Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau
Predigt für den Pfingstsonntag
(31. Mai 1998, Lesejahr C)
L 1: Apg 2,1-11; L 2: 1 Kor 12,3b-7.12-13 (oder: Röm
8,8-17);
Ev: Joh 20,19-23 (oder: Joh 14,15-16.23b-26)
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
Es ist eigenartig mit der menschlichen Furchtsamkeit: Es gibt Dinge, die wir mutig angehen, und Situationen, die wir ohne Angst bestehen. Aber jeder von uns hat wohl schon Momente oder Stunden gehabt, wo er vor einer bestimmten Aufgabe oder Situation zurückschreckte, weil er sich den Anforderungen nicht gewachsen fühlte. In einer solchen Lage mag es dann sein, daß wir zwar sehr genau wissen, was wir eigentlich tun sollten, aber im Moment nicht die Kraft dazu haben, sozusagen "Farbe zu bekennen" und für das Gute und Richtige einzustehen. Vielleicht genügt schon der abfällige Blick eines uns nahestehenden Menschen oder vielleicht gar die Kritik eines Unbekannten, um uns einzuschüchtern. Wir verlieren dann den Mut und haben oft nicht genug "Zivilcourage", um beispielsweise für einen Menschen einzutreten, der Not leidet oder dem Unrecht widerfahren ist, oder natürlich auch: um unseren Glauben mit Freimut zu bekennen!
Ganz ähnlich ist es den Aposteln ergangen: "Aus Furcht vor den Juden", so heißt es im Evangelium nach Johannes, waren sie bei verschlossenen Türen versammelt. Sie waren von den Ereignissen rund um den Tod Jesu am Kreuz so verstört und erschreckt, daß sie kaum wagten, unter die Menschen zu gehen. Zu sehr waren sie von der Angst eingenommen, ihnen könnte es ähnlich ergehen wie ihrem Herrn und Meister. Das war ihre Situation vor der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn.
Und mitten in diese verängstigte Schar entmutigter Christen tritt der Auferstandene! Er ist plötzlich da. Er ist da, ohne daß er sich angekündigt hätte. Er ist da, ohne daß ihm jemand die Türen geöffnet hätte. Er ist da, niemand weiß wie - und er gibt sich den Aposteln zu erkennen, indem er ihnen seine Hände und seine Seite zeigt!
Seine Worte klingen wie Balsam für ihre enttäuschten Seelen: "Der Friede sei mit euch!" sagt er, und damit es alle begreifen, wiederholt er diese Worte nochmals, um dann hinzuzufügen: "Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch."
Das Wort "Friede" beinhaltet wesentlich mehr, als wir damit auf den ersten Blick verbinden: Es ist damit nicht nur die Abwesenheit von Streit und Krieg gemeint, sondern eine umfassende Versöhntheit mit sich selber, mit der Natur und der Umwelt, mit den Mitmenschen und vor allem mit Gott. Das hebräische Wort "Schalom" bedeutet die Fülle des Heils, den Inbegriff des menschlichen Glücks, das alles umfaßt, was das Menschenherz ersehnt, und das letztlich nur in Gott, dem Spender aller guten Gaben, gefunden werden kann.
So verheißt Jesus wirklich das, was das Menschenherz ersehnt. Er spricht den Aposteln Mut zu und sagt ihnen: Das Heil ist euch nahe. Es ist euch geschenkt, aber zugleich durch euch auch allen Menschen. Ihr seid wirklich Apostel - Gesandte -, denn "wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch."
Nach diesen Worten geschieht etwas sehr Bedeutsames: Jesus hauchte sie an. Der Hauch, der Atem, der Wind, das ist auf Hebräisch, Griechisch und Lateinisch dasselbe Wort wie "Geist": "ruach, pneuma, spiritus". Mit dieser symbolhaften Anhauchung weist Jesus die Apostel auf den Heiligen Geist hin, und er spricht dabei die Worte: "Empfanget den Heiligen Geist!"
Von einer ganz ähnlichen Situation hören wir in der Lesung aus der Apostelgeschichte. Die Apostel sind zusammen mit den anderen Jüngern, mit den gläubigen Frauen und vor allem mit der Gottesmutter Maria nach der Himmelfahrt Jesu im Abendmahlssaal versammelt. Sie beten dort um die von Jesus verheißene Gabe des Heiligen Geistes. Auch sie sind trotz ihrer Erfahrungen mit dem auferstandenen Herrn noch von Furchtsamkeit gegenüber den Juden erfüllt. Da erfüllt plötzlich vom Himmel her ein Brausen das ganze Haus, und Zungen wie von Feuer erscheinen und lassen sich auf jeden von ihnen nieder. "Alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt", berichtet uns Lukas.
Der Geist der Liebe erfüllt mit einer solchen Macht ihr Herz, daß alle vorherige Angst und Furchtsamkeit wie weggeblasen sind. Sie treten hinaus vor die Tür und sprechen zur versammelten Menge, die auf ihre Worte lauscht. Ein jeder der Anwesenden - und es sind viele Angehörige fremder Völker dort - kann sie in seiner Sprache hören. Es ist vor allem Petrus, der zu den Menschen spricht und ihnen unerschrocken mit allem Freimut verkündet: Jesus lebt! Jesus ist auferstanden! Dieser Jesus, den ihr gefangengenommen und gekreuzigt habt, er lebt! Bekehrt euch und laßt euch taufen!
So wird uns heute zu Pfingsten in Lesung und Evangelium der Heilige Geist vorgestellt als lebensspendender Beistand und Tröster, der die Herzen mit Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt und der die Christen bereit macht zum Zeugnis ihres Glaubens vor der ganzen Welt.
Es wäre eine glatte Häresie zu behaupten, heute wäre der Heilige Geist nicht mehr am Werk. Im Gegenteil! Er bleibt in der Kirche gegenwärtig bis zum Ende der Zeiten. Auch wir haben an ihm Anteil durch Glaube und Taufe. Vor allem im Sakrament der Firmung sind wir gestärkt worden zum Bekenntnis des Glaubens an den auferstandenen Herrn. Es gibt keinen Grund für uns Christen, uns zu verstecken vor einer zweifelnden und ungläubigen Welt! Die "Welt" braucht unser Zeugnis. Wir sind verpflichtet, für den Glauben an Jesus Zeugnis abzulegen durch unser Wort und vor allem durch unser Leben. Diese Bereitschaft zum Apostolat ist uns nichts Fremdes, sondern ein inneres Anliegen. Je mehr wir mit Gott verbunden sind im Gebet, desto mehr wird uns der Heilige Geist antreiben, den Glauben mit anderen zu teilen und für ihn Zeugnis abzulegen.
Möge uns Maria, die Braut des Heiligen Geistes, durch ihre Fürsprache beistehen und uns den Heiligen Geist in reicher Fülle erbitten. Amen.
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