Predigt am Fest
der Heiligen Familie
am 27. Dezember
1998 (A)
L 1: Sir 3,2-6.12-14; L 2: Kol 3,12-21; Ev: Mt 2,13-15.19-23
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Das heutige Evangelium von der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten zeigt uns, daß das Glück von Bethlehem nur sehr kurz gedauert hat. Bald schon stellten Menschen dem neugeborenen Sohn Gottes nach und wollten das Kind töten. König Herodes sieht im Jesuskind einen vermeintlichen Konkurrenten für seine Herrschaft und wendet deshalb alle Mittel an, dieses Kind zu finden und zu ermorden.
Josef, der Mann Mariens, wird vom Engel beauftragt, mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten zu fliehen. Dort sollte er bleiben bis zum Tod des Herodes. Gottes schützende Hand war also über dem Kind und seiner Familie. Noch war es zu früh für den gewaltsamen Tod des Messias. Diesen Tod sollte Jesus dreißig Jahre später am Kreuz für die Sünden der Menschen erleiden.
Das "Fest der heiligen Familie" weist uns hin auf die unersetzbare Rolle der menschlichen Familie für das gesunde Heranwachsen und die ganzheitliche Entwicklung eines Kindes. Sicher kennen wir auch Beispiele, wo alleinerziehende Mütter sich mit großem Einsatz und mit viel Liebe um ihre Kinder kümmern. Aber im Vergleich zu einer intakten vollständigen Familie kann dies immer nur die zweitbeste Lösung für das Kind sein. So hat auch der Sohn Gottes, Jesus Christus, diesen Weg gewählt, in einer menschlichen Familie zu uns zu kommen. Das Geheimnis seiner jungfräulichen Geburt aus Maria, seiner Mutter, sollte umschlossen sein von einer heiligen Ehe und Familie.
Josef und Maria, die beide vollkommen dem Plane Gottes dienen wollten, waren eben nach diesem Plan Gottes auch in einer menschlichen Ehe miteinander verbunden. Beide Ehepartner lebten nach dem Willen Gottes jungfräulich und waren einander dennoch in herzlicher Liebe zugetan. Bei einer Ehe kommt es ja nicht in erster Linie auf die fleischliche Vereinigung an, sondern noch wichtiger ist die Einheit der Herzen, die bei Maria und Josef sicher gegeben war. Das göttliche Kind stand im Mittelpunkt ihrer ehelichen Verbindung. Maria war dem Jesuskind eine wahrhaft sorgende menschliche Mutter, Josef übte seine Pflicht als gesetzlicher Vater vorbildlich und gewissenhaft aus. Im Schutz und in der Geborgenheit einer menschlichen Familie wuchs der Sohn Gottes heran, nahm er zu an Alter und Weisheit (vgl. Lk 2,52).
Wie können wir uns die menschliche Entwicklung des Sohnes Gottes vorstellen (vgl. KKK 472-474)? Es heißt: Er ist in allem uns gleich geworden außer der Sünde. So lag es im Plan Gottes, daß er die verschiedenen Stufen des Menschseins durchlaufen hat: als kleines Kind, als Bub, als junger Mann und schließlich in der Fülle seines Alters. In jeder dieser Phasen war er ganz Gott und ganz Mensch. Wir glauben ja an die wahre Menschwerdung des Sohnes Gottes. Sein Menschsein schloß an sich eine gewisse Endlichkeit und Begrenzung seiner Erkenntnis als Mensch ein. Aufgrund der Vereinigung mit seiner göttlichen Natur in der einen Person des göttlichen Wortes nahm Jesus aber auch als Mensch teil an der göttlichen Allwissenheit des Sohnes Gottes. So ist beides in Einklang zu bringen und zu sehen: Er wußte, was im Menschen war (vgl. Joh 2,25), und er lernte den Gehorsam durch sein Leiden (vgl. Hebr 5,8). Sein Wissen war vollkommen, und dennoch nahm es auf einer rein menschlichen Erfahrungsebene auch zu. Die Geborgenheit einer menschlichen Familie war prägend für sein ganzes Leben.
Wir wollen zum Abschluß an die
heutigen Familien denken: Wie viel Hoffnung verbinden wir mit ihnen,
wie viele Nöte und Sorgen haben sie auch durchzustehen. Wer selber
keine eigene Familie hat, soll sich wenigstens im Herzen mit den Anliegen
der Familien verbinden. Die Familien brauchen unsere Wertschätzung,
unsere tatkräftige Unterstützung und unser Gebet. Nur wenn es
viele gute Familien gibt, in denen Werte wie Hilfsbereitschaft,
herzliche Zuwendung, Hingabe und Verzicht vermittelt und gelehrt werden,
hat auch unsere Gesellschaft Zukunft. In den Familien beginnt die Erziehung
im Glauben. Darum werden die Familien auch als "Hauskirche" bezeichnet.
Allen Familien wollen wir danken für ihre Mühen und ihren
Einsatz, und wir wollen ihnen versprechen, für sie zu beten und für
sie einzustehen. Gott, der Herr, der selber in einer menschlichen
Familie aufgewachsen ist, möge unsere Familien beschützen
und ihnen einst alles reichlich vergelten. Amen.