Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs

Tod und Auferstehung Jesu
Predigt am Karfreitag (10. April 1998)

L 1: Jes 52,13-53,12; L 2: Hebr 4,14-16; 5,7-9; Ev: Joh 18,1-19,42


Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Der Sohn Gottes ist Mensch geworden und hat unter uns gewohnt. Er war in allem uns gleich außer der Sünde. Sein Leben war geprägt von der Hingabe an Gott und die Menschen.

Höhepunkt und zugleich Abschluß seines irdischen Lebens war der Tod Jesu am Kreuz. Gerade in der Fastenzeit beten wir öfters den Kreuzweg und betrachten das Leiden und Sterben des Herrn für uns. Vor allem tun wir dies am heutigen Tag, dem Karfreitag. Aber es ist wichtig, daß wir nie das Kreuz für sich allein betrachten, sondern immer zugleich die Auferstehung des Herrn in den Blick nehmen. Derselbe Jesus, der am Kreuz gestorben ist, er ist auferstanden und er lebt! In diesem Glauben sind wir hier versammelt und feiern wir jeden Sonntag als Tag der Auferstehung Jesu Christi von den Toten.

In unseren Kirchen und Wohnungen finden wir oftmals das Kreuz Jesu, entweder mit oder ohne Corpus. Wir haben uns schon viel zu sehr daran gewöhnt. Wenn uns Kinder fragen, was das Kreuz bedeutet, so sind wir momentan ratlos und ringen um Worte. Das Kreuz ist uns schon zu alltäglich geworden. Das soll aber nicht sein! Deshalb fragen wir uns:

Was kann uns der Blick auf das Kreuz lehren? Wie offenbart sich uns Gott gerade im Tod seines Sohnes am Kreuz?

Einerseits erkennen wir das furchtbare Unrecht der Sünde und die dahinterstehende menschliche und teuflische Bosheit, die den Sohn Gottes ans Kreuz schlagen ließ. Die Menschen waren verblendet und im Bösen verhärtet. Sie wollten nicht wahrhaben, daß der Sohn Gottes auf die Erde gekommen war, um sie den Weg des Heiles zu lehren. Der Evangelist Johannes sagt, daß die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht, denn ihre Taten waren böse. Weil sich der Mensch selber nicht ändern will, mußte der Unschuldige sterben. Er, der Gerechte, der ohne Sünde war, ist von den Sündern und Ungerechten verurteilt worden.

Aber ist es nur die Schlechtigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen von damals, die für den Tod Jesu am Kreuz verantwortlich war? Das wäre einseitig und allzu billig. Vor allem wäre es falsch, den heute lebenden Juden einen Vorwurf dafür zu machen, daß manche ihrer Vorfahren für den Tod Jesu am Kreuz verantworlich waren. Eigentlich trägt jeder Mensch, der sündigt, dazu bei, daß der Sohn Gottes ans Kreuz geschlagen wurde. Es sind die Sünden von uns allen, die Gottes Liebe zurückweisen. Diese Liebe aber läßt sich dennoch nicht beirren und gibt sich hin bis zum Tod am Kreuz!

So erkennen wir im Geheimnis des Kreuzes nicht nur die Größe der menschlichen Sünde und Bosheit, sondern noch mehr die übergroße Liebe Gottes. Freiwillig hat der Sohn Gottes Leiden und Tod auf sich genommen. Er hätte dies auch getan, wenn nur ein einziger Mensch zu erlösen gewesen wäre. Jeder von uns darf sich sagen: Für mich hat Gott dies getan, für mich ist Jesus gestorben und auferstanden!

Der allmächtige Gott hat sich in der heiligsten Menschheit Christi scheinbar ohnmächtig den Mächten des Bösen und des Todes ausgesetzt. Er hat die Ungerechtigkeit der Menschen erlitten und ertragen. Er leistete keinen Widerstand, als er verurteilt und gekreuzigt wurde. Er ließ sich nicht vom Haß besiegen, sondern besiegte den Haß der Verfolger und Peiniger durch seine unbegreifliche Liebe. Sterbend hat er für seine Mörder gebetet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und dieses Gebet war wirksam: Schon an der Seite des gekreuzigten Herrn bekehrte sich ein Verbrecher. Nach dem Tod und der Auferstehung Jesu erkannten viele, daß an Jesus Unrecht geschehen war und daß sie selber mitgewirkt hatten am bösen Tun. Sie bereuten ihre Sünden und ließen sich taufen.

Das Kreuz Christi ist ein Zeichen der Barmherzigkeit. Es ruft uns auf, nicht weiter im Unglauben und in der Verblendung zu verharren, sondern umzukehren und Gott zu lieben. Es ist die Kraft und Weisheit Gottes, die sich in der scheinbaren Ohmacht und Torheit des Kreuzes offenbart. Nehmen wir doch das Angebot der Liebe Gottes an und antworten wir darauf durch Reue und Buße sowie durch Werke der Liebe!

Das Kreuz Jesu ist ein Zeichen österlicher Hoffnung. Wir alle sind mit Jesus gekreuzigt und begraben durch die Taufe, wir werden einmal mit ihm auferstehen! Damit wir dieses Ziel errreichen, wollen wir auf die Gottesmutter Maria schauen, die unter dem Kreuz ausharrte und nicht irre wurde am Leiden und Sterben ihres Sohnes. Im Glauben blieb sie treu und erhielt daher auch als erste Anteil an seiner Herrlichkeit. Sie möchte auch uns durch ihre Fürbitte zum ewigen Leben führen. Amen.



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