Kaplan Dr. Josef Spindelböck, Ybbs an der Donau

Predigt am Hochfest der Geburt des Herrn
(Weihnachten 1998)

Messe in der Nacht: L 1: Jes 9,1-6; L 2: Tit 2,11-14; Ev: Lk 2,1-14
Am Morgen: L 1: Jes 62,11-12; L 2: Tit 3,4-7; Ev: Lk 2,15-20
Am Tag: L 1: Jes 52,7-10; L 2: Hebr 1,1-6; Ev: Joh 1,1-18



Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

"Alle Jahre wieder" heißt ein bekanntes Weihnachtslied. Ja, die Zeit vergeht schnell - und wieder ist es Weihnachten. Es ist ein Fest, das Kinderherzen höher schlagen läßt. Nur der Geschenke wegen? Manche Menschen haben aber bereits genug von Weihnachten. Sie ziehen es vor, die Tage fern der Heimat irgendwo im fernen Osten oder in ähnlichen Gefilden zu verbringen. Sie klagen, sie hätten genug vom Konsumrausch, der viele in dieser Zeit erfaßt, und möchten ein derart "sinnloses" Fest nicht mehr feiern. - Ist Weihnachten wirklich sinnlos geworden? Was bedeutet es uns noch?

Wenn Sie heute am Gottesdienst teilnehmen, dann wollen Sie ein Wort des Glaubens hören. Es ist zu wenig, wenn wir nur eine rührselige Sentimentalität pflegen und uns von schönen Liedern in Stimmung versetzen lassen. Es kommt wesentlich darauf an, daß wir uns vom eigentlichen Geheimnis von Weihnachten mit Verstand und Herz ergreifen lassen. Die Botschaft des heutigen Tages lautet: Der gute Gott sagt "Ja" zu uns Menschen. Er steht zu uns und zeigt uns dies dadurch, daß er selber zu uns kommt in seinem Sohn. "Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt", schreibt der Evangelist Johannes in seinem Evangelium (Joh 1,14). Gott selber, der nicht auf den Menschen und dessen Glück angewiesen war, hat sich unser erbarmt und uns endgültig als seine geliebten Kinder angenommen. Im freien Entschluß seiner ewigen Liebe ist der Sohn Gottes - das ewige Wort - ein wirklicher Mensch geworden wie wir, in allem uns gleich außer der Sünde. Wenn das alles nicht nur eine Formel für uns ist, sondern lebendige Wirklichkeit, die wir im Glauben erfassen, dann bekennen wir uns als Christen doch zu einer Frohbotschaft, die einzigartig ist und keinen Vergleich mit irgendeiner anderen "Heilslehre" zu scheuen braucht!

Die Heilsbotschaft des heutigen Tages überwindet jede Negativität der Welt und unseres eigenen Lebens. Wieviel an Leiden und Not, an Ungerechtigkeit, an Streit und Unfriede, an Gewalt und Verbrechen gibt es doch in dieser Welt! Möchte man da nicht manchmal verzagen? Wir bemerken es auch in unserem Alltag: Vielerorts läßt der Glaube nach, die sittlichen Werte werden nicht mehr anerkannt und noch weniger gelebt. "Und weil die Mißachtung von Gottes Gesetz überhandnimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten" (Mt 24,12). Bedeutet diese traurige Diagnose das Ende von allem? Müssen wir auf jede Hoffnung verzichten? Gibt es noch Hoffnung auf das Gute? Das heutige Weihnachtsfest sagt uns, daß die liebende Zusage Gottes an uns niemals aufgehoben werden kann. Gott hat sich unauflöslich mit der Menschheit verbunden durch die Menschwerdung seines Sohnes, er hat einen heiligen und unauflöslichen Bund gestiftet. Wenn der Mensch auch untreu wird, so bleibt Gott doch getreu. Denn er kann sich selbst nicht verleugnen (vgl. Tim 2,13). Und diese Treue Gottes in seinem menschgewordenen Sohn, geboren aus der Jungfrau Maria, gibt uns Hoffnung. Wir dürfen gegen alle Hoffnung hoffen (vgl. Röm 4,18). Nie ist es zu spät für die Annahme der Liebe Gottes. Gott geht uns nach und gibt uns nicht auf. In jeder noch so verfahrenen Situation der Welt und vielleicht auch unseres persönlichen Lebens ist er uns nahe und sagt uns: "Glaube, hoffe, liebe! Meine Liebe soll dir genügen. Wagst du angesichts des Kindes in der Krippe, das arm und klein vor dir liegt, vielleicht noch an dieser Liebe zu zweifeln? Öffne doch dein Herz für mich. Ich bin es, der dich heimsucht und anruft, damit du mir auftust und ich in dein Leben eintreten kann."

Liebe Besucher dieses Gottesdienstes! Haben wir den Mut auszusteigen aus dem Trott eines Festes, das für viele nur mehr eine Konsumangelegenheit und ein weiterer Höhepunkt des Materialismus geworden ist! Leben wir "alternativ"! Das heißt nicht: Weihnachten abschaffen, sondern es wieder in seiner eigentlichen und wahren Bedeutung entdecken. Was ist wichtiger: die Geschenke oder das Kind in der Krippe? Der neue Mantel oder die herzliche Zuwendung? Freilich dürfen wir uns auch etwas schenken zu Weihnachten. Aber der Grund dafür liegt doch einzig darin, daß Gott uns auf unsagbare Weise beschenkt hat. Darin wurzelt unsere Freude. Diese Freude brauchen wir nicht zu verstecken, sondern wollen wir dankbar bekennen und leben. Wir hoffen, damit viele anzustecken, damit das Antlitz dieser Welt menschlicher wird, weil unser Leben durch die Menschwerdung Gottes göttlicher geworden ist. Ja, wir Christen haben eine unzerstörbare Hoffnung, die uns niemand nehmen kann - weder in diesem Leben noch im Tod! In diesem Sinn wünsche ich Ihnen eine frohe und gesegnete Weihnacht. Amen.
 


SANKT JOSEF - www.stjosef.at