Dr. Josef Spindelböck
Predigt für den Zweiten Sonntag der Osterzeit
Sonntag der Barmherzigkeit Gottes / "Weißer
Sonntag", 22. April 2001
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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Mit dem heutigen Tag endet die Osteroktav. Die acht Tage vom Ostersonntag bis zum heutigen „Weißen Sonntag“ bilden gleichsam ein einziges Fest, an dem wir die Auferstehung des Herrn feiern. Der heutige 2. Sonntag der Ostersonntag heißt seit kurzem offiziell auch „Sonntag der Barmherzigkeit Gottes“.
Das Evangelium berichtet uns von der Erscheinung des auferstandenen Herrn vor den Jüngern. Er ist plötzlich bei ihnen, trotz verschlossener Türen, und verkündet ihnen seinen Frieden, den die Welt nicht geben kann und der allein von Gott kommt: „Der Friede sei mit euch!“
Er sendet sie aus als seine Zeugen, so wie der himmlische Vater ihn in die Welt gesandt hat. Als er sie dann anhaucht, verheißt er ihnen den Heiligen Geist: „Empfanget den Heiligen Geist!“ Dann gibt er ihnen eine besondere Vollmacht: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben. Wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“
Diese Worte des Herrn lassen uns verstehen, warum der heutige Sonntag mit Recht auch der „Barmherzigkeitssonntag“ genannt wird: Gottes Liebe und Erbarmen offenbart sich gerade in der Vergebung aller Schuld. Denn dazu ist der Sohn Gottes Mensch geworden, für uns am Kreuz gestorben und auferstanden, um uns zum neuen Leben mit Gott zu führen.
Es ist das Sakrament der Buße, das Jesus mit den eben angeführten Worten eingesetzt hat. Die heilige Beichte ist keine Erfindung der Kirche, sondern ein göttlicher Auftrag an die Apostel und ihre Nachfolger und Mitarbeiter (Bischöfe und Priester), die im Namen Jesu die Frohbotschaft von der Liebe Gottes verkünden. Es geht nicht um selbstquälende Anklage und Demütigung, sondern um die befreiende Erfahrung göttlicher Vergebung und Hilfe.
Nicht der Priester als Mensch ist es, der die Sünden vergibt, sondern Gott selbst spricht uns los von aller Schuld durch den stellvertretenden Dienst seiner Priester. Es gibt keine Sünde, die Gott nicht vergeben könnte, wenn sie nur von Herzen bereut und aufrichtig bekannt wird. Der Barmherzigkeit Gottes dürfen wir keine Grenzen setzen!
Gerade Jesus selbst hat dafür viele Beispiele gegeben. Seine besondere Liebe galt nicht den Selbstgerechten und "Heiligen", sondern jenen Menschen, die als Sünder ihre eigene Armseligkeit erkannten und sich Gott zuwandten. „Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken“, sagte er einmal.
Und auch dann, wenn wir meinen, keine besonders schwere Sünden zu haben, wird uns dieses Sakrament zum Segen sein, wenn wir es mit innerer Hingabe empfangen. In der priesterlichen Lossprechung schenkt Gott uns nicht nur Vergebung, sondern auch Gnadenhilfe für unser Leben, Kraft für unseren Alltag, damit wir den Willen Gottes noch besser erkennen und erfüllen können.
Der Maßstab für unsere ganz persönliche Gewissenerforschung sollte nicht der Vergleich mit anderen sein. Denn dann sind wir oft dazu versucht, daß wir sagen: „Ich bin nicht schlechter als andere. Das, was ich tue, tun ja alle. Was habe ich schon für besondere Sünden?!“
Wir sollen vielmehr mit den Augen des Glaubens auf unseren Herrn blicken, der uns liebt und so viel für uns getan hat. Er hat für uns gelitten und uns in seiner Auferstehung das Leben neu geschenkt. Wenn wir Gott und die Menschen wirklich lieben wollen, dann werden wir auch kleine Unachtsamkeiten und Sünden bereuen, so wie es Menschen tun, denen an einer guten freundschaftlichen oder ehelichen Beziehung gelegen ist und die nach Störungen ihres Zusammenlebens sich immer wieder gegenseitig um Verzeihung bitten.
Wenn unser Sinn für Gott wach ist, wenn uns die Liebe Gottes wirklich etwas bedeutet, dann muß uns alles daran liegen, auch die sogenannten kleinen Dinge, die läßlichen Sünden also, zu meiden und mit Gottes Gnade immer mehr zu überwinden. Für die Gewissenerforschung ist es hilfreich, wenn wir uns an den zehn Geboten Gottes orientieren sowie am Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Noch mehr als nach einzelnen Übertretungen sollen wir nach unseren Grundhaltungen, nach den Gesinnungen unseres Herzens fragen. Und da werden wir bald spüren, daß wir alles andere als vollkommen sind!
Es war eine polnische Ordenschwester, die der Papst vor einem Jahr heiliggesprochen hat, die von Gott den besonderen Auftrag erhalten hatte, den Menschen die göttliche Barmherzigkeit neu zu verkünden: Schwester Faustyna (Helene Kowalska) wurde am 25. August 1905 im Dorf Glogowiec bei Lodz in Polen geboren, ist am 1. August 1925 in die Kongregation der Muttergottes der Barmherzigkeit eingetreten und am 5. Oktober 1938 in Kraków gestorben.
Sie erkannte, worauf es ankommt im christlichen Leben: «Jesus, Du hast mir jetzt gezeigt, worin die Größe der Seele besteht: ganz und gar nicht in großartigen Taten, sondern allein in der großen Liebe. Die Liebe macht den Wert aus. Sie ist es, die allen Taten ihren Wert verleiht. Wohlan also, auch wenn unsere Taten klein sind und alltäglich, durch die Liebe werden sie groß und gewaltig vor Gott. Die Liebe ist ein Geheimnis, das alles, was sie berührt, umgestaltet in schöne und gottgefällige Dinge» (Tagebuch Nr. 889).
Gott ist die Liebe. Dem sündigen Menschen gegenüber offenbart sich die Liebe als Barmherzigkeit. Die göttliche Barmherzigkeit ist größer als unsere menschliche Erbärmlichkeit. Je armseliger der sündige Mensch ist, desto mehr ist die Güte Gottes gewillt, ihm Barmherzigkeit zu erweisen. Wir müssen Gott nur unser ganzes Vertrauen schenken. Diese Bereitschaft Gottes, jedem Barmherzigkeit zu schenken, wurde der heiligen Faustyna in besonderer Weise geoffenbart. Ihre besondere Berufung war es, Gottes Erbarmen zu verkünden.
Darum ist der heutige Sonntag wohl ein Geschenk Gottes, das uns durch die Kirche vermittelt wird. Er erinnert uns daran, daß wir aus den Gnadenquellen, die Gott uns gibt – den heiligen Sakramenten – immer wieder neu schöpfen sollen. Das Herz des auferstandenen Herrn und Erlösers steht offen für alle, damit wir freudig schöpfen aus den Quellen des Heils!
Empfangen wir mit neuer Liebe und mit großem Vertrauen regelmäßig das Sakrament der Buße und treten wir voll lebendigem Glauben hinzu zum Tisch des Leibes und Blutes Christi in der Heiligen Kommunion!
Dann wird uns der Friede Christi erfüllen, der alles Begreifen übersteigt. Wenn wir bereit sind, anderen Menschen Barmherzigkeit zu erweisen, wird uns Gottes Barmherzigkeit schon hier auf Erden und einst im Himmel in der seligen Anschauung Gottes in überfließendem Maß geschenkt werden. Amen.