Dr.
theol. habil. Josef Spindelböck
Maria als Urbild
des in Gott erneuerten Menschseins
Predigt am Hochfest der
ohne Erbsünde
empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria
8. Dezember 2006
L 1: Gen 3,9-15.20; L 2: Eph 1,3-6.11-12; Ev: Lk 1,26-38
Alle liturgischen Texte finden Sie
online im Schott-Messbuch
Liebe
Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn
die Kirche am 8. Dezember das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau
und Gottesmutter Maria feiert (kurz und missverständlich „Mariä Empfängnis“
genannt), dann geht es im letzten um das wahre
Bild des Menschen, das in Maria
durch das wunderbare Wirken Gottes neu sichtbar geworden ist.
Wer ist denn jenes rätselhafte Wesen
„Mensch“ eigentlich? Die Dichter und
Philosophen, die Politiker und Revolutionäre, ja die gläubigen und nicht
glaubenden Menschen aller Zeiten haben sich viele Gedanken darüber gemacht und
zu verschiedenen, oft gegensätzlichen Antworten gefunden. Da stellt man einerseits die Größe und Erhabenheit des Menschen heraus, der zu
wissenschaftlichen Einsichten ersten Ranges, zu technischen Errungenschaften,
zu tiefgehenden Forschungen und kühnen Entdeckungen, zu künstlerischen und
kulturellen Leistungen aller möglichen Art, ja auch zum Streben nach dem Guten
in seiner Vollgestalt und sogar zur Heiligkeit (mit Gottes Gnade) fähig ist. Andererseits verweisen nicht wenige auf
den Menschen in seiner Niedrigkeit und
Entwürdigung, der in vielfacher Weise geknechtet wird, ja sich auch selbst
versklavt in der mitunter freiwilligen Verstrickung in Sünde und Laster, in
Dinge also, die unter seiner Würde sind und die ihn in gewisser Weise sogar
unter das Tier herabsetzen.
Wer
oder was ist der Mensch also wirklich, woher kommt er und wohin geht er? Als
gläubige Christen dürfen wir mit dem 2. Vatikanischen Konzil antworten, dass es
letztlich nur eine einzige Antwort darauf gibt. Und diese Antwort heißt Jesus Christus!
In
Jesus Christus, dem fleischgewordenen Wort Gottes, ist nämlich dem Menschen das
Geheimnis und das Rätsel seines eigenen Daseins aufgehellt und in gewisser
Weise „gelöst“ worden. In „Gaudium et spes“, Nr. 22,
heißt es: „„Tatsächlich klärt sich nur
im Geheimnis des fleischgewordenen
Wortes das Geheimnis des Menschen wahrhaft auf. ... Christus, der neue Adam, macht eben in der Offenbarung des
Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll
kund und erschließt ihm seine höchste Berufung.“
Der
Mensch, der so oft mit seiner eigenen Freiheit nicht umzugehen weiß und diese zum
Bösen missbraucht, indem er sich durch die Sünde von Gott trennt und sich
selber und den Mitmenschen Schaden zufügt – dieser Mensch braucht einen Erlöser, Jesus Christus, der für uns aus Liebe
Mensch geworden ist. Er ist in allem uns gleich geworden außer der Sünde, um
uns das wahre Menschsein zu offenbaren und neu zu schenken, jenes Menschsein, das seine Erfüllung findet in der gnadenhaften, ganz und gar
ungeschuldeten Annahme als Kinder Gottes
und in der Teilnahme an der himmlischen Seligkeit in Gottes Reich!
Was aber hat das mit Maria zu tun? In der Jungfrau und Gottesmutter Maria zeigt sich
auf einzigartige und ursprüngliche Weise, wie
groß der Mensch und wie groß Gottes
Plan mit dem Menschen ist! Maria wurde ja bereits im ersten Augenblick ihres Daseins in einzigartiger Weise von Gott
geheiligt. Die Erlösungsgnade ihres Sohnes Jesus Christus, den sie dann als
Jungfrau empfangen und gebären sollte, wurde bereits im Voraus wirksam und hat
sie vor jeder Sünde bewahrt. So steht Maria
zwar in der natürlichen Nachkommenschaft der Stammeltern der Menschheit – Adam
und Eva –, sie musste aber den Verlust
der Gotteskindschaft, welcher als trauriges „Erbe“ der ersten Sünde dieser
Stammeltern auf alle ihre Nachkommen übergegangen war, nicht erfahren. Dies geschah allein durch die Gnade Gottes, ohne
ihr persönliches Zutun, einfach aufgrund
der Verdienste Jesu Christi, des einzigen Erlösers der Menschen!
Durch
all das Wunderbare, was Gott an seiner heiligen Mutter Maria tun wollte, zeigte
er auf, wie großartig die Gnade Christi
ist, die uns erlöst hat. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Die Schuld Adams ist in Christus getilgt
und wird von uns weggenommen in der heiligen Taufe. Maria wurde vor dieser Schuld schon im Voraus bewahrt, damit sie
dem Sohne Gottes eine würdige Mutter sein konnte. Niemals wurde ihr Dasein durch den Schatten der Sünde getrübt, niemals war sie der Herrschaft des
bösen Feindes unterworfen, sondern erwies sich mit Gottes Gnade als Siegerin in allen Schlachten Gottes!
Empfehlen
und weihen wir uns ihrem unbefleckten Herzen! Maria ist unsere himmlische Mutter, die auch uns
schwachen Menschen bereits auf Erden Anteil an ihrer Gnadenfülle geben will,
die sie von Gott empfangen hat. In unserer Sehnsucht
nach dem heiligen und unversehrten Menschsein blicken wir auf zu Maria. Wir
empfehlen ihr all unsere Not und Sehnsucht. Gott wird das Bitten seiner heiligen Mutter nicht unerhört lassen.
Er lässt uns nicht zugrunde gehen im
Schatten der Sünde und des Todes, sondern schenkt uns sein Erbarmen und Heil.
Nehmen wir die Gnaden Gottes an, die auch uns in reichem Maße zuteil werden. Jeder
Tag ist ein Geschenk Gottes, ein wunderbarer Auftrag an uns, die wir nach dem
Bild Gottes geschaffen und zum Heil berufen sind. Maria, die Jungfrau und Gottesmutter, geht uns als Leitstern zum Himmel voran! Amen.
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