Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn
(Weihnachten
2000) – am Christtag
Messe
in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am
Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit
3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am
Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6;
Ev: Joh 1,1-18
Liebe Brüder und Schwestern!
Das Jahr 2000 nähert sich seinem Ende. Für uns Christen hat es keine magische Bedeutung, sondern wir feiern in diesem „Heiligen Jahr der Erlösung“ das 2000-Jahr-Jubiläum der Geburt des Herrn. Über ein Jahr lang – vom Weihnachtsfest 1999 bis zum Hochfest der Erscheinung des Herrn 2001 – steht für uns als Christen die Menschwerdung Gottes im Mittelpunkt. Wir haben sozusagen ein ganzes Jahr lang „Weihnachten“ gefeiert. Jetzt wo das eigentliche Fest da ist, tun wir das umso intensiver und bewußter, mit besonderer Freude und Hingabe des Herzens!
„Was ist der Mensch, daß du an ihn denkst, des Menschen Kind, daß du dich seiner annimmst?“ heißt es im Psalm 8. Der Beter fragt Gott, was denn der Mensch so Besonderes ist, daß Gott überhaupt an ihn denkt, ja daß er sich ihm in Liebe zuwendet. Auf unerhörte und unübertreffliche Weise ist das in der Menschwerdung des Sohnes Gottes aus der Jungfrau Maria geschehen: Da hat Gott Ja gesagt zu unserem Menschsein, indem er nicht nur in Liebe herabgeschaut hat auf uns, sondern indem er einer von uns geworden ist. Alles Menschliche hat er angenommen, „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14), wie wir es im Prolog des Evangeliums nach Johannes eben gehört haben.
Ja, groß ist der Mensch, wahrhaft groß, weil ihn Gott so groß erschaffen und ihm in der Menschwerdung und Erlösung seines Sohnes Jesus Christus noch größere Würde und Herrlichkeit geschenkt hat! Die Botschaft von Weihnachten lautet: Gott liebt die Menschen; er liebt sie wirklich! Er liebt uns alle, ja er liebt gerade dich, gerade mich. Jeden von uns spricht er an durch sein persönliches Wort und ruft uns dazu auf, dem Sohne Gottes Glauben zu schenken. Denn „allen, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben“ (Joh 1,12).
Im Gegensatz zu dieser wirklich frohen Botschaft von der Würde jedes Menschen, der zur Gotteskindschaft berufen ist, stehen verschiedene Denksysteme und Ideologien, ja auch politische Formen und gesellschaftliche Modelle, die im einzelnen Menschen nur ein kleines Rädchen im großen Weltgetriebe sehen. Diese Auffassungen versuchen uns weiszumachen, daß es auf den einzelnen ohnehin nicht ankomme bzw. daß dieser einzelne den übergeordneten Interessen anderer völlig unterzuordnen sei. Im Namen solcher Anmaßungen wurden und werden Menschenrechte übertreten: Des Menschen Recht auf Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod wird vielfach nicht geachtet, auch in Form von Abtreibung und Euthanasie. Das Recht auf freie Religionsausübung ist in großen Teilen der Welt nicht voll garantiert. Ja, immer noch gibt es Menschen, die gerade für ihren Glauben an Christus Verfolgung oder gar Tod erleiden müssen.
Und in unserem persönlichen Lebensbereich – wie sieht es da aus? Wir können nicht leugnen, daß auch hier Menschen in ihrer Würde verletzt werden: immer dann, wenn ihnen jene Gerechtigkeit und Liebe verweigert wird, die ihnen als Gottes Ebenbild und als Brüdern und Schwestern in Christus zukommt. Alle haben wir Grund genug, in Demut vor der Krippe niederzuknien und das göttliche Kind um Verzeihung zu bitten dafür, daß wir seiner Liebe so wenig entsprochen und die in der christlichen Glaubensüberzeugung gründende wahre Nächstenliebe so wenig verwirklicht haben!
Aber seien wir überzeugt: Nicht dazu ist der Sohn Gottes in die Welt gekommen, um uns Vorwürfe zu machen. Er schenkt uns vielmehr die Möglichkeit zum täglichen Neubeginn in der Aufgabe und Berufung zur Liebe, die ein jeder von uns empfangen hat. Je mehr wir die Weihnachtsbotschaft gläubig in unser Herz aufnehmen, desto besser werden wir fähig, in Liebe aufeinander zuzugehen und zu entdecken, wo unsere Hilfe benötigt wird!
Gott verliert die Hoffnung und Geduld mit uns Menschen nicht – auch dort, wo wir gleichsam am Abgrund stehen! Das Jesuskind in der Krippe ist uns Zusage bleibender Liebe. Gott hat uns alles gesagt in seinem Sohn, der uns geschenkt wird von seiner heiligen Mutter Maria. Ihr Glaube und ihre Liebe mögen uns in diesem zu Ende gehenden Heiligen Jahr dazu ermutigen, die vielen Gnaden anzunehmen, die Gott uns schenken will. Alle Last nimmt der Herr von uns, denn er ist Mensch geworden! Leben wir als Kinder Gottes; dann werden wir die ewige Vollendung empfangen in seinem himmlischen Reich. Amen.