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Dr. theol. Josef Spindelböck Liturgie
im Geist des Glaubens Rezension zu: Joseph Kardinal
Ratzinger: Der Geist der Liturgie. Eine Einführung
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Im Titel anknüpfend an das für die
Liturgische Bewegung in ihrer besten Ausprägung grundlegende Büchlein von
Romano Guardini „Vom Geist der Liturgie“ (1918) legt der Präfekt der
Glaubenskongregation ein wichtiges Werk zur Liturgie vor. Bereits 1981 hatte er
mit dem Buch „Fest des Glaubens“ wichtige Anstöße für die liturgische Feier und
eine ihr entsprechende und sie begründende Theologie gegeben.
Es geht Joseph Kardinal
Ratzinger „nicht um Anleitung zur liturgischen Praxis, sondern um Einsichten in
den Geist der Liturgie“ (178), die er hier vorlegen und dem
gläubig-verständigen Leser vermitteln möchte. Freilich wird die rechte Sicht
des Mysteriums Christi, das sich in der Liturgie der Kirche vollzieht,
gleichsam von selbst Auswirkungen auch für die liturgische Praxis zeitigen.
In vier wesentlichen Teilen
sucht der Bischof und Theologe Ratzinger sein Ziel zu erreichen: Nachdem
anfangs das „Wesen der Liturgie“ (9 ff) erspürt und erschlossen wird, geht es
dann um „Zeit und Raum in der Liturgie“ (45 ff), weiters um „Kunst und
Liturgie“ (97 ff) und schließlich um „Liturgische Gestalt“ (135 ff).
Literaturhinweise (194 ff) und ein gut aufgeschlüsseltes Register (200 ff)
runden das Buch ab.
Was wohltuend auffällt, ist die
theologische Fundierung aller Einzelaussagen. Ratzinger stellt die großen
Linien authentischen liturgischen Verständnisses im Einklang mit dem Glauben
heraus. Als dessen lebendigen Ausdruck sieht er die würdige Feier der
Erlösungsgeheimnisse in heiligen Zeichen und Riten.
So bestimmt er in „Liturgie und
Leben“ (11 ff) den Ort der Liturgie in der Wirklichkeit in der Weise, daß der
Kult in seiner wahren Weite und Tiefe „über die liturgische Aktion
hinausreicht“ (17) und die Ordnung des ganzen menschlichen Lebens umfaßt.
Christliche Liturgie steht immer in Beziehung zu Kosmos und Geschichte.
Schöpfung wartet auf den Bund des Heiles, den Gott in der Geschichte des
auserwählten Volkes und durch die Sendung seines Sohnes Jesus Christus mit der
Menschheit geschlossen hat, was in der Liturgie – und hier vor allem in
eucharistischen Opfer – anamnetisch präsent gehalten wird.
„Die vom biblischen Glauben
bestimmte Grundgestalt christlicher Liturgie“ hebt die Vorläufigkeit der
Tempelopfer auf ins Neue der Hingabe Christi. Dieser nimmt uns in seiner
Stellvertretung auf und führt „uns in jene Verähnlichung mit Gott, in jenes
Liebe-Werden hinein, das die einzig wahre Anbetung ist“ (40). So kann der
christliche Kult als wahrhaft „logosgemäß“ bezeichnet werden.
Die Inkarnation des Sohnes Gottes
nimmt die menschliche Zeit auf in den Raum der Ewigkeit, sodaß sich in der
Eucharistiefeier wie auch im Martyrium die „äußerste Realisierung der
Gleichzeitigkeit mit Christus“ (51), das Einssein mit ihm, vollzieht. Christi
Opfer als Stellvertretung will im „Semel“ („einmal“) sein „Semper“ („immer“)
erreichen und die Welt zum Raum der Liebe neuschaffen.
Auch im Kirchengebäude („Heilige
Orte“, 55 ff) wird die Einheit der biblischen Testamente deutlich: Der „innere
Zusammenhang von Synagoge und Kirchengebäude“ drückt sich durch Kontinuität und
Neuheit aus. Die synagogale Ausrichtung auf den Tempel zu Jerusalem wird zur
Ausrichtung gen Osten, hin auf den wiederkommenden Christus, was auch
Konsequenzen für die bevorzugte Richtung der Zelebration hat. „Wo die direkte
gemeinsame Zuwendung zum Osten nicht möglich ist, kann das Kreuz als der innere
Osten des Glaubens dienen. Es sollte in der Mitte des Altares stehen und der
gemeinsame Blickpunkt für den Priester und für die betende Gemeinde sein.“ (73)
Die „Aufbewahrung des Heiligsten
Sakraments“ soll die bleibende Gegenwart des Herrn herausstellen und zu dessen
anbetender Verehrung auch außerhalb der Messe einladen. „Damit die Gegenwart
des Herrn uns konkret anrührt, muß der Tabernakel auch in der Architektonik des
Kirchenbaues den gebührenden Platz finden.“ (79)
Im Kirchenjahr ereignet sich
„Heilige Zeit“ (80 ff), in der der Anruf der Gnade an uns ergeht, sich dem
„Jetzt“ der göttlichen Einladung zu öffnen.
Als „Grundprinzipien einer dem
Gottesdienst zugeordneten Kunst“ (113) können herausgestellt werden: 1. Bilder
dürfen nie ganz fehlen, da Gott „in seinem geschichtlichen Handeln in unsere
Sinnenwelt eingetreten“ ist, „damit sie durchsichtig werde auf ihn hin.“ 2.
Ihre Inhalte findet sakrale Kunst in den Bildern der Heilsgeschichte. 3. Das
Christusbild ist in seinen verschiedenen Ausgestaltungen immer das paschatisch
zentrierte Bild und Ikone der Eucharistie, „das heißt, es verweist auf die
sakramentale Gegenwart des Ostergeheimnisses“ (114). 4. Ziel ist das innere
Sehen des Glaubens, das hineinführt in die Schau Gottes von Angesicht zu
Angesicht in der himmlischen Herrlichkeit. 5. Obwohl die Kirche des Westens
ihren eigenen Weg nicht zu verleugnen braucht, den sie in der Bilderfrage
gegenüber dem Osten gegangen ist, sollten doch auch für sie „die Grundlinien
dieser Theologie des Bildes“ (115) als normativ angesehen werden. Somit besteht
ein Unterschied zwischen der sakralen, auf die Liturgie bezogenen Kunst und
einer allgemein religiösen Kunst.
Die gesangliche und musikalische
Form im Rahmen der Liturgie erwuchs zunächst aus der Praxis der jüdischen
Synagoge. Die Psalmen wurden christologisch gedeutet und neue Hymnen
komponiert. Auch die Musik der Liturgie muß „logosbezogen“ bleiben: Sie ist
wortbezogen, d.h. „daß die biblischen und liturgischen Texte die maßgebenden
Worte sind, an denen sich die liturgische Musik zu orientieren hat“ (128). Es
muß eine Musik sein, die den Geist des Menschen erhöht und ihn befähigt, ihn
mit dem Heiligen Geist zu vereinen. Liturgische Musik besitzt auch einen „kosmischen
Charakter“: Sie verleiht der unbelebten und unter dem Menschen stehenden
Kreatur eine Stimme und ist ein Miteinstimmen in das Lob der Engel.
„Liturgische Gestalt“ drückt sich
aus in den anerkannten Riten als „Gestalten apostolischer Überlieferung und ihrer
Entfaltung in den großen Traditionsräumen“ (141). Gerade hier zeigt sich, daß
auch die sich auf die Weitergabe und Auslegung der göttlichen Offenbarung
beziehende Vollmacht des Papstes Grenzen hat, da sie „im Dienst der heiligen
Überlieferung“ steht. „Noch weniger kann eine sich in Beliebigkeit verkehrende
allgemeine ‚Freiheit’ des Machens mit dem Wesen von Glaube und Liturgie
vereinbart werden“ (143). Denn die Liturgie lebt nicht von menschlichen
Einfallen; sie ist vielmehr „der Ein-Fall Gottes in unsere Welt, und der
befreit wirklich“ (145).
Die besondere Einbezogenheit des
Leibes in die Liturgie wird abschließend noch erörtert. „Tätige Teilnahme“ (149
ff) im Sinn des 2. Vatikanums zielt nicht primär auf äußere Aktion, sondern auf
inneren Mitvollzug des Opfers Christi und der Kirche. Der innere Sinn des
Kreuzzeichens wird aufgeschlossen: Es ist Bekenntnis zu Christus, dem
Gekreuzigten und Auferstandenen, und zum Dreifaltigen Gott. Als Haltungen des
Christen bei der Liturgie sind das Knien (die Prostratio), das Stehen und
Sitzen in Schrift und Tradition verankert. Doch der „Tanz ist keine
Ausdrucksform christlicher Liturgie“ (170). Denn was „man in der äthiopischen
Liturgie oder in der zairesischen Form der römischen Liturgie so nennt, ist
rhythmisch geordnetes Schreiten, das der Würde des Vorgangs gemäß ist, die
verschiedenen Wege in der Liturgie innerlich in Zucht nimmt und ordnet, ihnen
so Schönheit und vor allem: Gott-Würdigkeit gibt“ (171). Als Ausdrucksform der
Volksfrömmigkeit findet der Tanz je nach kulturellem Hintergrund hingegen
seinen Ort.
„Gebärden“ (174 ff) wie die
Orantenhaltung, das Falten der Hände oder das Klopfen an die Brust drücken
existentielle menschliche und christliche Haltungen aus. Weiters wird auf die
Bedeutung des liturgischen Wortes und des Schweigens hingewiesen. „Wer je eine
im stillen Kanongebet geeinte Kirche erlebt hat, der hat erfahren, was wirklich
gefülltes Schweigen ist, das zugleich ein lautes und eindringliches Rufen zu
Gott, ein geisterfülltes Beten darstellt“ (185). In dieser Feststellung liegt
eine gewisse Kritik an der liturgischen Praxis des ausschließlich lauten
Vortrags des Hochgebets. Diese Aussage Ratzingers ist als wichtige gedankliche Anregung bei der
Vorbereitung einer allfälligen „Reform der Reform“ zu werten.
Im „liturgischen Kleid“ (187 ff)
stellt der Priester Christus dar, den die Christen durch die Taufe „angezogen“
haben (vgl. Gal 3,22). Abschließend geht Ratzinger noch auf elementare
materielle Zeichen bei der Spendung der Sakramente ein: auf Wasser, Brot und
Wein sowie auf das Öl.
Man muß Kardinal Ratzinger dankbar
sein, daß er in diesem Buch wichtige Einsichten liturgischer Theologie wieder
ins allgemeine Bewußtsein gehoben hat. Dem Werk sind viele aufmerksame Leser zu
wünschen, damit es so seine Früchte trägt für eine wahre liturgische
Erneuerung, die dem 2. Vatikanischen Konzil verpflichtet ist und zugleich in
der Tradition des Glaubens und organischer liturgischer Entfaltung steht!
Linkhinweis:
Thesen zur Liturgie von Kardinal Ratzinger
Der Beitrag wurde aktualisiert am 17.04.2000.