Dr. Josef Spindelböck
Predigt am Hochfest der Aufnahme Mariens
in den Himmel (15.
August 2001)
L
1: Offb 11,19a.12,1-6a.10ab; L 2: 1 Kor 15,20-27a; Ev: Lk 1,39-56
Alle liturgischen Texte finden Sie im Schott-Meßbuch!
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
„Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter!“ Diesen Vers aus dem Magnificat hat die Jungfrau Maria ausgesprochen, als sie ihre Verwandte Elisabeth besuchte und von ihr begrüßt wurde. Es ist eine prophetische Aussage, in der das Marienlob der Kirche angekündigt wird. Die Völker alle, Menschen aus allen Geschlechtern, werden Maria selig preisen für das Große, das Gott an ihr getan hat! Dies hat sich seit 2000 Jahren vielfach bewahrheitet. Auch wir gehören heute zu denen, die zusammen mit der ganzen Kirche das Lob Mariens singen, wenn wir bekennen: Gott hat sie mit Leib und Seele aufgenommen in die Herrlichkeit des Himmels!
Wer ist Maria? Wer ist jene Frau, die von der Kirche so oft und an so vielen Festen auf besondere Weise gepriesen und verehrt wird? Was tun wir, wenn wir Maria verehren, wenn wir im Gebet bei ihr Zuflucht suchen und uns auf ihre Fürsprache an Gott wenden? Diese Fragen zu stellen ist nicht überflüssig. Es gibt Menschen, die ihre Schwierigkeiten haben mit der Verehrung Mariens. Sie sagen, das sei unbiblisch, lenke ab von Gott und wäre wie ein Götzendienst. Sind diese Argumente stichhaltig? Wie verhält es sich damit?
Wenn wir auf das irdische Leben der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria blicken, dann läßt sich in Übereinstimmung mit dem biblischen Zeugnis erkennen: Maria war eine Frau, die von Gott auf höchste Weise begnadet wurde, die sich aber in ihrer übergroßen Demut nicht würdig hielt, daß Gott sich ihr auf so außergewöhnliche Weise mitgeteilt hatte. Dennoch war sie in Glaube und Liebe bereit, mit den Gnaden Gottes mitzuwirken. Sie war einverstanden mit den Plänen Gottes und sagte von Herzen ihr Ja dazu. So durfte sie die Mutter Jesu Christi, des Sohnes Gottes, werden, der von ihr durch das Wirken des Heiligen Geistes ohne Mitwirkung eines Mannes empfangen und aus ihrem jungfräulichen Schoß geboren wurde und auf diese Weise wahrhaft Mensch geworden ist.
Bereits ihre Verwandte Elisabeth preist Maria selig, weil sie geglaubt hat, daß sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ. Maria aber beläßt dieses Lob, das ihr zuteil wird, nicht bei ihr selber. Sie gibt es weiter an den dreifaltigen Gott, den sie im „Magnificat“ preist: „Meine Seele preist die Größe des Herrn ...“ Es kann also kein Irrtum sein, wenn auch wir Maria unsere Ehre erweisen, denn Gott selber hat sie geehrt in der Menschwerdung seines Sohnes. Sie selber aber weiß, daß sie alles Gott verdankt und gibt ihm allein die Ehre!
Die Kirche verehrt Maria nicht als eine Person, die dem einzig wahren Gott zur Konkurrentin wird, sondern als heilige Jungfrau und Gottesgebärerin, die der Welt den Erlöser geschenkt hat und keinen anderen Wunsch hat, als die Menschen durch ihre Fürbitte zu Jesus Christus hinzuführen. Wer Maria verehrt, gibt Gott die Ehre. Wer sie findet, findet durch sie zu ihrem Sohn. Durch Maria zu Jesus! Anders geht es nicht. Dies ist ein bewährter katholischer Grundsatz, an dem auch wir festhalten wollen.
Was ist der Inhalt des heutigen Festtages? Die Kirche bekennt, daß die Jungfrau Maria bei Gott im Himmel ist, ja noch mehr: Sie bekennt in festem und unerschütterlichem Glauben, daß sie „ganz“, das heißt mit Leib und Seele im Himmel ist. Dies ist insofern eine besondere Auszeichnung, als sich beim Tod des Menschen die Seele vom Leib trennt. Der Leib wird ins Grab gelegt und geht der Verwesung entgegen. Erst am Jüngsten Tag wird er auferweckt, während die unsterbliche Seele auch nach dem Tod des Leibes weiterlebt und im persönlichen Gericht vor Gott Rechenschaft über das Leben auf Erden ablegen muß.
Die heilige Jungfrau Maria hat Jesus geboren, der der Welt das wahre Leben geschenkt hat. Nach seinem Tod am Kreuz ist er am dritten Tag auferstanden. Sein Leib brauchte die Verwesung nicht zu schauen, sondern ging ein in Gottes Herrlichkeit! Unser Herr Jesus Christus hat nun seiner heiligen Mutter Anteil an seiner Auferstehungsherrlichkeit geschenkt, indem er auch ihren Leib auferweckt und in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen hat. Mariens Leib war der Verwesung nicht preisgegeben, sondern wurde von Gott verwandelt und verklärt. Sie lebt nun bei Gott in strahlender Herrlichkeit ihrer heiligen Seele und ihres jungfräulichen Leibes!
So ist der heutige Festtag ein Bekenntnis der Kirche zur Vollendung des ganzen Menschen. Was in Maria zur Erfüllung gelangt ist, ist uns allen verheißen, wenn wir an den Sohn Gottes glauben und mit ihm in Liebe und Treue verbunden bleiben. Auch unser Leib wird am Ende der Welt auferweckt werden. Beten wir darum, daß wir dieser ewigen Auferstehung würdig werden durch ein heiliges Leben!
Mit Maria preisen wir die großen Taten unseres Gottes und Retters Jesus Christus. Er hat herabgeschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd und sie emporgehoben in sein himmlisches Reich. Wenn uns auf Erden auch so manche Not bedrückt, so haben wir dennoch Zuversicht auf unser himmlisches Erbe. Wir dürfen vertrauen, daß uns Maria als Mutter aller Gläubigen beisteht und alle Anliegen und Nöte vor ihren Sohn bringt. Wenn wir mit ihr verbunden sind in Freude und Leid, wird sie uns hinführen zu seligen Vollendung bei Gott. Beten wir darum, daß alle Menschen die Gnade Gottes annehmen und niemand seine Liebe zurückweist! Wenn Gottes Reich sich offenbart in Herrlichkeit, dann wird alle Sehnsucht erfüllt und unser Glück in der Gemeinschaft mit Maria und allen Engeln und Heiligen des Himmels vollendet. Amen.