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Predigt:

Allerheiligen B (01.11.2003)

L1: Offb 7,2-4.9-14; L2: 1 Joh 3,1-3; Ev: Mt 5,1-12a


Josef Spindelböck

Liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

An Allerheiligen und Allerseelen besuchen wir die Gräber unserer Verstorbenen und beten für sie. Dies zu tun ist ein dem Menschen innewohnendes Bedürfnis und eine Tat der christlichen Nächstenliebe, die bis über den Tod hinaus reicht. Der Vormittag des Allerheiligenfestes wendet unseren Blick direkt zum Himmel, dorthin wo auch wir nach Gottes Plan der Liebe gerufen sind. Wir feiern das Fest aller Heiligen des Himmels.

Es gehört schon Mut dazu, sich derart eindeutig, wie es die Kirche tut, auf den Himmel zu beziehen. Heute gehört es ja zum guten Ton, dass man beispielsweise im Arbeitsleben gewisse Themen nicht anspricht. Wer wagt es schon, mit seinen Mitmenschen über die so genannten „Letzten Dinge“ zu diskutieren? Höchstens fallen ein paar unverbindliche Bemerkungen, wenn es vielleicht einen Todesfall im Kreis der Angehörigen oder im Bekannten- und Freundeskreis zu beklagen gilt. Ein ganz persönliches Bekenntnis wie: „Ich glaube fest an das ewige Leben bei Gott!“ ist eher selten.

Vielleicht hat der Mensch auch eine gewisse Scheu, das offen zu sagen, was er im Herzen trägt und als seine eigene Überzeugung festhält. Wer sich nämlich unverblümt als Christ bekennt und direkt ein Glaubensthema anspricht, gilt womöglich als Außenseiter oder Überfrommer. Und das will ja niemand sein!

Die eigentliche Hemmschwelle ist aber noch tiefer begründet. Es fehlt bei nicht wenigen die ganz sichere und lebendige Glaubensüberzeugung vom ewigen Leben in der Herrlichkeit des Himmels. Sie sehnen sich vielleicht nach einem solchen Glauben, wagen es aber nicht, ihr festes Ja dazu zu geben, dass Gott ein Gott der Lebenden ist, der die Toten nicht ihrem Schicksal überlässt, sondern zum ewigen Leben beruft.

Wie wichtig und befreiend ist da doch ein ganz klares und entschiedenes, frohes und zugleich demütiges Bekenntnis des Glaubens: „Ich glaube an Gottes Herrlichkeit, die er auch mir zuteil werden lassen will im ewigen Leben!“

Von daher wird freilich so manches Irdische infrage gestellt. Die Selbstverständlichkeiten unseres Alltags kehren sich um. Es ist nun nicht mehr das Entscheidende, dass das irdische Leben lang währt und in all dem gelingt, was der Mensch normalerweise ersehnt, wie Gesundheit, materielles Wohlergehen, gesellschaftliches Ansehen, Einfluss, Macht und Genuss. Diese Werte werden in ihrer Vergänglichkeit erkannt, denn sie sind tatsächlich sehr brüchig und können nicht über den Tod hinaus tragen. Entscheidend wird dann die Frage des Glaubens: Wie ist mein Gottesbild? Vertraue ich auf den barmherzigen und zugleich gerechten Gott? Bin ich bereit, ihm mein Leben zu unterstellen und es auf ihn allein auszurichten? Bemühe ich mich um das Gebet als lebendige Verbindung mit dem Gott der Liebe? Bedeutet mir der sonntägliche Gottesdienst etwas und empfange ich regelmäßig die heiligen Sakramente? Kann ich dem Mitmenschen verzeihen, auch wenn er mir Böses getan hat? Bin ich auch dort zur Hilfe bereit, wo ich nichts vom anderen erwarten kann? Nehme ich auch Krankheit, Leiden und Tod aus der Vaterhand Gottes an, da ich überzeugt bin, dass nichts uns trennen kann von der Liebe Christi?

Wer wirklich an den Himmel glaubt, für den hat sich der Kompass des Lebens gewendet. Die Nadel zeigt nunmehr weg vom eigenen Ich und hin auf Gott und den Mitmenschen. Nicht mehr die Dynamik des Habens, Raffens und Besitzens ist vorherrschend, sondern die der liebenden Hingabe, des Opfers und der darin liegenden, von Gott geschenkten Erfüllung. Diese Erfüllung des Lebens empfängt der gläubige Mensch schon hier auf Erden in jenem Frieden, den die Welt nicht geben kann. Es ist aber eine Erfüllung, die weit über das hinausgeht, was die Welt bietet. Die Liebe Gottes kennt keine Angst vor dem Tod. Im Tod, den wir mit Jesus Christus erleiden und bestehen, erwartet uns das Leben und das ewige Heil!

Der Respekt vor der Wahrheit des Glaubens macht es auch nötig, eine Alternative zur himmlischen Herrlichkeit zu benennen. Denn das Tor zum Himmel steht offen, die Liebe Gottes lädt ein, doch nicht alle wollen dieser Einladung Folge leisten. Wenn sich der Mensch bis zum Sterben hartnäckig der Liebe Gottes widersetzt und sich nicht mit Gott versöhnen lässt, dann muss er das ewige Getrenntsein von Gott auf sich nehmen. Er ist dann ausgeschlossen vom Himmelreich. Darum sagt Jesus, wir sollten uns mit allen Kräften bemühen, durch die enge Tür hineinzukommen. „Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen; denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen nicht gelingen.“ (Lk 13,24) Die Kirche darf die Lebensentscheidung des Menschen nicht verharmlosen. Automatisch kommen wir nicht in den Himmel oder gar gegen unseren Willen. Welche Menschen konkret freilich tatsächlich „Nein“ sagen zur Liebe Gottes und so die selbstverschuldete Verdammnis auf sich ziehen, entzieht sich unserem menschlichen Wissen. Wir dürfen über niemanden richten, auch wenn seine Taten auf Erden böse waren. Denn der Richter ist Gott allein. Vertrauen wir uns selber aber ganz entschieden der Liebe Gottes an! Ändern wir unser Leben und richten wir es ganz auf Gott hin aus. Er ist barmherzig und ermöglicht jedem einen neuen Anfang.

Der Himmel Gottes ist voll von Heiligen. Unzählbar groß ist ihre Schar. Auch Du und ich, wir alle sollen einst dazugehören. Jede und jeder hatte eine besondere Lebensaufgabe, der dieser heilige Mensch in Liebe entsprochen hat. Heiligkeit bedeutet Vollendung in der Liebe. Die Ewigkeitsgestalt des gelungenen Menschseins ist nur in Gottes Herrlichkeit zu finden.

Haben wir also Mut! Glauben wir an die treue Zusage Gottes, der uns das Himmelreich schenken will. Lassen wir uns ein auf die frohe Botschaft, die uns jeden Tag neu anspornt. Denn „heute“ ist der Tag der Gnade, an dem uns Gottes Ruf begegnet und wir ihm mit dem Einsatz unseres ganzen Lebens antworten sollen. Möge uns die Königin aller Heiligen, die selige Jungfrau Maria, durch ihre Fürsprache helfen, dass auch wir das ewige und selige Ziel unseres Lebens erreichen! Amen