Josef Spindelböck

Jetzt ist die Zeit der Gnade

Predigt am 3. Sonntag im Jahreskreis
24. Januar 2010, Lesejahr C


L 1: Neh 8,2-4a.5-6.8-10; L 2: 1 Kor 12,12-31a; 3,4-7; Ev: Lk 1,1-4; 4,14-21   

Die liturgischen Texte finden Sie im Schott-Messbuch.
 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Die Taufe Jesu durch Johannes am Jordan markiert den Beginn einer neuen Zeit: Jesus tritt öffentlich als der von Gott gesandte Messias auf. Er wirkt Wunder und heilt Kranke und bezeugt so, dass mit ihm das Reich Gottes angebrochen ist. Welch eine Freude für alle, die auf den Erlöser gewartet haben und ihn jetzt im Glauben annehmen!

Auch in seiner Heimatstadt Nazareth macht Jesus kund, wer er wirklich ist und wozu ihn der himmlische Vater in der Kraft des Heiligen Geistes gesandt hat. Als er in der Synagoge das Wort Gottes vorliest, identifiziert er sich voll und ganz mit dem entsprechenden Abschnitt der Schriftrolle des Propheten Jesaja, wo es dem vollen Wortlaut nach heißt:

Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine frohe Botschaft bringe und alle heile, deren Herz zerbrochen ist, damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Gefesselten die Befreiung, damit ich ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe, einen Tag der Vergeltung unseres Gottes, damit ich alle Trauernden tröste, die Trauernden Zions erfreue, ihnen Schmuck bringe anstelle von Schmutz, Freudenöl statt Trauergewand, Jubel statt der Verzweiflung.“ (Jes 61,1-3)

Wenn Jesus feststellt, dass sich diese Worte heute an ihm erfüllt haben, so ist das ein wahrhaft hoher Anspruch! Wird er diesen einlösen können? Ja, gewiss: Denn Jesus ist der Christus, der Messias, was wörtlich der „Gesalbte“ bedeutet: Der Heilige Geist hat ihn gesalbt schon im Augenblick der Menschwerdung, als das ewige Wort Gottes im Schoß der Jungfrau Maria empfangen wurde. Der Erlöser, der öffentlich vor den Menschen auftritt, ist der ewige Sohn Gottes, der dem Vater seiner Gottheit nach wesensgleich ist und mit ihm eins ist in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes. Jesus ist kein bloßer Mensch, der vielleicht eine besondere Erleuchtung empfangen hätte oder eine einzigartige religiöse Erfahrung gemacht hätte und nun gleichsam aus eigener Machtvollkommenheit auftritt. Nicht er selbst empfiehlt sich, sondern Gott der Vater steht ein für seinen Sohn, indem er durch ihn Zeichen und Wunder geschehen lässt und ihn so beglaubigt.

Das prophetische Wort des Jesaja sollte sich an Jesus voll und ganz erfüllen, freilich auf eine Art und Weise, die manche so nicht erwartet hatten. Sie hatten gemeint, der Messias würde als machtvoller König auftreten und seine Feinde mit Gewalt ausschalten und so zum Schweigen bringen. Statt dessen wollte er den Weg der Demut und des Leidens gehen, bis zur Hingabe des eigenen Lebens am Kreuz.

Der Erlöser bringt wirklich eine „frohe Botschaft“, eine „gute Nachricht“: Genau dies bedeutet ja das griechische Wort „Evangelium“!

Es ist die Frohbotschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes, der uns das Heil schenken möchte. Damit ist das Gnadenjahr des Herrn proklamiert: eine Zeit der besonderen Nähe Gottes zu den Menschen. Gott schenkt durch seinen Messias den „Armen“ die Erlösung; er befreit die Gefangenen. Blinde werden sehend und Zerschlagene in Freiheit gesetzt. Diese Ereignisse haben sowohl eine soziale wie auch eine individuelle Dimension; es handelt sich um äußere Vorgänge, die Zeichen für das Innere sind. Gott macht der Unterdrückung ein Ende; er beseitigt das Unrecht und stiftet Frieden. Er löst die Ketten der Schuld, durch die die Menschen sich selber in äußerste Unfreiheit gebracht haben, und schenkt einen Neuanfang im Guten.

Es ist wahrhaft eine Zeit der Freude und des Heiles, die mit Christus begonnen hat!

Wir können sagen: Jesus hat dies alles mit seinem Tod und seiner Auferstehung eingelöst. Wir sind bereits aufgenommen in sein Reich, das in seiner ewigen Vollendung erst noch in Erscheinung treten muss. Möge uns Gottes Liebe auf unserem Lebensweg begleiten; dann werden auch wir Gnade in Fülle empfangen vom einzigen Mittler des Heils, dem Erlöser Jesus Christus, geboren von der Jungfrau Maria!

Amen.

 

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