8. Szene
(Im Zimmer geht der General auf und ab. Polizist 1 kommt herein und salutiert.)
Polizist 1: General Obregon! Melde gehorsamst. Haben eine verdächtige Person verhaftet, die möglicherweise in Verbindung zu dem heutigen Attentat auf Sie stehen könnte. Sollen wir ihn sofort hereinbringen?
General: Natürlich. Ich werde in dieser wichtigen Angelegenheit persönlich das Verhör übernehmen. Na los, beeil dich!
Polizist 1: Jawohl, Herr General! (salutiert, tritt ab)
General: Der kann etwas erleben. Es ist Zeit, dass den vielen Worten einmal Taten folgen. Im Volk rumort es schon gewaltig. Auch eine Revolution gegen die Regierung wird nicht mehr ausgeschlossen. Wo kommen wir denn da hin, wenn diese Katholiken glauben, sie können für die Religion und gegen den Kommunismus kämpfen. Genosse Stalin in der Sowjetunion weiß wenigstens, wie er die Vertilgung dieser Volksverräter angehen muss. Ab nach Sibirien, da bekommt diese ganze Bagage eh kalte Füße! (lacht höhnisch)
Polizist 2: Na los, beweg dich, du Katholikenschwein. General Obregon will dich sehen.
Polizist 1: Melde gehorsamst. Das verhaftete Individuum!
General: (geht auf Michael zu) Jaja, so schnell sieht man sich wieder!
Michael: Was meinen Sie damit? Ich kenne Sie ja überhaupt nicht und an eine Begegnung mit Ihnen kann ich mich auch nicht erinnern.
General: Dann muss ich Ihrem Gedächtnis wohl ein wenig auf die Sprünge helfen. Mein Name ist General Obregon. Na, dämmert es Ihnen schon?
Michael: Was denn? Ich habe keine Ahnung, wovon Sie überhaupt sprechen.
General: Nun gut. Probieren wir es einmal auf eine andere Art und Weise. Wann sind Sie mir zum letzten Mal begegnet?
Michael: Ich sagte Ihnen doch soeben, dass ich Sie noch nie in meinem Leben gesehen habe.
General: Lügner! Elender Lügner! Wenn du glaubst, du kannst mich an der Nase herumführen, dann muss ich dich leider enttäuschen. Wir wissen genau, dass du am heutigen Attentat beteiligt warst. Ihr zwei, bindet ihn an den Stuhl, damit ich ihn in aller Ruhe verhören kann. (2 Polizisten binden ihn an den Sessel) So, jetzt ist Schluss mit dem Versteckspiel! Gestehe gefällig, dass du mich umbringen wolltest!
Michael: Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen!
General: Ich spreche von dem Attentat, das heute Nachmittag auf mich verübt wurde. Also, verrate uns endlich die Namen deiner Komplizen, damit wir auch sie der gerechten Strafe entgegenführen können.
Michael: Ich habe keine Ahnung von diesem Attentat. Außerdem war ich heute Nachmittag bei Freunden zu Besuch.
General: Lüg mich nicht an! Ich habe dich sofort wiedererkannt. Du bist auch in dem Wagen gesessen, der versucht hat, eine gezündete Bombe in meine Limousine zu werfen. Da schaust du, was? Hast du nicht geglaubt, dass wir dir so schnell auf die Spur kommen.
Michael: In welchem Wagen? Welche Bombe?
General: Jetzt reicht es mir aber! Die Masche mit dem „Ich weiß von nichts“ zieht bei mir nicht. Für jede deiner frechen Lügen wirst du in Zukunft einen Hieb ins Gesicht bekommen. Also, gestehe, dass ihr so eine reaktionäre Katholikengruppe seid und mich aus dem Weg räumen wolltet, weil ich euren Aberglauben massiv bekämpfe.
Michael: Jetzt weiß ich, von wo ich Sie kenne.
General: Ach, der Gefangene besinnt sich eines Besseren. Na los, raus mit der Sprache!
Michael: Na ja, es war vor vier oder fünf Jahren. Sie waren damals noch Staatspräsident und hielten im Radio eine fürchterliche Ansprache gegen den Katholizismus. Ich habe ja gewusst, dass ich Ihre Stimme von irgendwoher kenne. Leider konnte ich mich nicht sogleich erinnern, Sie wissen ja, diese Radios rauschen ja entsetzlich....
General: (schlägt ihn ins Gesicht) So, das ist einmal die Strafe für deine Frechheit. Und das du es gleich weißt: Ich habe dich sofort wiedererkannt. Du fuhrst den Wagen, der meine Limousine rammen wollte, gerade als wir uns zu den Stierkämpfen in die Arena begaben. Die Idee mit der Bombe war zugegebenerweise nicht schlecht, aber bei der Ausführung habt ihr ja Stalin-sei-dank versagt. Kommt wohl davon, dass ihr Katholiken zuwenig Übung im Bombenwerfen habt! Haha!
Michael: Ah, das ist es, was Sie wollen. Sie möchten mir ein Attentat in die Schuhe schieben. Mein Herr, da täuschen Sie sich aber gewaltig. Ich war den ganzen Tag bei Freunden und...
General: Eine Züchtigung war dir wohl nicht genug! (schlägt ihn ins Gesicht) Ich hoffe, du merkst dir jetzt, dass man einen General nicht so einfach anlügt. Um aber auf das Ereignis heute Nachmittag zurückzukommen: Tja, ihr habt wohl geglaubt, ihr könnt euch unbesorgt aus dem Staub machen. Da habt ihr aber die Rechnung ohne meine Leibwache gemacht. Die Jungs wissen schon, was sie in einem solchen Falle zu tun haben. Und falls du es noch nicht weißt: Dem einen von euch pusteten sie ein wunderschönes kleines Loch in seinen aufgeblasenen Schädel. Haha! Da schaust du, was?
Michael: Ihr glaubt wohl, Ihr könnt mich mit euren Geschichten einschüchtern. Tatsache ist, dass ich...
General: Jetzt reicht es mir aber endgültig. Halte nun endlich dein verdammtes Maul, sonst bringe ich dich sofort eigenhändig um.
Michael: Ich fürchte mich nicht vor dem Tod.
General: Das werden wir ja gleich sehen. Entweder du gestehst nun endlich, dass ihr mich heimtückisch ermorden wolltet, oder verabschiede dich von dieser Welt!
Michael: Nein, ich habe nichts damit....
General: Du hast mich genug gereizt! Meine Geduld mit dir lausigem Verbrecher ist zu Ende! Polizisten, bindet ihn vom Sessel los! (die beiden kommen, binden ihn los und heben ihn auf) So, und jetzt knie dich sofort vor mir nieder! Na, wird´s bald! Drückt ihn gefälligst zu Boden! (Polizisten drücken Michael zu Boden, General nimmt Revolver und entsichert ihn) Soldat, nehmen Sie Ihren Revolver und zielen Sie auf die Schläfe des Gefangenen. Aber drücken Sie nur ab, wenn ich Ihnen den Befehl dazu gebe! (dreht sich zu Michael hin) So, das ist deine letzte Chance: Gib zu, dass du mich kaltblütig ermorden wolltest oder du wirst erschossen! Überleg dir gut, was du jetzt antworten willst. Eine falsche Antwort kostet dir dein Leben!
Michael: Da gibt es nicht viel zu überlegen. Gott ist mein Zeuge, dass ich nicht lüge. Ich bin unschuldig!
(Polizist 2 schaut gespannt auf den General, der dreht sich stumm um und schaut nur ins
Publikum)
Polizist: Soll ich ihn jetzt erschießen, General Obregon. Ich warte auf Ihr Kommando!
General: (hält kurz inne) Bindet ihn wieder an den Stuhl! (Polizist 1 bindet ihn wieder an, Polizist 2 geht zu General)
Polizist 2: General, wenn Sie mir eine Frage erlauben: Wieso wurde der Mann nicht exekutiert?
General: Ich wollte nur prüfen, ob er auf seinem Wort beharrt, oder ob er kneift.
Polizist 2: Sie werden ihm doch nicht wirklich glauben, dass er am Attentat an Ihnen nicht beteiligt war. Der Mann lügt doch wie gedruckt!
General: Wo habt Ihr den Mann überhaupt heute aufgegabelt? Und vor allem wann?
Polizist 2: Er versuchte uns während einer geheimen Polizeiaktion zu überlisten. Er gab sich als Offizier der Armee aus und schickte uns von unserem Beobachtungsposten weg. Aber kaum waren wir wieder zurück auf der Polizeistation, schöpften wir natürlich Verdacht und kamen wieder zurück um...
General: Mich interessiert eure Unfähigkeit nicht. Spar dir deine Geschichte! Sag mir lieber, in welchem Zeitraum sich alles abgespielt hat!
Polizist 2: Mal überlegen. Das erste Mal begegneten wir ihm um ca. 15 Uhr und um ca. 17 Uhr verhafteten wir ihn in diesem Haus.
General: Dann kann er doch gar nicht an dem Attentat beteiligt gewesen sein. Ihr seid wirklich Dummköpfe, dass Ihr mir so einen bringt. Wisst Ihr wenigstens, was er in diesem Haus zu suchen hatte?
Polizist 2: Eigentlich nicht. Wir vermuten nur, dass er wahrscheinlich ein Katholik ist.
General: Das ist allerdings wieder interessant. Vielleicht ist euch Schwachköpfen durch Zufall da ein ziemlich dicker Fisch ins Netz gegangen. Wenn das so wäre, hätten wir trotzdem einen Grund, um ihn hinzurichten.
Polizist 2: Also soll ich ihn doch gleich erschießen. (zieht wieder seinen Revolver)
General: Nein, natürlich nicht. Wir müssen den größtmöglichen Nutzen aus dem Attentat ziehen. Die wirklichen Täter sind wahrscheinlich schon längst über alle Berge. Da kommt mir dieser da gerade recht. Wir brauchen ihn nur als Täter hinstellen und öffentlich erschießen. Dann sieht die Bevölkerung wenigstens, was denen blüht, die sich mit der kommunistischen Regierung anlegt.
Polizist 2: Sollen wir ihn gleich abführen, General?
General: Nein, nein. Zuerst möchte ich ihn noch ein bisschen ausquetschen. He, du da, wie heißt du überhaupt?
Michael: Mein Name ist Michael Pro.
General: Bist wohl einer von diesen verdammten Katholikenschweinen, die dem Staat dauernd Schwierigkeiten bereiten?
Michael: Ich bin katholischer Priester.
General: Ah, schön langsam rückst du mit der Sprache heraus. Katholischer Priester. Sehr interessant. Und da fürchtest du dich gar nicht vor mir?
Michael: Wieso sollte ich mich fürchten? Ich habe doch kein Verbrechen begangen!
General: Glaubst du! Aber schon allein die Tatsache, dass du einer von diesen römischen Pfaffen bist, würde reichen, um dich sofort am nächsten Baum aufknüpfen zu lassen. Tja, gegen das kommunistische Regime bist du wohl ohnmächtig. Aber mach dir keine Sorgen, wenn du stirbst: In wenigen Monaten wärst du sowieso arbeitslos gewesen, denn bald wird es in Mexiko keinen einzigen Katholiken mehr geben. Allein die kommunistische Partei wird noch zählen und den Menschen als Religion dienen!
Michael: Wie seid ihr nur verblendet! Glaubt Ihr wirklich, Ihr könnt Gottes heilige Kirche zerstören. Königreiche und Herrschaften, Diktatoren und Kaiser vergehen, nur die Kirche Jesu Christi, der zur Rechten des Vaters thront, wird die Zeiten überdauern, bis zum letzten Tage. Wäret Ihr noch so mächtig, niemals werdet Ihr in der Lage sein, den Glauben an die allerheiligste Dreifaltigkeit und die Verehrung der Gottesmutter Maria auszurotten.
General: Wahnwitziger! Du bist blind vor religiösen Wahnvorstellungen! Siehst du denn nicht, wie die kommunistische Partei die Bürger Mexikos aus der Knechtschaft der Religion in die Freiheit führt?
Michael: Das nennst du Freiheit? Mit Waffengewalt ein Volk zu unterdrücken und auszubeuten. Der Wille des Volkes ist euch doch vollkommen egal. Euer einziger Zweck ist es, eure Gier nach Macht zu befriedigen. Was bringen eure sogenannte Modernisierung der Bevölkerung? Nicht als Leid, Not und Verderben. Die ungeborenen Kinder tötet ihr schon im Mutterleib! Mit eurer sexuellen Aufklärung erstickt Ihr das natürliche Schamgefühl eines jeden Menschen! Was ist das nur für eine Moral, die den Menschen gebietet, ihre Triebe ohne Rücksicht auszuleben. Ihr zerstört ohne Rücksicht alles, was den Menschen noch wichtig ist: Familie, Ehe, Kirche und Religion. Aber eines Tages werdet auch Ihr erkennen müssen, dass Ihr den falschen Weg eingeschlagen habt. Denn es wird der Tag kommen, an dem euer ganzes gottloses System vollkommen in sich zusammenbrechen wird. Dann wird nur mehr Christus, der König über Himmel und Erde herrschen!
General: Halt sofort dein Maul. Ich kann deine Märchen nicht mehr hören. Soldaten! Abführen! Und verkündet für morgen früh seine Hinrichtung! Die Menschen sollen sehen, was mit den Katholiken geschieht, die weiterhin gegen den Kommunismus kämpfen. Und dir wünsche ich morgen einen schönen Todestag! Haha! (Vorhang zu, Urteilsverkünder)
Verkünder: Bürger und Bürgerinnen Mexikos!
Morgen um 10 Uhr findet im Hof der Polizeistation die Hinrichtung des Attentäters und Priesters Michael Pro statt. Dieser konnte aufgrund genauester Untersuchungen der kommunistischen Staatspolizei. Beim Verhör gestand der lang gesuchte Schwerverbrecher, dass er General Obregon aus Hass auf das Regime grausam umbringen wollte. Um die Bevölkerung vor weiteren Aktionen dieses Volksverräters zu schützen, wurde der eben Genannte in einem Schnellverfahren sofort zum Tode durch Erschießen verurteilt. Es lebe der Kommunismus! Es lebe Mexiko!
(Vorhang auf, auf der rechten Seite steht der General, links einige Leute. Polizisten führen
Michael herein und stellen ihn in die Mitte der Bühne)
General: Michael Pro, sind für schuldig befunden worden, am Attentat an meiner Person mitgewirkt zu haben. Wollen Sie noch einen letzten Wunsch äußern?
Michael: Ich möchte beten. (kniet sich nieder, betet still, steht dann wieder auf)
Bürger und Bürgerinnen Mexikos, ich habe noch eine letzte Bitte an euch: Bleibt dem Glauben und der Kirche treu! Kämpft weiter für Gott und für die makellose Jungfrau Maria! Es muss Priesterblut fließen, wenn das Vaterland befreit werden soll. (küsst sein Kreuz, breitet die Arme aus) Gott erbarme sich euer! Gott segne euch! (leiser) Herr, du weißt, dass ich unschuldig bin. Aus ganzem Herzen verzeihe ich meinen Feinden.
General: Achtung! Gewehr anlegen!
Michael: Es lebe Christus der König!
General: Feuer! (Säbel, Polizist 2 schießt)
Mutter: Schau dir diesen Blutzeugen gut an, mein Junge. Er ist jetzt sicher bei Gott im Himmel. Präg´s dir tief ins Herz ein. Wenn du mal groß bist, sollst du wissen, wie man sein Leben hingibt, um den Glauben an Christus zu verteidigen. Du sollst einmal zu sterben wissen, wie er starb. Michael Pro, lege du für uns Fürsprache ein beim allmächtigen Gott!
Alle: Hoch der Märtyrer! Es lebe Christus der König! Es lebe der Papst! Es lebe die Kirche!