Predigt am
Hochfest des heiligen Johannes vom Kreuz
14.
Dezember 1998
im
Karmel St. Josef in Mayerling
Liebe
Mitbrüder im Amt der Priester und Diakone,
liebe
ehrwürdige Schwestern,
liebe
Studenten, liebe Gläubige!
Der heilige Johannes vom Kreuz, dessen Hochfest wir heute mitten im Advent in der Klosterkirche des Karmels Mayerling feiern dürfen, ist verhältnismäßig wenigen Menschen bekannt. Ich brauche an dieser Stelle nicht ausführlich seinen Lebensweg darstellen, denn die Schwestern sind mit dem Leben dieses heiligen Karmeliten und Kirchenlehrers sowie mit seiner Lehre aufs beste vertraut. Geboren im Jahre 1542 in Fontevera und aufgewachsen in bescheidenen, ja armen Verhältnissen trat er bei den Karmeliten ein und wurde zu einem der wichtigsten Mitarbeiter der heiligen Theresia von Avila bei der Reform des Karmelordens. Dabei mußte er vielerlei Verfolgung und Verkennung erleiden, was er alles in bewundernswerter Geduld und mit großer Ergebenheit in den göttlichen Willen ertrug. Es ist ein Geheimnis der Gnade, daß Johannes in diesen Jahren des Leidens und der inneren und äußeren Prüfungen nicht verbitterte, sondern innerlich reifte und von Gott zur Vollkommenheit der Liebe geführt wurde. Gern war Johannes bereit, diese seine eigenen geistlichen Erfahrungen mit anderen zu teilen, und so kennen wir ihn auch als bedeutenden geistlichen Schriftsteller und Kirchenlehrer, der die Hauptwerke "Aufstieg zum Berge Karmel", "Die dunkle Nacht der Seele", "Geistlicher Gesang" und "Lebendige Liebesflamme" verfaßte.
Es ist nicht möglich, an dieser Stelle seine ganze Lehre vorzulegen und zu entfalten. Dazu fehlt uns die Zeit und auch die Kompetenz meinerseits. Aber einen wesentlichen Gedanken wollen wir doch herausstellen und gemeinsam betrachten. Johannes von Kreuz wird oft verkannt als "finsterer Asket", der den Menschen nichts gelten lassen wollte, ja der ihnen jede Freude mißgönnte. Er sei nur ein Lehrer des Opfers und des Verzichtes, der Abtötung und der Selbstverleugnung gewesen, meinen manche. Sein Gottesbild wäre demnach ein Gott, der dem Menschen alles nimmt und ihm nichts dafür gibt. Wie falsch eine solche Sicht ist, beweist folgendes Gebet des Heiligen:
Du nimmst mir ja nicht weg, mein Gott, was du mir in deinem einzigen Sohn Jesus Christus einmal gegeben hast; und in ihm hast du mir alles gegeben, was ich mir überhaupt wünschen kann.
Wenn uns Johannes vom Kreuz in einer sehr kompromißlosen und entschiedenen Sprache auffordert, alles Geschöpfliche zu verlassen und allein zu Gott zu gehen, dann mag es zwar auf den ersten Blick scheinen, daß uns alles Bisherige, auch das Wertvolle und Schöne genommen wird. Doch Gott als der Spender aller guten Gaben wird uns nichts wegnehmen, sondern uns im Gegenteil das wahre Leben schenken. Er schenkt sich uns selbst und mit ihm gibt er uns Anteil an allem, was seine Liebe geschaffen hat. So ist der mitunter asketische Weg eines Johannes vom Kreuz doch ein Weg zur Freude und zum Leben. Nicht "Abtötung" ist das Ziel, sondern das Leben in Fülle, das Jesus Christus uns schenken will!
Das Leiden und die Verfolgung, die äußere und die innere Verlassenheit - all das eben, was wir als "Nacht" bezeichnen können, ist auf diesem Hintergrund der unbedingten Liebe Gottes zu uns Menschen kein Hindernis auf dem Weg zur Vollkommenheit der Liebe, sondern es wird von Gott zugelassen, damit wir im Glauben reifen. Die Seele wird geläutert, damit sie fähig wird, Gott allein zu umfangen. Johannes vom Kreuz ist trotz seiner vielen Leiden ein froher Mensch gewesen. Er wollte auch andere Menschen froh machen. Nicht ein finsterer Asket steht vor uns, der dem Leben nichts abgewinnen kann, sondern ein Mensch, der entdeckt hat, worauf es wirklich ankommt: aus der Liebe Gottes zu leben, die uns erfüllt und begleitet, bis wir einst Gott selber schauen dürfen in Herrlichkeit. Hier noch ein Gebet des Heiligen, das das Ziel der völligen Selbsthingabe an Gott gut ausdrückt:
Mein sind die Himmel und mein ist die Erde; mein sind die Völker, die Gerechten sind mein, und mein sind die Sünder; die Engel sind mein und die Mutter Gottes ist mein und alle Dinge sind mein, und Gott selbst ist mein und für mich, denn Christus ist mein und mein Ein und alles für mich. Was ersehnst und suchst du also noch, meine Seele? Dein ist all dies, und alles ist für dich.Die Brüder und Schwestern des Karmelitenordens versuchen diesen Weg der Hingabe an Gott in Einheit mit der Jungfrau und Gottesmutter Maria zu gehen. Ihr haben sie sich ganz übereignet, ihr Kleid dürfen sie tragen. Maria ist wirklich der sicherste Weg zu Jesus, dem einzigen Mittler zwischen Gott und den Menschen. Sie helfe uns durch ihre Fürsprache, zu dieser dem Evangelium entsprechenden Radikalität der Liebe zu gelangen, die uns der heilige Johannes von Kreuz vorgelebt und gelehrt hat! Amen.