche erwarten sich gleichsam ein neues Pfingstwunder. Das ist sicher zu hoch gegriffen. Vielleicht sollten wir die Erwartungen an dieses zugegebenermaßen nicht unwichtige Einzelereignis für die Kirche Österreichs nicht überspannen. Wenn wir versuchen, das Anliegen des Dialogs auf die Texte der Sonntagslesungen anzuwenden, dann sollten wir uns bewußt werden, daß wir alle Schuldner vor Gott sind. Wir treten vor ihn hin in der Vielfalt der von ihm empfangenen Gaben und Talente, aber auch Sichtweisen. Alle dürfen zu ihm kommen. Aber alle bedürfen auch der täglichen Erneuerung und Umkehr.

Auf Christus müssen alle blicken, die miteinander über den Glauben und die Kirche reden wollen. Wenn sie dies tun, im gemeinsamen Glauben und im Gebet, dann werden wir auch einander näher kommen, trotz unterschiedlicher Sichtweisen und verschiedener lebensgeschichtlicher Ausgangspunkte.

Der katholische Glaube soll uns verbinden, eigenwillige Sichtweisen und Forderungen dürfen uns nicht von diesem Glauben und von der Gemeinschaft im Glauben trennen. Nur dann hat Dialog seine Berechtigung, wenn wir in Glaube und Liebe eins sind bzw. zu einer volleren Einheit finden wollen. Wir dürfen in diesem Anliegen die Jungfrau Maria als die Mutter der Kirche um ihre Fürsprache bitten. Sie möge das Anliegen des Dialogs segnen und uns alle in Einheit mit dem Papst und den Bischöfen auf den Weg des Heiles führen. Amen.



 

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