Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Dreifaltigkeitssonntag
(10.
Juni 2000, Lesejahr C)
L 1: Spr 8,22-31; L 2: Röm 5,1-5; Ev: Joh 16,12-15
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Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Wenn uns jemand fragen würde: „Was ist für das christliche Leben wesentlich?“, wären wir vielleicht momentan etwas ratlos. Es gibt vieles, woran wir uns als gläubige katholische Christen halten und was wir beachten, worum wir uns im Leben bemühen; vorausgesetzt natürlich daß uns der Glaube etwas bedeutet. Aber wir sind nicht gleich in der Lage, dieses Wesentliche unseres christlichen Glaubens und Lebens mit wenigen Worten zu beschreiben und sozusagen „auf den Punkt“ zu bringen.
Da tun wir uns schon leichter, wenn wir gewisse Elemente des Glaubenslebens aufzählen: Das tägliche Gebet ist wichtig, die Mitfeier der heiligen Messe am Sonntag, wenn möglich auch während der Woche, das Leben gemäß den Geboten Gottes und hier vor allem das Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe und natürlich, als Basis von all dem, der unverkürzte Glaube an den dreifaltigen Gott, der alles erschaffen hat in Liebe und der sich uns in der Menschwerdung Jesu Christi und dessen Leiden, Sterben und Auferstehen sowie in der Sendung des Heiligen Geistes geoffenbart hat.
Am heutigen Sonntag, dem „Dreifaltigkeitssonntag“, steht für uns das Bekenntnis zum einen und dreifaltigen Gott im Mittelpunkt. Wenn wir auf Gott hören wollen, zu ihm beten und ihn lieben möchten, dann ist es wichtig für uns, daß wir ein auf Wahrheit beruhendes Bild von Gott haben. Nicht wir phantasieren uns ein Gottesbild zusammen, sondern unser Glaube und unsere Vorstellung von Gott soll sich nach dem ausrichten, was uns Gott selber über sich mitgeteilt hat. Wir glauben ja nicht an einen Gott, der die Welt zwar wie ein Uhrwerk in Bewegung gesetzt hat, sie aber dann ihrem Schicksal überläßt, sondern an einen Gott, der sich in Liebe der Schöpfung und insbesondere dem Menschen zuwendet, der allezeit bei uns ist und uns in seine selige Gemeinschaft der Liebe führen möchte.
Der eine und einzige Gott, an den wir als Christen glauben, ist nicht einsam, sondern in der einen Gottheit leben drei göttliche Personen: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Diese drei sind eins in unendlicher Liebe. Gott selbst – so bekennen wir mit Freude – ist ein Gott der Liebe, ja vielmehr: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8.16). Wenn wir auf diesem Hintergrund die anfangs gestellte Frage neu bedenken: „Was ist wesentlich für unser christliches Leben?“, dann sollte die Antwort heißen: „Wesentlich ist die Lebensgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, der die Liebe ist.“
Liebe Gläubige, ist es nicht so, daß uns diese Wahrheit zwar einleuchtet, aber wir im Alltag halt doch so selten daran denken? Da ist dies und jenes, es gibt diese oder jene Sorge, diese oder jene Aufgabe, dieses oder jenes Vergnügen, dem wir hinterher jagen. Die Wirklichkeit des Glaubens bleibt demgegenüber allzu blaß und farblos, ja für viele Christen ist sie leider nur so etwas wie eine schöne und unverbindliche Theorie ohne jeden Lebenswert. Aber eben dies darf nicht so sein!
Denn seit unserer Taufe sind wir in lebendiger Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott, der in unserem Herzen Wohnung genommen hat. Auch wenn wir nicht daran denken, so ist Gott doch bleibend bei uns und in uns gegenwärtig. Er teilt sein Leben mit uns und befähigt uns stets neu zur Liebe. Wir können ihn nur vertreiben durch eine schwere Sünde, die wir mit Wissen und Willen begehen, durch eine Todsünde also, in der das Leben der Gnade erlischt und der Mensch geistig tot ist, weil er Gott verloren hat, der sein wahres Leben ist. Durch Umkehr des Herzens und die damit verbundene Vergebung, die uns Gott im Sakrament der Buße zuteil werden läßt, wird uns das Leben der Gnade wieder neu geschenkt.
Ist es nicht schade, liebe Brüder und Schwestern, daß uns die Glaubenswahrheit der Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott oft so wenig bewußt ist? Schon beim Aufwachen in der Früh sollten wir an Gott denken, der uns in seiner Liebe erschaffen hat und uns wieder einen neuen Tag schenkt. Dankbarkeit soll die Grundhaltung des Christen sein, denn jede gute Gabe verdanken wir letztlich dem gütigen Gott. Wenn es uns gelingt, öfter daran zu denken, so ist das bereits ein Gebet.
Das Beten ist ja nicht etwas, was nur dann geschieht, wenn wir ausdrücklich bestimmte Gebete sprechen. Ja gewiß, dies ist sehr wichtig und sollte nie unterlassen werden! Aber es gibt auch das „Gebet des Herzens“, wo wir uns Gott in Liebe zuwenden und mit ihm die alltäglichen Vollzüge, unsere Lebensaufgaben und unseren Dienst für die Mitmenschen gestalten und vollbringen. Wir dürfen sagen: Immer wenn wir Gutes tun, wenn wir etwas in wahrhafter Liebe tun, handeln wir in der Gemeinschaft mit Gott. Denn ohne ihn können wir nichts tun. Er, der die Gemeinschaft dreifaltiger Liebe ist, hat auch uns zur Liebe berufen. Der Mensch ist jenes Wesen, das unendlich geliebt ist und das zur Liebe berufen ist! In dem Maß, wie wir dieses Gebot der Gottes- und Nächstenliebe verwirklichen, stehen wir in Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott.
Vielleicht können uns diese Überlegungen helfen, das Glaubensbekenntnis noch mehr zu verinnerlichen und kraftvoller ins Leben umzusetzen. Der seligen Jungfrau Maria, der Mutter unseres Herrn Jesus Christus ist dies mit Gottes Gnade auf vollkommene Weise gelungen. Sie war im schlichten Alltag tief mit dem dreifaltigen Gott verbunden. Ihr war ja der Sohn Gottes als Mensch anvertraut. Im Heiligen Geist war ihr Leben eine ständige Anbetung des ewigen Gottes und Vaters aller Menschen. So kann sie uns durch ihr Beispiel und ihre Fürbitte hinführen zu einem lebendigen Glauben an die Gegenwart des dreifaltigen Gottes in unserem Leben. Wer sich ihr hingibt und ihr vertraut wie ein Kind seiner Mutter, den führt sie sozusagen in die Arme des dreifaltigen Gottes. Ihn loben und preisen wir, ihn beten wir an, denn Gott ist unser Heil und unsere Freude, hier auf Erden und in alle Ewigkeit! Amen.