Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

"Im Kreuz ist Heil!"
Predigt am Fest Kreuzerhöhung - 14. September 1997


(Dieses Fest fällt heuer auf den 24. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr B, und verdrängt diesen in der liturgischen Feier - vgl. das Direktorium für die Meßfeier)

L 1: Num 21,4-9; L 2: Phil 2,6-11; Ev: Joh 3,13-17

 

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

 

Am 14. September feiern wir mit der Kirche das Fest Kreuzerhöhung. Der historische Ursprung liegt in der öffentlichen Verehrung des wieder aufgefundenen Kreuzesholzes, das am 14. September 335 - einen Tag nach der Weihe der Konstantinischen Basilika über dem Heiligen Grab zu Jerusalem - feierlich den Gläubigen gezeigt und somit "erhöht" wurde.

Liebe Gläubige, als Christen dürfen und sollen wir uns des öfteren fragen: Wie halten wir es mit dem Kreuz? Ist es nur ein Dekorationsobjekt in unseren Wohnungen oder ein Schmuck an der Halskette, ein Symbol, das eine möglichst gefällige Form haben soll (vielleicht gar ohne Corpus), ein Zeichen also, das irgendwie dazugehört, uns aber im übrigen nicht stört, oder bedeutet es uns doch noch mehr?!

Als vor zwei Jahren das deutsche Bundesverfassungsgericht anordnete, daß in den Schulen aus Rücksicht auf Andersgläubige und Ungläubige keine Kreuze mehr hängen dürften, da regte sich berechtigter Widerspruch. Auch in Österreich wurde darüber diskutiert, und vielen wurde wieder neu bewußt: Mit dem Bekenntnis zum Kreuz steht und fällt unser Bekenntnis zu Jesus Christus, der für uns Menschen am Kreuz gestorben ist. Von der gläubigen Annahme des Kreuzestodes unseres Herrn Jesus Christus hängt unser christlicher Glaube ab, durch den wir das Heil erlangen sollen.

Ja, mit rein natürlichen Augen betrachtet, ist das Kreuz wirklich eine Torheit! Die Heiden zur Zeit des Apostels Paulus (vgl. 1 Kor 1,23) empfanden das ganz kraß: Sollte das wirklich der Sohn Gottes sein, der am Kreuz starb und somit in den Augen der Welt scheiterte?! Auch die Juden sahen im Kreuz eine Provokation, sogar eine Gotteslästerung. In der Antike war die Hinrichtung am Kreuz eine ganz schmähliche und ehrlose Todesstrafe für Verbrecher, und das sollte Gottes Wille sein?!

Uns ist diese Herausforderung durch das Kreuz weitgehend verlorengegangen. Wir fühlen uns durch das Kreuz normalerweise nicht in Frage gestellt in unserem alltäglichen Leben. Doch vielleicht wäre es hilfreich, sich dem Ärgernis des Kreuzes wieder bewußt zu stellen, um zum eigentlichen Geheimnis des Kreuzes, das nur im Glauben erfaßbar ist, vorzudringen!

So schwer verständlich uns das Kreuz auch auf den ersten Blick erscheint, es ist doch - im Lichte der Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus - ein Geheimnis des Lebens und der Liebe. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben! Eben darum ist der Sohn Gottes, der das ewige Leben in sich trägt, Mensch geworden, um durch sein menschliches Leiden und Sterben den Tod zu besiegen. Gerade indem er den Tod auf sich nahm, hat er Sünde und Tod entmachtet. In seiner Auferstehung hat Jesus, der Herr, siegreich über den Tod triumphiert. So hat auch unser Tod seinen letzten Schrecken verloren: Wenn wir an Jesus Christus glauben, dann sind wir eins mit ihm nicht nur im Sterben, sondern auch in seiner Auferstehung!

Auch die Liebe Gottes wird am Kreuz sichtbar: Wehrlos setzte sich der Sohn Gottes den grausamen und qualvollen Mißhandlungen der verblendeten Menschen aus, die seinen Tod verlangten und bei seiner Kreuzigung mitwirkten. Er verzieh seinen Peinigern und betete für sie am Kreuz: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lk 23,34). Er litt als Sündeloser und vollkommen Gerechter aus Liebe zu den Sündern stellvertretend für sie deren verdiente Strafe. Damit eröffnete er der verlorenen Menschheit wieder den Weg zum Heil: "Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn dahingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat."

Das Kreuz Christi zeigt uns einerseits die Größe der menschlichen Schuld auf (wir dürfen die Sünde nicht verharmlosen), erfüllt uns aber zugleich mit unerschütterlicher Hoffnung auf die barmherzige Erlöserliebe unseres Gottes. Wer an den Sohn Gottes glaubt, hat in ihm das ewige Leben!

Am Tag nach "Kreuzerhöhung", dem 15. September, feiert die Kirche das "Gedächtnis der Schmerzen Mariens". Wir denken daran, daß Maria, die Mutter Jesu, beim Kreuz ihres Sohnes stand und sich in mütterlicher Weise mit seiner Hingabe an den himmlischen Vater vereinte. Sie nahm auf einzigartige Weise teil an der Liebe Jesu Christi, die allen Menschen gilt. Vom Kreuz aus hat Jesus in der Person des Jüngers Johannes uns Menschen Maria als geistliche Mutter geschenkt! Nehmen wir zu ihr unsere Zuflucht, besonders in Stunden der Not. Sie wird uns die Kraft erbitten, daß wir in unserem Leben allezeit treu beim Kreuz Jesu Christi ausharren.

Wenn wir im Glauben und in der Liebe das Geheimnis des Kreuzes in unser Leben hineinnehmen, dann werden wir auch Anteil am Ostersieg unseres Herrn Jesus Christus erhalten. Amen.


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