Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt für Fronleichnam
11. Juni 1998, Lesejahr C

L 1: Gen 14,18-20; L 2: 1 Kor 11,23-26; Ev: Lk 9,11b-17

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

An vielen Orten werden heute Fronleichnamsprozessionen begangen. Die Monstranz mit der Hostie wird in feierlicher Form vom Priester oder Diakon auf einem Prozessionsweg durch den Ort oder über das Land getragen. Mancherorts gibt es auch Prozessionen mit dem Allerheiligsten auf einem Schiff oder sogar mit Pferden.

Was ist der Sinn einer solchen Prozession, was ist die Bedeutung dessen, daß wir Christus in der Brotsgestalt hinaustragen aus der Kirche und den Menschen zur Anbetung und Verehrung zeigen? Woran glauben wir als katholische Christen, wenn wir die heilige Hostie in der Monstranz aussetzen und mit Liebe und Ehrfurcht auf dem Prozessionsweg begleiten? Ist es nur ein Stück Brot, vor dem wir niederknien? Betreiben wir Katholiken "Götzendienst"?

Natürlich nicht. Denn wir glauben an die unter der Gestalt des Brotes verborgene, aber doch wirkliche, ganz wahrhafte und das innerste Wesen der Dinge betreffende Gegenwart unseres Herrn Jesus Christus. Im Glauben, nicht im Schauen sind wir überzeugt davon, hier unter der Gestalt des eucharistischen Brotes den Herrn selber anzubeten und zu verehren: Jesus Christus, den Sohn Gottes und den Sohn der Menschen, Jesus, so wie er im Himmel als Auferstandener und Verherrlichter zur Rechten seines Vaters thront, in der Einheit mit dem Heiligen Geist, Jesus als wahrer Mensch und wahrer Gott, mit Leib und Seele, mit Fleisch und Blut, genauso wie er es uns gesagt hat: "Das ist mein Leib. - Das ist mein Blut."

Das heutige Festgeheimnis kann uns helfen, zweierlei wieder klarer zu begreifen:

Erstens: Es gibt Dinge, die wir nicht sehen und die doch wirklich sind. Wer vermag die Liebe eines anderen Menschen, die Freundschaft und Zuneigung einer anderen Person festzumachen? Die Liebe eines Menschen können wir nur daran erkennen, wie er sich uns zuwendet und dieser Liebe in seinem Verhalten uns gegenüber Ausdruck verleiht. Aber an die Liebe selber können wir nur "glauben", d.h. uns ihr vertrauend öffnen.

Ähnlich ist es mit der Liebe Gottes: Gott selber sehen wir nicht. Wir nehmen aber die Spuren seiner Liebe wahr in der Welt, die er gut erschaffen hat. Wir haben seine Liebe in besonderer Weise empfangen in der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus. An Gottes Liebe dürfen wir glauben. Das heißt aber hier nicht einfach "nichts wissen", sondern es ist ein unbedingtes Vertrauen, das uns dadurch ermöglicht wird, daß Gott uns zuerst geliebt hat und er uns diese Liebe zu sich durch den Heiligen Geist gleichsam ins Herz gießt.

Ein ganz besonderes Zeichen dieser Liebe ist die Gegenwart Jesu Christi bei den Menschen unter der Gestalt des Brotes. Wenn der Priester bei der Messe die Wandlungsworte spricht, dann ist es Christus selber, der das Brot in seinen Leib und den Wein in sein Blut verwandelt. Äußerlich wahrnehmbar geschieht nichts, was die Augen oder die Sinne als Veränderung empfinden könnten. Das Brot der Eucharistie sieht weiterhin aus wie Brot und schmeckt wie Brot, doch der Glaube lehrt uns: Was da vor uns ist, hat nur mehr die Gestalt des Brotes und Weines. Es ist nicht mehr Brot und Wein, sondern es ist Jesus Christus selber, der bei uns nahe ist unter diesen heiligen Gestalten!

Zweitens: Für Gott ist auch die materielle Welt gut, denn er hat sie ja geschaffen. Wir Christen sind nicht "leibfeindlich", wie uns dies zuweilen vorgeworfen oder unterstellt wird. Nein, wir glauben mit ganzem Herzen an die Erlösung auch des Leibes! Jesus Christus ist gekommen, um alles, was des Menschen ist, in seiner Liebe zu erneuern. Jesus selber hat einen menschlichen Leib angenommen, mit diesem Leib ist er auferstanden und wird er wiederkommen in Herrlichkeit. Wenn er nun dieses Wunder seiner Allmacht wirkt und unter der Gestalt des Brotes und Weines gegenwärtig wird, so weist uns das hin auf das Geheimnis der Erneuerung und Vollendung der ganzen Schöpfung in Gott. Gott wird alles erneuern und in seinem Reich vollenden: auch die sichtbare Welt mit allem, was wir in ihr vorfinden.

Das heutige Fest soll uns vor allem dies bewußt machen: Jesus ist bei uns alle Tage bis zum Ende der Welt. Er ist in besonderer Weise bei uns unter der Gestalt des eucharistischen Brotes. Er möchte in der Heiligen Kommunion in unser Herz kommen und uns mit dem Brot des Himmels stärken auf dem Pilgerweg unseres Lebens zu Gott. Einmal werden wir ihn schauen von Angesicht zu Angesicht, nicht mehr verhüllt durch die Brotsgestalt, sondern so wie er zur Rechten seines Vaters im Himmel thront. Amen.




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