6. Szene

Stephano: (kommt auf langem Weg zur Bühne und räuspert sich) Stör ich, Frater Roberto? Sonst säubere ich später die Bibliothek.

Roberto: (reagiert nicht)

Stephano: Frater Roberto, schläfst du jetzt schon im Sitzen und mit offenen Augen. Hallo! Marsmännchen an Frater Roberto: Bitte aufwachen!

Roberto: Komisch. Soeben hatte ich das Gefühl, eine Stimme gehört zu haben. Eigenartig. Wahrscheinlich wollen mir die Novizen wieder einen Streich spielen. Wäre besser, sie würden mehr lesen anstatt mit armen Patres ihren Schalk zu treiben.

Stephano: So jemanden wie meinen lieben Mitbruder Stephano gibt es kein zweites Mal. Da sieht man, was Bücher aus einem machen können. Tja, wenn bloßes Ansprechen ihn nicht in unsere Welt zurückbringt, dann muss ich zu härteren Mitteln greifen. Sonst wird die Klosterbibliothek nie staubfrei. (rüttelt an Roberto) Aufwachen, Frater Roberto, ich komme in einer wichtigen Angelegenheit zu dir! Kannst du mich hören?

Roberto: Papst Pius V. legte 1570 mit der Bulle „Quo Primum“ die Ordnung der Messe für die künftigen Jahrhunderte fest. Äh, Frater Stephano! Sprichst du mit mir?

Stephano: Gott sei Dank! Die Erde hat ihn wieder!

Roberto: Was meinst du damit? Wieso schleichst du eigentlich in der Bibliothek umher. Ah, du suchst ein Buch! Da könnte ich dir die „Summa Theologica“ von Thomas von Aquin empfehlen. Weißt du, Stephano, Thomas schrieb diese...

Stephano: Ich unterbreche dich nur ungern, aber bin nicht wegen eines Buches hier.

Roberto: Ach, so. Schade! Es wäre eine wahrhaftige Freude für meine Wenigkeit gewesen, dich in die Schätze unserer Bibliothek einzuführen. Worin besteht dann dein hochgeschätztes Anliegen, mein lieber Mitbruder?

Stephano: Eigentlich wollte ich nur fragen, ob ich dich eh nicht bei deinen Studien störe, wenn ich so nebenbei die Bibliothek von Staub und Spinnennetzen befreie?

Roberto: Solange du deine Arbeit nicht mit Gesang begleitest und mich dadurch von meinen Betrachtungen ablenkst, kannst du in diesem Raum alles machen. (findet ein Buch) Sieh an! Dieses Buch wollte ich schon immer mal lesen: Die Ordensregeln des Heiligen Ignatius!

Stephano: Und wieder ist er weggetreten. Na, wenigstens kann ich in Ruhe aufräumen! (räumt auf, währenddessen liest Roberto laut in einem Buch)

Roberto: Das Buch wird ja immer interessanter: Teil 4: Von den öffentlichen Schulen der Gesellschaft Jesu: An den Schulen halte man eine Ordnung inne, nach der die Auswärtigen in der christlichen gut unterrichtet werden; man sorge, dass sie wenn möglich jeden Monat beichten...(Motorenlärm, Roberto fährt hoch)

Roberto: Eine Explosion! Hilfe! Rettet meine Bücher! Helft mir!

Stephano: Aber Frater Roberto! Das ist doch nur das Automobil, das soeben in den Hof eingefahren ist! Also kommt Frater Michael doch heute noch!

Roberto: Welcher Frater Michael? Etwa der Franziskaner, der letztes Jahr an unseren großen Exerzitien teilnahm und uns mit seinen großen Erfahrungen in der Seelsorge in Staunen versetzte.

Stephano: Franziskaner? Kenn ich nicht! Natürlich kein Franziskaner! Unser Frater Michael! Michael Pro! Nun stell dich doch nicht so dumm! Du wirst doch noch unseren alten Kumpel Michael kennen, den lustigen Mexikaner, der uns schon im Noviziat und im Philosophiestudium mit seinen Scherzen zum Lachen brachte!

Roberto: Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder dunkel! Es fiel mir aber überhaupt nicht auf, dass er in letzter Zeit nicht anwesend war.

Stephano: Das kommt wohl davon, dass du deine Nase immer nur in staubige Bücher steckst. Solltest du es nicht mehr wissen, so werde ich dir kurz auf die Sprünge helfen. Frater Michael Pro kommt aus Nicaragua zurück, wo er ein volles Jahr ein Bubenkolleg und eine Schule geleitet hat.

Roberto: Aha, interessante Neuigkeiten.

Stephano: Die Neuigkeit ist schon genau ein Jahr alt. Aber das ist ja jetzt nicht so wichtig. Hauptsache, unser Mitbruder ist wieder zu Hause. Was der uns wohl alles erzählen wird? Ich muss ihn unbedingt begrüßen! Vielleicht erzählt er mir dann gleich, was er im Dschungel alles erlebt hat. Kommst, du auch mit, Frater Roberto?

Roberto: (stöhnt) Ich weiß nicht. Die viele Arbeit! Ach was! So Gott will, werde ich für kurze Zeit meine Geistlichen Übungen unterbrechen. Aber länger als eine halbe Stunde möchte ich nicht aufwenden, sonst ist mein ganzes Tagwerk durcheinander.

(Gehen auf langem Weg weg, Vorhang geht auf, drinnen spielt Michael, der auf einer Bank

sitzt, auf einer Mandoline. Dann kommt Stephano von Roberto gefolgt herein.)

Stephano: Mein lieber Mitbruder, wie froh bin ich doch, dass du wieder zurückgekehrt bist. Es hat sich nichts verändert seit du uns verlassen hast, außer, dass es wesentlich stiller geworden ist und unsere Lachmuskeln sich zurückgebildet haben. Sei herzlich gegrüßt, Michael.

Michael: Ich kann deinen Gruß nur erwidern. Ich hoffe nur, dass ihr nach einem Jahr voll Schonung der Lachmuskulatur keinen Krampf bekommt, wenn ich erzähle, was ich alles in den letzten Monaten erlebt habe. Ah, Frater Roberto, lässt seinen Büchern auch einmal einen Mittagsschlaf, um mir Gesellschaft zu leisten.

Roberto: Mein lieber Mitbruder in Christo, ich bin sehr gespannt, was du uns über deinen Einsatz für die Analphabeten in Südamerika berichten wirst. Man hört sehr vieles über das dortige Gebiet: Stimmt es, dass der Urwald dort extrem gefährlich ist?

Michael: O ja! Aber setzen wir uns doch erst einmal! Frater Roberto, du hast mit deiner Vermutung ganz und gar recht.

Stephano: Ich möchte die Geschichte von Anfang an hören. War die Schiffreise sehr anstrengend?

Michael: Anstrengend? So eine Menge Spaß durfte ich schon lange nicht mehr erleben. Auf der Hinreise nach Nicaragua befand sich ein Chinese an Bord, der den ganzen Tag auf Deck am Mastbaum lehnte und jammerte, da er schwer seekrank war. Es war schrecklich. Keiner traute sich mehr an Deck zu gehen, wo der Chinese, der durch die Seekrankheit doppelt so gelb im Gesicht war, herumkullerte. Als nicht einmal der Schiffsarzt mehr wusste, wie er dem armen Kerl helfen sollte, wagte ich mich hinaus und sprach mit ihm. Und sogleich wusste ich, wie ich ihm helfen konnte.

Stephano: Und wie hast du das angestellt?

Michael: Na ja, der Schiffsarzt hatte in seinem Sortiment von Medikamenten ein Fläschchen mit einer Substanz, die wahre Wunder wirken kann.

Roberto: Welche Arznei gedachtest du ihm zu verabreichen?

Michael: Rizinusöl. Ihr glaubt gar nicht, wie gut das Zeug wirkt. Nach 3 Achtel- Gläsern von dem Zeug fegte der Chinese in einem Höllentempo in die Kajüte. Das Problem war damit für beide Seiten erledigt. Der Chinese war nicht mehr mit seiner Seekrankheit, sondern mit anderen Dingen beschäftigt, und die Passagiere konnten wieder ungestört an Deck herumspazieren.

Stephano: (klopft ihm auf die Schulter) Gut gemacht! Auf diese Idee muss man erst einmal kommen.

Roberto: Als du dich in Nicaragua einschifftest, in welchem Zustand befand da sich unser Bubeninternat und die Schule.

Michael: In einem schrecklichen Zustand. Jedes Mal, wenn es regnete, und das tat es im Urwald täglich und in Strömen, durfte wir in den Zimmern haufenweise Kübel aufstellen. Ansonsten hätten die Wassermengen das Internat in einen Swimmingpool verwandelt.

Stephano: Und war der Urwald wirklich so gefährlich?

Michael: Allerdings. Eines Abend, als ich mich nach einem anstrengenden Arbeitstag in mein Bett legen wollte, musste ich erst einmal eine meterlange Schlange entfernen, die wohl auch die Wärme meines Bettes schätzte. Einige Male musste ich sogar Skorpione aus den Betten meiner Schützlinge entfernen.

Roberto: Deine Erzählungen hören sich ja außerordentlich brutal an. Wie aber gestaltete sich die Beziehung zu den Jungen? Was waren eigentliche deine Aufgaben zur Erziehung der Burschen?

Michael: Ursprünglich hieß es, dass ich den Jungen im Alter von 8 bis 10 Jahren das Schreiben beibringen sollte. Aber es gab weit größere Aufgaben zu erledigen. Die Kinder waren in religiösen Dingen weitgehend ungebildet, manchen musste ich sogar erst das Vaterunser lernen. Aber die Burschen hatten was drauf. Bei den Wettkämpfen und Olympiaden, die wir veranstalteten, waren alle mit Feuereifer dabei.

Stephano: Hattest du gar keine schwerwiegenden Probleme mit deinen Schülern?

Michael: Nein, im Großen und Ganzen war ich sehr zufrieden. Die Jungen erwählten mich zu ihrem Räuberhauptmann und damit war meine Machtbefugnis in der Gemeinschaft fest verankert. Außerdem ging verspätet sogar ein Jugendtraum in Erfüllung: Denn ich wollte schon immer Räuberhauptmann spielen.

Stephano: Ich möchte unbedingt noch mehr erfahren, aber eigentlich ist jetzt gerade der Arbeitsabschnitt. Wenn ich jetzt nicht schleunigst verschwinde und meiner Arbeit als Sakristan nachgehe, erwürgt mich morgen Pater Provinzial, weil am Hochaltar keine Kerzen aufgesteckt sind. Ihr beiden könnten euch ruhig noch weiter unterhalten.

Roberto: Ähm, ich als Bibliothekar des Klosters müsste auch noch einige wichtige Arbeiten in unserer ehrwürdigen Bibliothek vornehmen. Vorige Woche trafen einige sehr interessante Bücher über das Wirken unseres verstorbenen Papstes Pius X. – Gott habe ihn selig – ein, die ich der Kommunität nicht vorenthalten möchte. Die Bücher müssen noch infoliert und eingeordnet werden.

Michael: Geht nur, ihr zwei, ich will euch ja nicht von eurer Arbeit abhalten. Glaubt mir, solange ich meine Mandoline in der Hand habe, werde ich weder einsam noch traurig sein. Wir sehen uns ja heute beim Abendessen wieder! (gehen ab, Michael spielt wieder auf der Mandoline, Stimme ruft suchend, der Provinzial kommt.)

Provinzial: Frater Michael, wo sind Sie denn? Frater Michael!

Michael: Hier im Garten bei der Lourdesgrotte, Pater Provinzial!

Provinzial: Endlich habe ich Sie gefunden. Das ganze Kloster habe ich nach Ihnen abgesucht. Ich hoffe, dass Sie sich schon wieder ins normale Klosterleben eingelebt haben. Übrigens soll ich Ihnen herzliche Grüße von Pater General aus Rom ausrichten. Die Nachricht vom Erfolg Ihrer Arbeit in Nicaragua ist bis in unser Mutterhaus in Rom gedrungen und Pater General zeigt sich sehr erfreut darüber, dass Sie diese Aufgabe so hervorragend gemeistert haben.

Michael: Ich war sehr glücklich, für diese Arbeit an den Kindern ausgewählt zu werden.

Provinzial: Unser Pater General kennt ihre Geschichte und weiß, dass Sie eigentlich Mexikaner sind und sehr unter den politischen Umständen in Ihrer Heimat leiden. Leider berichtete er mir, dass die Situation sich mehr und mehr zuspitzt. Viele Patres müssen sich verstecken, da sie sonst auf offener Straße von Soldaten erschossen würden. Dieser Umstand ruft große Engpässe in der Seelsorge hervor, denn wir sind aus Personalgründen nicht mehr imstande, den gläubigen Katholiken die Sakramente zu spenden. Nun meinte unser Pater General, dass Sie der geeignete Mann wären, um die Leute im Glauben zu unterrichten und ihnen das Heilige Messopfer darzubringen.

Michael: Das geht doch gar nicht. Ich bin noch nicht mal zum Priester geweiht. Und meine Weihe ist für die nächste Zeit nicht in Sicht, da meine Studien nur langsam vorangehen.

Provinzial: Dasselbe Problem äußerte auch ich bei meinem Telefongespräch mit unserem Pater General. Aber dieser wollte davon nichts wissen und da Sie sowieso nur mehr ein oder zwei Semester brauchen würden, wird Ihre Priesterweihe vorverlegt. Sie werden notwendig gebraucht. Viele Menschen schreien regelrecht nach einem Priester. Ihren Studienabschluss können Sie später noch nachholen.

Michael: Es wäre wundervoll, meine geliebte Heimat wiedersehen zu können.

Provinzial: Allerdings muss ich sicher gehen, dass Sie auch gesundheitlich vollkommen fit sind. Sie mussten sich ja schon einige Male einer sehr schmerzhaften Magenoperation unterziehen. Es wurden mir nie irgendwelche Befunde gezeigt, darum wollte ich noch fragen, ob Ihr Magenleiden durch die Operationen behoben wurde?

Michael: Manchmal verspüre ich noch Schmerzen, aber...

Provinzial: Dann wäre es wahrscheinlich besser, Sie würden doch hier bleiben und weiter..

Michael: Nein, nein. Ich wollte sagen, dass ich mir diese Schmerzen wahrscheinlich nur einbilde. Bitte, sagen Sie Pater General nichts davon. Ich freue mich schon so darauf, bald selbst am Altare Gottes zu stehen und ein Gnadenvermittler zwischen Gott und Menschen zu sein. Bitte, erzählen Sie ihm nichts.

Provinzial: Nun gut, ich will wegen Ihrer Beharrlichkeit ein Auge zudrücken. Seien Sie in Zukunft klug und passen Sie gut auf Ihre Gesundheit auf. Gott braucht Sie noch als Werkzeug. (geht ab)

 

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