Josef Spindelböck

Der Beichtstuhl: Ordination der Seele

Predigt bei der Fatimafeier
am 13. Juli 2010 in Maria Laach am Jauerling

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

In der Lesung aus der Offenbarung des Johannes wird uns in eindrucksvoller Weise die endzeitliche Auseinandersetzung zwischen der Frau, die gebären soll, und dem Drachen vor Augen gestellt. Das Bild der apokalyptischen Himmelsfrau wurde von der christlichen Auslegungstradition auf das von Gott errettete Volk des Bundes (Israel und die Kirche) bezogen und – gleichsam als dessen strahlende Verkörperung und reinste Darstellung – auf die Jungfrau und Gottesmutter Maria. Als „Tochter Zion“ ist sie die Frau, die uns den Erlöser geschenkt hat und die auch alle übrigen Gläubigen mit mütterlicher Liebe umfängt. Gegenüber ihr hat die Unheilsmacht des Bösen, verkörpert durch den Drachen, keine Chance. Er führt zwar in unversöhnlichem Ingrimm einen Krieg gegen die Frau, deren Sohn Jesus und alle übrigen Gläubigen, doch kann er das Reich Gottes nicht zerstören, sondern der Drache selbst – es ist der Teufel – und seine Engel „verloren ihren Platz im Himmel“, so heißt es. Der Sieg aller Geretteten ist gekommen „durch das Blut des Lammes“, d.h. durch die Erlösung in Jesus Christus, der am Kreuz in Liebe sein Blut für uns vergossen hat.

Für das kürzlich zu Ende gegangene Jahr des Priesters hat Papst Benedikt XVI. besonders das Vorbild des heiligen Pfarrers von Ars, Jean-Baptiste Marie Vianney (1786-1859), herausgestellt. Dieser seeleneifrige Priester war von der Liebe zu Gott und zu den Menschen erfüllt. Nachdem er nach vielen Schwierigkeiten als Spätberufener zum Priestertum gelangt war, legte er sein ganzes Leben lang Zeugnis dafür ab, wie machtvoll Gottes Gnade wirkt. Auf Gott und seine Gnade kommt es an, nicht auf unsere menschliche Stärke. So konnte der heilige Pfarrer von Ars gemeinsam mit dem Apostel Paulus das Wort Gottes vernehmen und bejahen: „Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit.“ Und auch die Antwort des Apostels hat sich der heilige Johannes Maria Vianney zu Eigen gemacht: „Viel lieber also will ich mich meiner Schwachheit rühmen, damit die Kraft Christi auf mich herabkommt“ (2 Kor 12,9).

Einen besonderen Quell der Gnade hat der heilige Pfarrer von Ars den Gläubigen seiner Pfarrei, aber auch den Menschen von weither dadurch eröffnet, dass er stets aus ganzem Herzen bereit war für den Dienst im Beichtstuhl. In seiner demütigen Bereitschaft, das Sakrament der Versöhnung zu spenden, zeigte er die Wahrheit der Worte des Apostels Paulus auf: „Wir sind Gesandte an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi Statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!“ (2 Kor 5,20)

Die heilige Beichte oder das Bußsakrament ist etwas zutiefst Frohmachendes und Beglückendes, wenn man dieses Sakrament im Glauben annimmt und durch dessen oftmaligen Empfang als göttliche Lebensquelle erfährt. Wenn Kinder das erste Mal beichten und auch weiterhin regelmäßig, dann sind sie nachher froh und glücklich. Eigentlich sollte auch uns als Erwachsene dieses Sakrament jedes Mal von Herzen erleichtern, da wir ja wissen: Gott selbst nimmt die Last unserer Schuld von uns; er schenkt uns Vergebung und Versöhnung. Der Priester darf uns in der Person Christi die Worte der Vergebung zusprechen, wenn wir reumütig unsere Schuld vor Gott bekannt haben: „Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Hier geschieht Größeres, als wir zu begreifen vermögen. Es ereignet sich Neuschöpfung, wenn Gott dem Sünder das göttliche Leben wieder schenkt, das er durch die schwere Sünde (auch „Todsünde“ genannt) verloren hat. Das Tor zum Himmel steht uns offen!

Doch manche sagen: Wir haben ja keine schweren Sünden, wir brauchen die Beichte nicht. Dabei übersieht man, dass dieses Sakrament auch für jene eine Hilfe ist, die auf gewöhnliche Weise im Leben versagen, d.h. durch die täglichen Sünden, die wir (leider) alle haben! Niemand von uns ist ohne Sünde; dies trifft nur auf Jesus Christus zu, das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt, und auf seine Mutter, die heilige Jungfrau Maria. Jesus ist in die Welt gekommen und erschienen, „um die Sünde wegzunehmen, und er selbst ist ohne Sünde“, heißt es im ersten Johannesbrief (1 Joh 3,5).

Dem heiligen Pfarrer von Ars ging es in seinem priesterlichen Dienst keineswegs darum, den Menschen bestimmte Sünden einzureden, die sie in Wirklichkeit gar nicht haben.[1] Er wusste aber in seiner realistischen Sicht der menschlichen Herzen, dass tatsächlich vieles von dem vorhanden ist, was uns auf dem Weg zu Gott behindert oder sogar von Gott trennt. Die unendliche Heiligkeit jenes Gottes, der nichts als Liebe ist, verträgt sich nicht mit irgendeinem Makel der Sünde!

Wer Gott nahen will, darf nicht in Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit vor ihn hintreten, sondern nur in demütiger und umkehrbereiter Weise: Ein „Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wagte nicht einmal, seine Augen zum Himmel zu erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Und was geschah nach den Worten des Herrn? „Dieser kehrte als Gerechter nach Hause zurück“, der stolze selbstgerechte Pharisäer hingegen nicht. Denn dieser hatte es nicht für nötig gefunden, bei Gott um Vergebung zu bitten (vgl. Lk 18,13-14).

Wir leben in einer Zeit, in der man die Wirklichkeit der Sünde leugnet und verdrängt, weil man auch Gott den Herrn nicht mehr anerkennt. Und dann mag es geschehen, dass Menschen zwar spüren, dass vieles in ihrem Herzen nicht in Ordnung ist, sie aber dennoch keinen wirklichen Ausweg wissen. In ihrer Not wenden sie sich vielleicht an einen Psychiater. Dieser will als Arzt überall dort helfen, wo es Beeinträchtigungen der seelischen Gesundheit gibt. Eines jedoch vermag er nicht: Er kann keine Sünden vergeben. Dies kann nur Gott allein, und er tut dies durch den Dienst des Priesters im Beichtstuhl. Der Beichtstuhl kann darum wirklich als „Ordination der Seele“ bezeichnet werden. Hier werden durch Gottes schöpferische und erlösende Liebe die „Wunden unserer Seele“ geheilt.[2] Das Blut Christi wäscht und reinigt unsere Seele und macht sie so schön, wie sie nach der Taufe war.[3]

Der heilige Pfarrer von Ars war viele Stunden täglich bereit, für diesen „Ordinationsdienst“ zur Verfügung zu stehen. Er wartete geduldig auf das demütige Bekenntnis seiner Beichtkinder, und er freute sich über die Rückkehr des verlorenen Sohnes bzw. der verlorenen Tochter. Es ist nämlich nie zu spät für die Umkehr zu Gott, solange der Mensch auf Erden lebt! Tatsächlich herrscht „im Himmel mehr Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lk 15,7).

Besonders wichtig war dem heiligen Pfarrer von Ars die Ehrlichkeit der Umkehr und das offene Bekenntnis der Sünden. Von Gott hatte er eine besondere Gabe erhalten, sodass er manchen, die aus falscher Scham oder mangelnder Selbsterkenntnis ihre wirklichen Sünden nicht bekannten, diese Sünden noch im Beichtstuhl ganz exakt zusagte und sie so auf heilsame Weise erschütterte und zur Reue, Umkehr und Vergebung hinführte.

Letztlich geht es beim Sakrament der Buße, das der heilige Pfarrer von Ars so treu verwaltet hat, um nichts anderes, als dass wir wieder offen werden für das Geschenk der Liebe, die Gott uns anbietet und die wir weitergeben sollen an unsere Mitmenschen. Denn darin liegt unser Glück und unsere Freude: dass wir lieben können.[4]

Das Sakrament der Buße ist das Sakrament der Versöhnung mit Gott und den Menschen; es ist das Sakrament des Friedens und der wahren Einheit, an der uns Gott teilhaben lassen will, wenn wir mit Jesus Christus verbunden sind in Glaube, Hoffnung und Liebe. Gott zeigt uns in diesem Sakrament seine ganze Barmherzigkeit.[5] Diese ist wirklich unendlich und grenzenlos und ermöglicht unsere Umkehr.[6] Wer von Gott Vergebung empfängt, wird auch seinen Mitmenschen vergeben, wenn sie an ihm schuldig geworden sind.

Möge uns die heilige Jungfrau und Gottesmutter Maria den Weg weisen zur rechten Erkenntnis unserer Sünden sowie zu Buße und Umkehr! Genau dies ist der wesentliche Inhalt der Botschaft von Fatima. Wenn die Menschen sich zu Gott bekehren, dann kehrt Friede ein in die Herzen und in die ganze Welt. Es kommt letztlich darauf an, dass wir uns ganz Gott dem Herrn anvertrauen und bereit sind, seinen Willen zu tun. Bei der Hochzeit von Kana sagte Maria, die Mutter Jesu, zu den Dienern: „Was er euch sagt, das tut.“ Maria möchte auch uns zu Jesus Christus, ihrem Sohn, hinführen, damit wir das tun, was er uns sagt. Dann empfangen wir ähnlich dem guten Wein bei der Hochzeit das Heil in Fülle.

Beten wir gerne und oft das „Fatima-Gebet“: „O mein Jesus, verzeihe uns unsere Sünden, bewahre uns vor dem Feuer der Hölle, führe alle Seelen in den Himmel, besonders jene, die deiner Barmherzigkeit am meisten bedürfen.“[7]

Amen.

 

Fürbitten:

Allmächtiger und barmherziger Gott, durch das kostbare Blut deines Sohnes hast Du uns von der Sünde und von allem Bösen erlöst. Im Vertrauen auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria richten wir unsere Bitten an dich:

-      Erfülle uns mit Freude und Dankbarkeit über das Geschenk der Erlösung.

-      Zeige vielen Menschen die Größe und Schönheit des Sakraments der Buße.

-      Steh den Priestern bei, damit sie das Bussakrament als gute Hirten verwalten.

-      Schenke uns die persönliche Erfahrung, dass du in diesem Sakrament alle Schuld vergibst und den Weg des Heiles eröffnest.

-      Lass uns, reingewaschen durch das Blut des Lammes, hinzutreten zum Opfermahl der heiligen Eucharistie.

-      Nimm alle unsere Verstorbenen auf in dein himmlisches Reich.

Gott, gütiger Vater, erhöre unsere Bitten, die wir an dich richten durch Christus unseren Herrn. Amen.

 

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[1] „Vermeidet alle unnützen Anklagen …, die für den Beichtvater zeitraubend sind, die auf die Beichte Wartenden ermüden und die Andacht auslöschen.“ – Sermons „Confession“ IV 311 (in: Nodet 166). In den Anmerkungen wird mit dem Kurztitel „Nodet“ verwiesen auf: Jean-Marie-Vianney. Der heilige Pfarrer von Ars in seinen Gesprächen und Predigten, hg. von Bernard Nodet, Salzburg 1959. Dort findet sich (315-324) auch eine Erklärung der Quellen, die ebenfalls in Form von Kurztiteln angeführt werden.

[2] Vgl. Esprit 170 (Nodet 160); Monnin II 135 (Nodet 162).

[3] Vgl. Monnin I 346 (Nodet 163).

[4] „Gott hat den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis erschaffen: den er aus Liebe ins Dasein gerufen hat, berief er gleichzeitig zur Liebe. ‚Gott ist Liebe‘ und lebt in sich selbst ein Geheimnis personaler Liebesgemeinschaft. Indem er den Menschen nach seinem Bild erschafft und ständig im Dasein erhält, prägt Gott der Menschennatur des Mannes und der Frau die Berufung und daher auch die Fähigkeit und die Verantwortung zu Liebe und Gemeinschaft ein. Die Liebe ist demnach die grundlegende und naturgemäße Berufung jedes Menschen.“ – Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben „Familiaris consortio“ über die Rolle der christlichen Familie in der modernen Welt (Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls 33), 22. November 1981, Nr. 11, http://www.stjosef.at/dokumente/familiaris_consortio.htm .

[5] Vgl. Sermons „Jeudi Saint“ I 424 (Nodet 161).

[6] Vgl. Voix du Bon Pasteur 181,31 sowie Heures Catholiques 524 (Nodet 162).

[7] „Ich kann nicht anders, als für die armen Sünder zu beten, die auf dem Weg zur Hölle sind. Wenn sie in diesem Zustand zum Sterben kämen, wären sie für eine Ewigkeit verloren. Welches Unglück! Man muss gut für die Sünder beten.“ – Catherine Lassagne P.M. 60 (Nodet 167).