7. Szene

(Polizisten kommen auf langem Weg auf die Bühne und sprechen miteinander)

Polizist 1: Dieses Haus würde der Beschreibung des Oberinspektors entsprechen. Glaubst du wirklich, dass wir hier richtig sind?

Polizist 2: Natürlich sind wir hier richtig. Also dieses Haus soll den Katholiken als Treffpunkt dienen. Das hab ich mir ja schon lange gedacht!

Polizist 1: Von außen schaut es wie ein ganz normales Haus aus. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, in dieser Bruchbude einen geheimen Versammlungsort zu vermuten. Warum weißt du nur immer im Voraus schon alles?

Polizist 2: Weil ich im Gegensatz zu dir den richtigen kriminalistischen Riecher besitze. Allein an der Konstellation der Fenster und an der Farbe der Haustüre kann ich erkennen, dass in diesem Haus Feinde des Staates und Volksverräter wohnen.

Polizist 1: Tut mir leid, aber ich verstehe nicht, was Fenster mit der Einstellung der Bewohner zu tun haben.

Polizist 2: Umsonst bist du auch nicht nur ein Unterinspektor! Ich traue mich wetten, wenn neben dir ein Priester im schwarzen Talar vorbeigehen würde, kämst du nicht auf die Idee, dass er ein Geistlicher wäre. Ich hingegen rieche jeden Priester auch ohne Talar schon 10 Meter gegen den Wind! Selbst wenn er sich mit einer Polizeiuniform verkleiden würde!

Polizist 1: Darum schätzt dich unser Chef auch und hebt bei den Besprechungen dich als Beispiel und Vorbild für die ganze Mannschaft hervor!

Polizist 2: Und das zurecht! Im ganzen Umkreis gibt es keinen besseren und stärkeren Polizisten als mich.

Polizist 1: Du kannst echt stolz sein auf deine Leistungen. Wie hast du es nur geschafft, so viele Katholiken, vor allem Priester aufzuspüren und ins Gefängnis zu bringen?

Polizist 2: Ganz einfach: Weil ich diese Bagage abgrundtief hasse! Ich hasse diese alten Weiblein, die überall mit dem Rosenkranz in den Händen herumlaufen! Ich hasse diese jungen Männer, die für ihren Gott gegen unseren Präsidenten kämpfen! Am meisten aber hasse ich diese frommen Pfaffen, die nichts Besseres zu tun haben, als die Menschen zu verführen und mit „heiligem“ Brot zu füttern!

Polizist 1: Da jagt es mir ja direkt den kalten Schauer über den Rücken. Hast du denn kein bisschen Mitleid mit den armen Menschen! Was können sie dafür, dass sie so erzogen wurden. Sie tun ja niemandem etwas. Sie wollen doch auch nur ihren Glauben leben.

Polizist 2: Soll ich dem Chef melden, was du soeben gesagt hast. Mich wundert es nicht, dass du nur Unterinspektor bist. Man sollte dir das rote Uniformhemd der mexikanischen kommunistischen Polizei wegnehmen. Du bist echt eine Schande für die Staatspolizei.

Polizist 1: Du hast ja recht. Ich verspüre einfach zu viel Mitleid mit diesen armen Kreaturen.

Polizist 2: Und so einer wird mir zugeteilt. Aber jetzt genug gequatscht. Nach unseren Informationen müsste um 3 Uhr im Haus eine Versammlung stattfinden. Es ist jetzt 10 vor 3. Die ersten Katholiken werden bald eintreffen. Und wenn dann auch noch der Pfaff kommt, schnappen wir ihn uns. Wäre ja gelacht, wenn nicht bald einer mehr in einer dunklen Gefängniszelle sitzen würde!

(Polizisten gehen hin und her, bleiben links stehen, P. Michael kommt von rechts)

Michael: Mist. Polizisten. Und sie stehen gerade vor dem Haus, in dem ich in 10 Minuten die Heilige Kommunion an die Gläubigen austeilen soll. Wie soll ich jetzt nur in das Haus hineinkommen? Puh, eine Affenhitze hat es hier im Freien. Wieso habe ich nur heute die dicke Wolljacke angezogen, wo ich darunter sowieso mit einem roten Hemd bekleidet bin. Rotes Hemd! Das ist! Wenn ich die Jacke ausziehe, sehe ich wie die beiden Polizisten aus. Jetzt weiß ich auch, wie es mir gelingen wird, das Haus ungestört zu betreten. (geht mit Jacke über der Schulter auf Bühne und begutachtet den Vorhang, macht Notizen)

Polizist 2: (läuft hin und schreit) Halt, was machen Sie da! Sie behindern eine Polizeiaktion! Verschwinden Sie sofort von hier!

Michael: Wie können Sie es wagen, so mit mir herumzuschreien. Wissen Sie nicht, wen Sie vor haben?

Polizist 2: Es tut mir leid, aber...

Michael: Salutieren Sie gefälligst ordnungsgemäß, wenn Sie einen Vorgesetzten vor sich haben.

Polizist 2: Melde gehorsamst! Revierinspektor Rosso und Unterinspektor Miro von der 3. Polizeiabteilung. Sind gerade mit der Überwachung dieses...

Michael: Was halten Sie von mir? Glauben Sie, ich weiß nicht, wozu Sie hier sind. Mehr Aufsehen konnten Sie auch nicht erregen? Die Katholiken, die sich hier treffen wollten, haben sicher schon längst Verdacht geschöpft bei zwei so Hampelmänner, die nur vor dem Haus auf und ab gehen. Sie beiden gehen nun sofort zurück zu ihrem Polizeiposten. Die Aktion ist hiermit abgebrochen.

Polizist 1 + 2: Jawohl!

Michael: Außerdem werden Sie bei Ihrem Vorgesetzten Selbstanzeige wegen Offiziersbeleidigung erstatten und gemäß Paragraph 5 den dafür vorgesehenen Arrest absitzen.

Polizist 1: Aber es gibt gar keinen Paragraphen 5.

Polizist 2: Sei still! Du machst es nur noch schlimmer.

Michael: Maul halten und abtreten!

(Polizisten auf langem Weg weg, Vorhang auf, Michael geht hinein)

Michael: Nanu. Noch niemand hier? Hallo, ist da jemand?

Mann: Pssst, Pater Michael. Polizisten haben das Haus umzingelt. Deshalb haben wir uns im ganzen Haus verteilt und versteckt. Fliehen Sie, Pater, solange Sie noch die Möglichkeit dazu haben.

Michael: Das ist nicht nötig. Die Polizisten sind weg, und ich bin der Meinung, dass sie so  bald nicht wieder auftauchen werden. Für die nächsten paar Stunden sind wir sicher ungestört.

Mann: Gott sei Dank. Wir waren schon in großer Furcht um Ihr Leben, Pater Michael. Die Polizisten hätten Sie leicht verhaften können. Gottlob ist nichts passiert. Dann kann ich ja den Rest der Gemeinde aus ihren Verstecken holen!

Michael: Ist gut. Ich werde inzwischen alles für den Gottesdienst vorbereiten!

(richtet vorne auf einem Tisch alles her, die Gläubigen strömen herein, Kniebeuge?)

Mann: Pater Michael, es gibt ein Problem: Frau Gonzales ist unauffindbar. Sie hat genauso wie die anderen versteckt, aber kein Mensch weiß wo.

Michael: Sie meinen die ängstliche Frau Gonzales, die schon in einen hysterischen Schreianfall ausbricht, wenn sie nur eine Maus sieht?

Mann: Ja, genau diese. Sie war jedes Mal (jemand geht herein und wirft die Tür zu, es knallt) Ach, Juan, musst du denn immer die Tür zuwerfen, anstatt sie vorsichtig zu schließen. Du weißt doch, dass... (man hört eine Stimme, Deckel geht auf)

Frau: Nicht schießen, bitte nicht schießen! Ich ergebe mich! Ich bin unbewaffnet. Hier, sehen Sie meine Hände. Bitte erschießen Sie mich nicht! Ich bin Mutter von 12 Kinder. Meine Kinder können ohne mich nicht überleben. Erbarmen Sie sich einer armen, alten Frau! Ich klettere sofort aus meinem Versteck. Dann kann ich Ihnen alles erklären! (versucht, mit erhobenen Händen aus der Grube zu steigen)

Michael: Sie dürfen auch die Hände zu Hilfe nehmen.

Frau: Danke, Sie sind besonders freundliche Polizisten.... Aber Sie sind ja gar keine Polizisten. Wieso seid Ihr wieder aus Euren Verstecken gekommen? Ja, und der Pater ist ja auch schon da. Vergebt mir, dass ich Sie nicht sofort begrüßte, Pater Michael.

Michael: Ist schon in Ordnung, Frau Gonzales. Die Polizisten sind weg. Wir können in Ruhe Gottesdienst feiern. (dreht sich um, legt Stola an, die Leute stellen sich auf)

Michael: In nomine Patris, et Filii, et Spiritus Sancti. Amen. Dominus vobiscum!

Alle: Et cum Spiritu tuo.

Michael: Meine lieben Gläubigen, wir haben uns in einer schwierigen Zeit wieder einmal versammelt, um den kostbaren Leib unseres Herrn Jesu Christi mit reinem Herzen zu empfangen. Unsere Zeit ist schwierig und geprägt von einer Strömung, die die Kirche vernichten will: Dem Modernismus. Der Modernismus ist die anstürmende Woge, die in der heutigen Zeit das Schiff der Kirche zum Sinken bringen möchte. Doch je mehr die haushohen Wellen dieses Schifflein angreifen, desto mehr klammern sich die Gläubigen an die drei Masten des Schiffes. Diese drei Masten symbolisieren den die Gottesmutter Maria, die heilige Eucharistie und den Papst. Wenn wir uns an diese 3 Masten klammern, wird uns die Flut der Sünde und des Bösen nicht hinwegschwemmen, sondern wir werden sicher in den ewigen Hafen Gottes eingehen. Lasst uns deshalb in allen Stürmen des Lebens nie loslassen diese 3 Masten: Halten wir uns an Maria fest, indem wir möglichst täglich den Rosenkranz beten! Bleiben wir durch den würdigen Empfang des allerheiligsten Leibes Jesu Christi mit Gott verbunden! Und stehen wir in allen Schwierigkeiten treu zu unserem Papst und zu Gottes ewiger Kirche. Amen.

(Musik, Kommunionausteilung)

Michael: Benedicat vos omnipotens Deus, Pater et Filius et Spiritus Sanctus!

Alle: Amen.

Michael: Ite, missa est!

Alle: Deo gratias! (außer zweien gehen alle ab, Michael legt Stola ab)

Frau 2: Pater Michael, mein Mann und ich hätten eine große Bitte.

Michael: Sprechen Sie ruhig!

Frau 2: Sie wissen doch, dass wir die Eltern von 5 kleinen Kindern sind. Bis jetzt verdiente mein Mann durch seinen Beruf genug, um die Familie zu ernähren. Da er aber als engagierter Katholik bekannt ist, wurde ihm gekündigt und seitdem herrscht zu Hause große Not. Unsere Kinder schreien schon vor lauter Hunger.

Mann 2: Außerdem ist die Kleidung unserer Kinder völlig zerfetzt. Vor allem unser Baby, das erst einen Monat alt ist, friert entsetzlich, da wir keine warmen Sachen zum Anziehen besitzen. Wir brauchen dringend Hilfe, sonst stirbt das Baby!

Frau 2: Bitte helfen Sie uns, Pater. Bewahren Sie unser Baby vor dem sicheren Tod.

Michael: Natürlich werde ich Ihnen helfen. Ich bin mir nur noch nicht 100prozentig sicher, wie ich das anstellen soll. Wissen Sie, so groß meine Brieftasche und meine Speisekammer auch sind, so wenig ist doch drinnen.

Frau 2: Dann ist unser Schicksal besiegelt.

Michael: Das noch lange nicht. Ich kenne einen Schneider, selbst ein treuer Katholik, der für arme und mittellose Gläubige gerne in seiner Freizeit Kleidungsstücke schneidert. Die Adresse steht hier auf diesem Zettel. Und wegen des Essens können Sie zu mir nach Hause mitkommen.

Mann 2: Danke, Pater Michael. Wir sind Ihnen zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet. Übrigens, meine kranke Mutter lässt ausrichten, dass Sie freuen würde, wenn Sie kämen und ihr die Beichte abnähmen.

Frau 2: Und unser Baby muss auch noch getauft werden.

Michael: Geht in Ordnung. Ich hoffe nur, dass ich in nächsten Wochen die Zeit dafür aufbringen kann. Denn je mehr unsere Regierung die Religion verdrängen und ausrotten will, desto mehr Arbeit fällt für mich als Priester an. Morgen Exerzitien für die Taxifahrer, in der Karwoche dürsten einige Lehrerinnen nach den Wahrheiten des katholischen Glaubens und so weiter, und so weiter. Schade nur, dass ich mich immer verstecken muss und nicht öffentlich in priesterlicher Kleidung meinen Dienst versehen kann.

Mann 2: Tja, man würde sie kurzer Hand verhaften.

Michael: Verhaften ist ja noch gut. Die Polizei würde sich wahrscheinlich nicht einmal die Mühe machen, mich zu verhaften, sondern mich auf offener Straße sofort erschießen. Wenn ich nur daran denke, wie gegenteilig es in Europa ist. Hier würde man mich umbringen, sollte ich im Talar auf die Straße gehen. In Europa, wo die Gefahr nicht besteht, laufen die Priester aus Gleichgültigkeit im Hawaiihemd umher. So verkehrt ist unsere heutige Welt!

Frau 2: Übrigens, Pater, da ich sowieso den ganzen Tag auf die Kinder aufpassen muss, wollte ich Sie fragen, ob Sie nicht eine geistliche Lektüre hätten, die ich zu Hause lesen könnte.

Michael: Ach ja, jetzt habe ich schon wieder vergessen. Eigentlich wollte ich heute nach dem Gottesdienst jedem ein Exemplar des Hirtenbriefes unseres Bischofs geben. Hier haben Sie ein Exemplar. Aber passen Sie gut auf, dass Sie damit nicht erwischt werden, sonst könnten Sie leicht ins Gefängnis wandern.

Polizist 2: Aufmachen, Polizei! Öffnen Sie sofort die Türe, sonst schlagen wir sie ein!

Michael: Die Polizei! Rasch! Verstecken Sie sich unter der Klappe! Schneller!

Mann 2: Und was ist mit ihnen, Pater!

Michael: Machen Sie sich um mich keine Sorgen! Grüßen Sie Ihre Kinder von mir! (öffnet die Türe, Polizisten dringen ein)

Polizist 2: Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes! Wir wissen zwar nicht, wer Sie sind, aber Polizist sind Sie keiner. Wahrscheinlich sind Sie so ein Katholikenschwein! Vorwärts! Sie kommen jetzt mit zur Polizeistation, dort werden wir Sie verhören! Und sollten Sie etwas Verbotenes bei sich haben, werden wir es auch finden! Abmarsch! (führen ab)

Michael: (wirft Blätter hinten weg) Das glaube ich weniger!

 

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