Dr. theol. habil. Josef Spindelböck

Die Botschaft von Fatima als Aufruf zur Bekehrung der Herzen

Predigt beim „Marianischen Sturmgebet“

am 5. Mai 2007 in Wien

Messtexte vom Vorabend des 5. Sonntags der Osterzeit C

L 1: Apg 14,21b-27; L 2: Offb 21,1-5a; Ev: Joh 13,31-33a.34-35

Alle liturgischen Texte finden Sie online im Schott-Messbuch

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Vor 90 Jahren – jeweils am 13. der Monate Mai bis Oktober des Jahres 1917 – erschien im portugiesischen Ort Fatima die heilige Gottesmutter Maria drei Kindern und überbrachte durch sie der ganzen Welt eine Botschaft des Himmels zur Bekehrung und Rettung der Seelen. Wir freuen uns, dass wir mit diesem „Marianischen Sturmgebet“ gleichsam die Monate dieses Jubiläums einleiten dürfen, und wollen uns die Botschaft von Fatima auch persönlich immer tiefer aneignen.

Die drei Seherkinder Lúcia dos Santos, Jacinta und Francisco Marto wurden entsprechend ihrer Auffassungsgabe von Gott durch die Erscheinungen der heiligen Jungfrau Maria in den Glauben eingeführt. Auf diese Weise verwirklichten sich die Worte der Gottesmutter im Magnifikat, dass Gott die Niedrigen erhöht und jene zerstreut, die stolzen Sinnes sind, denn als die Kinder diese einfache und doch so erhabene Botschaft im Auftrag der Gottesmutter an die Menschen weitergaben, da war es für sie nicht leicht, bei den Angesehenen und Gebildeten, bei den Mächtigen und bei den von sich selbst Eingenommenen Glauben zu finden. Es bedurfte der ganzen Serie von Erscheinungen, verbunden mit wunderbaren Ereignissen wie zuletzt dem Sonnenwunder und zahlreichen Gnadenerweisen, sowie schließlich der kirchlichen Anerkennung, dass diese Botschaft von Fatima zur vollen Entfaltung ihrer Wirksamkeit kommen konnte.

Heute, 90 Jahre danach, kann man fragen: Was haben wir Menschen von der Botschaft der Jungfrau und Gottesmutter Maria begriffen? Wie sind wir eingegangen auf ihre eindringlichen Bitten nach dem Gebet des Rosenkranzes, nach Umkehr, nach Erneuerung des Lebens aus dem Glauben? Die Antwort muss naturgemäß verschieden ausfallen, denn in der Ordnung der Gnade gibt es keinen Automatismus. Jeder Mensch ist frei und soll in Freiheit sein Ja zu Gottes Plan der Erlösung geben. Und so ist auch die Botschaft von Fatima, die im Wesen nichts anderes sein will als eine Kurzfassung und eine Erinnerung an das Evangelium, auf jeweils verschiedenen Boden gefallen und hat auf verschiedene Weise Frucht gebracht. Die eigentliche Frucht der Heiligkeit hat sie wohl in den Seherkindern selbst hervorgebracht, wenn wir daran denken, dass Jacinta und Francisco Marto am 13. Mai 2000 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen worden sind. Bei Lúcia dos Santos konnte dies aus zeitlichen Gründen noch nicht geschehen, da sie erst vor zwei Jahren, am 13. Februar 2005, im hohen Alter von 98 Jahren verstorben ist.

Uns überraschen die Strenge und die Konsequenz, mit der sich die drei „Fatima-Kinder“ den Aufruf der Gottesmutter Maria zu Gebet und stellvertretender Buße für die Bekehrung der Sünder und für den Frieden in der Welt zu Eigen gemacht haben. Dies ist nicht mit natürlichen Gründen zu erklären, und auch die schockierende Höllenvision des Juli 1917 vermag nicht den ausreichenden Grund dafür abzugeben. Der eigentliche Grund für ein solches Übermaß an Opfer und Hingabe des Gebetes, das diese Kinder auf sich genommen haben, war die Macht der Liebe, welche sie in ihrem Herzen ergriffen hatte und sie zu jedem von Gott gewollten Opfer befähigte. Gott selbst hatte ihnen durch seine heilige Mutter Maria gezeigt, wie gut er ist und wie groß er den Menschen erschaffen hat und zu welch hohem Ziel er den Menschen erwählt hat. Von daher wurde den Kindern die Unheilsmacht der Sünde in besonderer Weise aufgezeigt und bewusst gemacht, was die Menschen von Gott trennt. Was war dann naheliegender, als dass sich die Kinder zu jedem Opfer bereit erklärten, um in geheimnisvoller Solidarität der Liebe mitzuwirken an der Rettung der Seelen? Soweit es von ihnen abhängen würde, sollte kein Mensch für ewig verloren gehen! Sie hatten den Wert der Ewigkeit begriffen und erkannt, dass es letztlich nur darauf ankommt, in der Liebe Gottes zu leben und zu sterben. Wenn dies garantiert ist, findet der Mensch sein letztes Glück, seine Seligkeit. Wenn Gottes Gebote befolgt werden, welche stets Gebote der Liebe sind, dann wird auch Frieden werden auf Erden.

Diese heilsgeschichtlichen Zusammenhänge, welche sich im Leben der drei Seherkinder exemplarisch verwirklicht haben, werden auch im Lauf der Welt- und Kirchengeschichte der vergangen 90 Jahre sichtbar: Zwei Weltkriege haben unsägliches Unheil bewirkt; der Kommunismus hat seine Irrtümer tatsächlich über die Welt verbreitet, bevor er überraschend in vielen Ländern zusammengebrochen ist und doch noch nicht endgültig überwunden scheint. Materialismus und Gottlosigkeit sind auch im Westen für viele prägend geworden, und der offene und auch schleichend-verborgene Abfall vieler Menschen von Gott haben noch kein Ende gefunden. Die Kirche wurde verfolgt, der jeweilige Heilige Vater musste viel leiden und hat auch jetzt sicher große Sorgen zu tragen. Angesichts dieser Negativbilanz, die nur schlagwortartig so manche Entwicklung benennen kann, müssten wir – rein menschlich gesprochen – aufgeben und in Mutlosigkeit und Verzweiflung zurücksinken. Genau dies aber ist nicht der Sinn der Botschaft von Fatima!

Fatima ist vielmehr ein Aufruf zur Bekehrung und zum Gebet, um all das viele Unheil, welches die Menschen als Folge der Sünden heimsucht, abzuwenden und Gott anzurufen, dass er sich seines Volkes erbarmen möge. Und Gott, der die Herzen kennt, weiß, wie viel Gutes tatsächlich durch so viele stille Beter und opferbereite Menschen in den letzten Jahren und Jahrzehnten geschehen ist und in der Zukunft noch weiter geschehen wird. Jesus Christus wirkt machtvoll auch in unserer Zeit, und der Arm des Herrn ist nicht verkürzt, sondern Gott schenkt Gnade in reichem Maß in den Herzen der Menschen. Erst in der Ewigkeit werden wir gleichsam die Frucht alles Betens und Opferns sehen dürfen: Wie viele Menschen sich zu Gott bekehrt haben, wie viele Menschen neu zum Glauben gefunden haben und auf diese Weise ihr Heil erlangt haben, weil andere für sie gebetet und geopfert haben!

Letztlich ist es aber nie menschliche Kraft, welche die Rettung und das Heil bewirken kann: Vielmehr ist es das Erlösungsopfer des Herrn, welches er am Kreuz dargebracht hat und das auf den Altären vergegenwärtigt wird, wenn der Priester in der Person Christi das heilige Messopfer feiern darf. Wir verkünden den Tod des Herrn und seine Auferstehung und erwarten die ewige Vollendung bei der Wiederkunft des Herrn.

Die heilige Gottesmutter Maria ruft uns also durch die Seherkinder mit der ganzen Kraft und Innigkeit ihrer mütterlichen Liebe dazu auf, unser Leben in Dankbarkeit als Geschenk Gottes anzunehmen und zu einer Gabe der Liebe für viele zu machen. So wie Maria als Jungfrau und Gottesmutter auf Erden dem Heilsplan Gottes treu gedient hat, indem sie geglaubt, gebetet, geopfert und im Herzen gelitten hat, so sollen auch wir in Einheit mit ihr unsere Herzen Gott in Liebe darbringen, damit möglichst viele Menschen gerettet werden.

Weil die heilige Gottesmutter Maria in einzigartiger Weise mit Gott verbunden ist, erträgt es ihr mütterliches Herz nicht, dass Gott so sehr und so viel von den Sünden der Menschen beleidigt wird. Sie erträgt es nicht, dass Seelen verlorengehen, für die ihr Sohn Jesus Christus sein kostbares Blut vergossen hat. Sie erträgt es nicht, wenn die Guten gleichgültig sind und lau, und fleht uns darum von Herzen an, umzukehren und endlich zu beginnen, mit Gottes Gnade nach Heiligkeit zu streben. Die Liebe Christi drängt unsere himmlische Mutter, uns in Fatima und an vielen anderen kirchlich anerkannten Erscheinungsorten die Botschaft der Umkehr und der Hinwendung zu Gott zu verkünden. Wenn wir ein Herz haben, dann werden wir die Bitte der heiligen Gottesmutter nicht überhören, sondern uns bemühen, ihr nach Kräften zu entsprechen! Möge uns Gott jeden Tag dabei segnen und uns seinen Frieden und seine Liebe in Fülle schenken. Amen.

 

Aktueller Hinweis:

 

Das ethische Werk "Liebe und Verantwortung" von Johannes Paul II. (Karol Wojtyła) ist nun im Verlag St. Josef in einer deutschen Neuausgabe erschienen.

 

Familienbischof DDr. Klaus Küng schreibt im Vorwort:

 

Mit beachtlichem Fleiß wurde von Dozent Dr. habil. Josef Spindelböck die deutsche Übersetzung der seit längerem vergriffenen deutschen Ausgabe des Buches von Karol Wojtyła Liebe und Verantwortung neu erarbeitet. Die vorliegende Neuausgabe wurde auf der Grundlage der polnischen Fassung von 1986 / 2001 und unter Berücksichtigung der vorliegenden englischen und deutschen Textausgaben erstellt. Das Ziel war eine möglichst sinngemäße und zugleich gut lesbare Wiedergabe des Originals.
Diese deutsche Neuausgabe soll das wichtige ethische Werk Karol Wojtyłas über den Sinngehalt der ehelichen Liebe einem breiteren Leserkreis erneut zugänglich machen, da diese Studie im deutschen Sprachraum seit Jahren nicht mehr erhältlich ist.

 

Bibliographische Angaben: Karol Wojtyła (Johannes Paul II.), Liebe und Verantwortung. Eine ethische Studie, gebunden, 420 Seiten, 21 × 14 cm, ISBN: 978-3-901853-14-2, Preis EUR 15,80. Bestellung: http://verlag.stjosef.at oder verlag@stjosef.at.

 

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