Predigt:
Allerheiligen C (01.11.2004)
L1: Offb 7,2-4.9-14; L2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a
Josef Spindelböck
Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!
In der frühen Kirche wurden die Christen immer wieder ausdrücklich als „Heilige“ angesprochen. Vielleicht ist Ihnen das bei den Briefen des Apostels Paulus schon aufgefallen, dass er seine Adressaten, sofern sie gläubig sind, einfachhin als die „Heiligen“ bezeichnet (vgl. Eph 1,3; Kol 1,2.4). Dies scheint uns ungewöhnlich, da wir uns heute die Heiligen nur im Himmel vorstellen können und von „lebenden Heiligen“ auf Erden keine hohe Meinung haben, da es sich hier ja nur um „Schein-Heilige“ handeln könne. Es gehört vielmehr in bestimmten Kreisen zum guten Ton, „kein Heiliger“ zu sein
Wie aber war es zur Zeit der ersten christlichen Gemeinden? War damals alles perfekt? Keineswegs! Es gab genauso Glaubensschwierigkeiten, Unglaube und Abfall vom Glauben wie heute. Es traten Zwistigkeiten unter einzelnen Gemeindegliedern auf, es kam zu Spaltungen und Parteiungen, ja zu persönlichen Zerwürfnissen. Immer wieder lebten auch einzelne Christen nicht so, wie es der Glaube erwarten ließ. In den „Lasterkatalogen“ des Neuen Testaments werden alle möglichen Sünden aufgezählt, die nicht nur als Gefahr drohten, sondern sich ganz real ereigneten. Und doch wagen es die neutestamentlichen Schriftsteller die getauften Christen ganz allgemein und gleichsam voraussetzungslos als „Heilige“ zu bezeichnen. Was kann das bedeuten?
Heiligkeit kann nur von Gott kommen, dem ganz Vollkommenen, dem Dreimal Heiligen. Wir dürfen aber bekennen, dass wir durch die heilige Taufe hinein genommen sind in die Gemeinschaft mit Gott. Wir haben Anteil an seinem göttlichen Leben erhalten, wir wurden geheiligt und sind so gleichsam neu geschaffen worden zum Leben mit Gott. In diesem Sinn sind die Christen tatsächlich „Heilige“, weil sie geheiligt sind durch das Bad der Taufe in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes.
Wenn der Apostel Paulus nun aber die Christen als „Heilige“ bezeichnet, so will er sie einerseits auf die hohe Würde hinweisen, die ihnen als Kinder Gottes zukommt. Andererseits folgt aus dieser seinsmäßigen Heiligkeit auch ein Aufruf zu einem heiligen Leben. Wer geheiligt ist durch Gottes Geist und Gnade, soll auch so leben, wie es diesem neuen Stand der Heiligkeit entspricht! Dazu gehört wesentlich die Verwirklichung der Gottes- und Nächstenliebe, entsprechend dem Gebot und Auftrag Christi des Herrn.
Der heutige Festtag „Allerheiligen“ kann diese Wahrheit, dass wir alle durch das Blut Christi geheiligt sind im Bad der Taufe, wieder neu bewusst machen. Heiligkeit ist kein überflüssiges Anliegen, sondern es sollte die „christliche Selbstverständlichkeit“ ausdrücken, dass wir alle zur Vollkommenheit der Liebe berufen sind.
Wenn am heutigen Tag liturgisch „aller Heiligen“ gedacht wird, so ist damit jene unzählbar große Schar der Geretteten gemeint, die bereits teilhaben dürfen an Gottes ewiger Liebe in der Herrlichkeit des Himmels. Ihre Namen kennt nur Gott allein. Auch wir sollen einst dazu gehören, da wir durch die heiligmachende Gnade gleichsam zu Erben des Himmels geworden sind.
Unvorstellbar viele sind bereits zu Gottes Herrlichkeit gelangt. Ihr Leben war nicht außergewöhnlich, sondern bestand in der täglichen Treue gegenüber dem, was diese Menschen als den Willen Gottes für ihr Leben erkannten. Auf diese Weise sind sie durch Gottes Gnade und durch die Mitwirkung ihres eigenen freien Willens wahrhaft vollendete Menschen, eben Heilige geworden.
Ausgerechnet in diesen Tagen freudiger Hoffnung auf ewige Vollendung werden manche unserer Zeitgenossen verstört durch einen wieder aufgelebten heidnischen Brauch. Das „Halloween-Treiben“ ist von der Unruhe der unerlösten Welt getragen und vom Schrecken böser Geister gefärbt. Darauf gibt es als Christen nur die eine Antwort, dass wir wirklich erlöst sind von allen bösen Mächten der Sünde und des Todes. Wir brauchen darum keine Angst mehr zu haben, wenn wir in Gottes Liebe geborgen sind und in seinem Frieden leben.
Einmal wird es offenbar werden, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Dann werden wir eintreten dürfen in die Vollendung der Geretteten, so wie es Gottes Plan der Liebe für uns vorsieht. Bitten wir unsere himmlischen Freunde, dass sie uns mit ihrer Fürsprache bei Gott beistehen. Empfehlen wir uns vor allem der Gottesmutter Maria, der Königin aller Heiligen! Sie möge uns gut durch dieses Leben begleiten, dass wir der Berufung entsprechen, die an uns ergangen ist und einst eintreten dürfen in den Chor aller Heiligen des Himmels! Amen.
